Therapie hinter Panzerglas

Immer mehr Straftäter gelten als schuldunfähig oder vermindert schuldfähig und landen im Maßregelvollzug – mit vagen Aussichten auf Heilung und Entlassung. Ein Fallbeispiel

Lüneburg, 10. Mai 2000, 21 Uhr. Ein Gleisbauer legt Schraubzwingen, Beton- und Metallplatten auf die ICE-Strecke Hamburg–Lüneburg. Er hebt mit einer Winde die Weiche auf der Ilmenaubrücke an, verursacht einen Kurzschluss und löst damit um 23.22 Uhr eine Warnmeldung aus. Für den Regionalzug kommt die Warnung zu spät. Der Lokführer drosselt das Tempo, kann aber nicht mehr bremsen. Der Zug kracht über die zwei Quadratmeter großen, fünf Millimeter dicken Stahlplatten. Es gibt keine Verletzten, doch die Fahrgäste sind gelähmt vor Schreck, erwarten den ICE: Über diesen Streckenabschnitt rast er normalerweise mit bis zu 140 Stundenkilometern über die Schienen. Kurz danach Entwarnung: Das Signal kam gerade noch rechtzeitig. Der ICE kommt vor der Brücke zum Stehen.

Noch in derselben Nacht nehmen Grenzschutzbeamte den Gleisbauer fest und sind erstaunt: Das Einzige, was er bei sich hat, ist Kaugummi im Wert von mehreren hundert Mark. Er habe es aus einem Kiosk gestohlen, berichtet die Landeszeitung am nächsten Morgen. Knapp ein Jahr danach steht er wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Lüneburg. Wieder berichtet die Zeitung und titelt zum Prozessende: „Schuldunfähig: Keine Haftstrafe für 37-Jährigen“. Ein psychiatrisches Gutachten hat ergeben, dass der Gleisbauer an Schizophrenie erkrankt ist.

Du weißt nie, wann und ob du hier wieder rauskommst. Ständig gibt es neue Gutachten“, sagt der Gleisbauer vier Jahre später im Maßregelvollzug. Lieber wäre er jetzt im Knast. Als er mit siebzehn ohne Führerschein Auto fuhr, saß er für ein paar Monate. Nach seiner Entlassung sollte es jeder wissen. Er tätowierte sich mit einer heißen Nadel ein Kreuz, einen Blitz und ein Herz auf den linken Unterarm. Er schiebt den Ärmel seines grauen Sweatshirts hoch. Das Tattoo ist blass und verschwommen. Der Arm war mal dünner, genau wie der Bauch und die vom Rauchen vergilbten Finger. Er raucht viel, ist nervös, auch jetzt. Er dreht ein Blättchen um den billigen Tabak, zündet ihn an, zieht. Langsam.

Alle Bewegungen sind langsam. Selbst das unablässige Zittern, das Vibrieren, das in seinen Händen zu wohnen scheint. Worte kriechen über seine Lippen: „Das kommt von den Medikamenten.“ Auch in dem Geruch auf der Station steckt diese Langsamkeit, diese Dumpfheit. Sie spielen Karten, heben im Kraftraum Gewichte, malen in Acryl, was sie fühlen. Einige lernen Deutsch, andere machen ihren Hauptschulabschluss. Alles gedämpft, wie in einem Kokon. Dennoch ist die Station mehr Gefängnis als Krankenhaus. Die Flure werden von Kameras überwacht, Panzerglastüren und elektronisch gesicherte Fenster versperren den Weg nach draußen. Der Hof ist mit Natodraht eingezäunt.

Der Gleisbauer wusste, dass er nachts auf der Ilmenaubrücke war, Stahlplatten auf die Gleise gelegt hatte, aber er konnte nicht begreifen, warum man ihn deshalb festhielt. Schließlich war nichts passiert, keiner verletzt. Er hatte doch alle gewarnt. Die ersten Monate lag er nur im Bett, sprach mit niemandem, erschien zu keiner Therapiesitzung. Einmal am Tag scheuchten ihn die Pfleger in den Hof. Er schleppte sich vor die Tür, hockte auf der Bank, den Natodraht im Rücken, rauchte zwei, drei Zigaretten, ging wieder ins Bett und starrte an die Decke. „Ich grübelte und grübelte. Ich wollte nur raus.“ Er versuchte es. Mit zwei Brotmessern hebelte er die Leisten des Toilettenfensters auf. Aber durchs Gitter kam er nicht. „Sie griffen nach mir und fixierten mich.“

Er hatte Angst vor den Medikamenten, erinnerte sich an Schweißausbrüche und diese Müdigkeit, die Neuroleptika früher in ihm ausgelöst hatten. Er spuckte die Tabletten, die man ihm gab, immer wieder aus, wehrte sich, solange er konnte. Es half nichts. Jeden Tag kamen Pfleger und redeten auf ihn ein. „Ich begriff irgendwann, dass ich hier nie rauskommen würde, wenn ich nicht mache, was die von mir wollen.“

Er schluckte die Medikamente. Er schwitzte. Er war müde. Er nahm zu, aber dafür ließen sich seine Gedanken wieder sortieren. Er schleppte sich zu den Gesprächsgruppen. Sie waren mühsam und quälten ihn. Er konnte sich nicht mehr verstecken, musste schließlich auch seine Geschichte erzählen, woran er sich erinnerte, von der Nacht, in der er die Gleise blockiert hatte. Von der Wut auf seine Kollegen, seiner Besessenheit, sie zu bestrafen, weil er sie hinter seinem Rücken hatte tuscheln hören, er sei faul und würde sich vor der Arbeit drücken. Ein Wahn, der ihn verfolgt hatte.

Schon einmal, vor acht Jahren, waren fremde Stimmen in seinem Kopf aufgetaucht. Seine Freundin hatte sich von ihm getrennt. Zwölf Jahre waren sie zusammen gewesen. Er hatte sie im Freibad kennen gelernt. Den ganzen Sommer über traf er sie dort nach Feierabend. Er war damals Lehrling bei der Bahn, alles war neu. Er mochte seine Arbeit, verfluchte nur die ewigen Nacht- und Wochenendschichten. Seine Freundin ging noch zur Schule, war gerade sechzehn. Sie lernte Schuhverkäuferin, wollte weg von den Eltern, genau wie er. Nach einem Jahr zogen sie zusammen. Erst lebten sie in einer Altbauwohnung, mit Toilette auf dem Gang, dann in einer Neubausiedlung. „Mit eigenem Bad und Zentralheizung. Es war eine gute Zeit. Wir waren auch auf den Malediven, zwei Wochen.“ Er verdiente nicht schlecht als Gleisbauer, knapp 3.000 Mark. Trotzdem war es nicht genug, etwas fehlte. Er weiß nicht genau, was es war. „Wir hatten einfach keinen Spaß mehr, glotzten nur noch fern.“

Als sie auszog, überfielen ihn die Stimmen. Bohrten sich in sein Hirn, beschimpften ihn, behaupteten, er sei ein Selbstmörder. Laserstrahlen verfolgten ihn. Er musste sich hinter Betonwänden verstecken, damit sie ihn nicht verbrannten. „Mir wurde furchtbar heiß. Nur wenn ich weglief, kühlte ich ab.“ Nachts träumte er, wie sich Haut von seinem Körper schälte. Er wurde immer ängstlicher, aß immer weniger, wandelte schlaflos durch die Straßen.

Eines Abends kam ich dann an einem Autohaus vorbei. Ich weiß nicht, wieso: Ich dachte, die Autos gehören alle mir und meinen Brüdern.“ Er zog die Zündschlüssel ab, nahm sie mit nach Hause, packte sie in eine Tüte und legte sie vor sich auf den Tisch. Er saß auf der Couch, stundenlang, rührte sich nicht vom Fleck, bis am nächsten Tag die Polizei kam. Das Autohaus zeigte ihn nicht an. Seine Schwester brachte ihn ins Krankenhaus.

Die Krankenkasse zahlte sechs Wochen in der Psychiatrie: Neuroleptika vertrieben die Stimmen und Laserstrahlen. Für mehr reichte es nicht. Ohne dass er begriffen hatte, woher die Stimmen gekommen waren, wurde er entlassen. Er war krankgeschrieben, drei Monate. Vielleicht vier. Doch er hockte nur zu Hause herum, allein vor dem Fernseher. Selten kamen Freunde vorbei. Konnte er sich aufraffen, kurvte er mit seinem Auto sinn- und ziellos durch die Gegend. In einer Praxis holte er einmal die Woche seine Medikamente ab. Ohne Gespräche, ohne Nachfragen. Irgendwann musste er nur noch morgens eine halbe Tablette schlucken. Es dauerte nicht lange, bis er nicht mehr an sie dachte.

Er fühlte sich gut, fing wieder an zu arbeiten. Doch plötzlich starb sein Vater: an einem Herzinfarkt. Gleich darauf auch noch die Mutter: durch einen Messerstich. Sie hatte als Kassiererin in einer Spielhalle gearbeitet. Jede Nacht rechnete sie ab und verließ als Letzte den Laden. Bis man sie eines Nachts überfiel. Er verdrängte die schrecklichen Bilder, das Messer, das sich in ihren Leib bohrt. Er funktionierte, in Tag- und Nachtschichten, wechselte Weichenteile aus und sicherte Schienenbrüche.

Doch seine Träume quälten ihn, raubten ihn den Schlaf, wie damals, als seine Freundin ihn verlassen hatte. Er kam immer häufiger zu spät zur Arbeit, hatte dauernd Rücken- und Nackenschmerzen. Es wurde unerträglich. Er ging zum Arzt und ließ sich krankschreiben. Minuten wurden zu Stunden, die Zeit stand still. Er schlug sie tot, gab Geld aus, das er gar nicht hatte, wollte sich ein Haus kaufen, bestellte ein zweites Auto, obwohl er allein lebte. Jeden Tag kamen neue Rechnungen und Mahnungen. Nur im Suff ertrug er das Chaos.

Seine Schwester wunderte sich über das zweite Auto. Sie bohrte nach, ahnte, dass etwas nicht stimmte. Doch er konnte es ihr nicht sagen, wusste selbst nicht, was mit ihm geschah, was er da tat. Er konnte sich nicht erinnern, seine Gedanken nicht sortieren. War er nüchtern, verdiente er Geld in den Straßen, wo er Sperrmüll für den Flohmarkt sammelte. Stühle, alte Schränke, alles, was ins Auto passte, nahm er mit. Auch in der Nacht zum 10. Mai 2000 zog er durch die Straßen und suchte nach alten Sachen. Aber es gab keinen Sperrmüll. Er hatte sich auf dem Kalender verguckt. Als er auf dem Rückweg an einem Kiosk vorbeikam, sah er die Kaugummis im Fenster und schlug die Scheibe ein. „Ich holte alles raus. Keine Ahnung, wieso. Essen wollte ich es nicht.“ Er packte die Kaugummis in eine Tüte und ging weiter. In der Nähe der Bahngleise hörte er ein Sicherheitsblasen. „Da wusste ich, dass meine Kollegen auf der Brücke sind.“ Er stieg über den Zaun, ging zu den Gleisen. Er griff nach einem Benzinkanister.

Daran kann er sich noch erinnern. Wozu er ihn brauchte, nicht mehr. Er fand die Schraubzwingen, Beton- und Metallplatten und schleppte sie auf die Gleise. Zwei Stunden verbrachte er auf der Brücke. Kurz bevor der Regionalzug kam, schloss er noch ein Kabel an, „einen Verbinder nennt man das, da ist an der Schiene so ein Isolierstoß, den habe ich überbrückt. Als Warnung.“ Am Stellwerk leuchtete es Rot auf. Er nahm die Tüte mit den Kaugummis, kletterte wieder über den Zaun und ging zurück zu seinem Auto.

Er hatte helle Kleidung an. Er lief den Grenzschutzbeamten direkt in die Arme. „Sie erkannten gleich, dass mit mir etwas nicht stimmte, dass ich durcheinander war.“ Er wehrte sich nicht, sagte nichts. Die Beamten nahmen ihn mit auf die Wache. Diesmal gab es eine Anzeige. Die Bahn verklagte ihn auf 30.000 Mark. Die Stahlplatten hatten die Lok des Regionalzugs beschädigt.

Heute wohnt er in einer betreuten Wohngruppe. „Ein unglaublicher Fortschritt“, sagt die leitende Ärztin des Lüneburger Maßregelvollzugs, Dr. Angela Legahn. „Man würde kaum glauben, dass er schwer krank war.“

Er selbst spricht von weggeschmissener Zeit. Wenn er wieder ganz draußen ist, will er seine Freundin besuchen. Sie arbeitet inzwischen als Kassiererin in einem Fleischerladen. „Ich habe ihr ein paarmal geschrieben, aber nie etwas zurückgekriegt. Ich weiß nicht, ob sie inzwischen verheiratet ist. Nur dass sie eine Tochter hat. Die müsste jetzt zehn sein.“