Annabelle HirschAir de Paris

Im Élysée-Palast meint man, Édouard Louis sei „macroniste“

Manchmal driften die Meinungen zwischen Innen und Außen erstaunlich auseinander. Gerade zum Beispiel im Fall des jungen französischen Schriftstellers Édouard Louis. Vor ein paar Jahren trat Édouard, damals noch sehr schüchtern und zart, als Nobody aus dem Schatten seiner von Armut und Gewalt geprägten nordfranzösischen Kindheit und wurde mit „En finir avec Eddy Bellegueule“ über Nacht ein Star in Frankreich. Und kurz darauf in der Welt.

Heute, knapp fünf Jahre später, hat man den Eindruck, Louis sei vor allem im Ausland der Messias, auf den alle warteten: Die heiß ersehnte Rückkehr des „auteur engagé“, des Schriftstellers, der nicht nur gute Geschichten erzählt, sondern damit auch den Einsturz der bestehenden Machtstrukturen bezwecken will. So las man vorige Woche, Louis werde bald Gastprofessor an der Berliner FU und Louis sei nach der Premiere von Thomas Ostermeiers Inszenierung von „Im Herzen der Gewalt“ an der Schaubühne lange beklatscht worden. Den Autor und seine Bourdieu unterfütterten Kämpfe gut zu finden ist in Deutschland offenbar gerade ganz schick. Und warum auch nicht.

In Frankreich ist man sich da allerdings nicht mehr ganz so einig. Seit Wochen schon wird über sein letztes Buch „Qui a tué mon père“, eine Art Kampfschrift, gestritten. Weil Édouard Louis, der seinen Vater in seinem ersten Roman krass verurteilt hatte, diesen jetzt plötzlich verteidigt, weil er mit dem Finger auf jene zeigt, die seiner Meinung nach am Verfall, überhaupt am Leben und Sein dieses Vaters schuld sind: Chirac, Sarkozy, Hollande, Macron. Manche sehen darin das neue „J’accuse“, Frédéric Beigbeder liest Louis’ Schrift eher als ein „Germinal umgeschrieben von Calimero“. Und dann liest noch einer Édouard Louis, nämlich Emmanuel Macron.

Und das führte zu einem kleinen Skandal: berichtete am Mittwoch doch die Zeitung L’Opinion, im Élysée-Palast freue man sich sehr über Louis’ Buch, da der Autor offenbar, ganz ohne es zu wissen, total „macroniste“ sei. Unerhört, fand der junge Édouard und zückte empört sein Handy: „@EmmanuelMacron, mein Buch lehnt sich gegen das, was Sie tun und sind, auf. Ich schreibe, um Sie zu beschämen.“ Wie gut das nun klappt, ist seit vergangener Woche fragwürdig.