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Ruhe, Schuss, Tor!

Der Standard als Spielentscheider ist zurück. Dass bei dieser WM so viele Tore nach Freistößen und Ecken fallen, hat nicht nur damit zu tun, dass man die so schön üben kann

Der Moment vor einem der schönsten Tore der WM: Serbiens Aleksandar Kolarov gegen Costa Rica Foto: Montage taz Fotos: David Gray/reuter

Seit 1866 gibt es den Eckstoß, seit 1904 den direkten Freistoß. Und man muss sagen, sie waren ziemlich gute Ideen der Fifa, denn was wäre diese Weltmeisterschaft ohne sie, den Freistoß und den Eckstoß? Sie wirken wie Glutamat in einer faden Soße. Das Standardtor ist der Geschmacksverstärker in Spielen mit eher durchschnittlicher Attraktion.

In den ersten 17 WM-Matches fielen 22 der 42 Tore nach Standardsituationen. Also mehr als jeder zweite Treffer. Vor vier Jahren in Brasilien lag die Quote bei knapp einem Viertel. Aber warum sind Freistoßtore und Treffer nach Eckbällen so trendy?

Das liegt an der Natur der Standards, des „ruhenden Balles“. Spieler müssen nicht unter Zeitdruck, mit hängender Zunge und bedrängt vom Gegner blitzschnelle Entscheidungen treffen – was ja nicht selten zu Szenen krasser Überforderung führt. Beim Freistoß kann sich der Spieler sammeln, hat alle Zeit der Welt. Er kann psychomotorische Abläufe abrufen, die er im Training hundert-, tausendfach geübt hat.

Es geht nicht mehr um komplexe Beziehungen oder die Vernetzung von zehn Feldspielern, sondern nur noch um den einen, den Schützen. Fußball wird zur Sache des Individuums

Standardtore sind Tore der Streber, der Fleißigen und Abgezockten. Man kann sie üben und einstudieren. Als Schema F, das sich bei Bedarf wie eine Schablone übers Spiel legen lässt. Die Freistoßspezialisten in ihren Teams streben nach Entropie in einem Spiel, das sonst zum Chaos neigt. Da geht es nicht mehr um komplexe Beziehungen und die Vernetzung von zehn Feldspielern, es geht nur noch um den einen, den Schützen. Fußball wird zur Sache eines Individuums.

Solch begabte Egoshooter haben auch WM-Mannschaften in ihren Reihen, die sonst eher einen mediokren Kick pflegen, weswegen Trainer von spielstarken Teams schon mal abfällig auf die grassierende Standardisierung des Fußballs blicken.

Jogi Löw war lange Zeit ein Verächter des ruhenden Balles, war er doch überzeugt davon, seine Elf könne jederzeit „aus dem Spiel heraus“ Tore schießen. Er ist – doch, doch – ein Freund des Bewegtspiels, des flink von Station zu Station laufendes Balles und des Passes „in die Tiefe“, der idealerweise „Räume öffnet“. Aber die Standardsituation ist natürlich längst nicht mehr nur ein basales oder plumpes Mittel, auf das der Underdog zurückgreifen muss, weil er halt nicht anders kann. Der Standard gehört logischerweise auch zum Repertoire der hochbegabten Teams.

2014 bei der Weltmeisterschaft in Brasilien hat Löw seinen Dünkel gegenüber dem Freistoß abgelegt und so etwas wie Freistoß-Selbsterfahrungsgruppen im Training gebildet.

Die späteren Weltmeister durften mal ein bisschen herumspinnen. Und in einem Freistoßseminar erläuterte ihnen der damalige Co-Trainer des SC Freiburg, Lars Voßler, in der Vorbereitung aufs Championat, wie man die Mauer und den Torwart besonders geschickt überwindet. Ein Ergebnis dieses Repetitoriums war im Spiel gegen Algerien zu besichtigen, der sogenannte Malediven-Trick: Thomas Müller simuliert ein Stolpern, rappelt sich wieder auf, und hätte Toni Kroos den Ball nicht in die Mauer gechippt, wer weiß, was aus dieser kuriosen Freistoßvariante geworden wäre.

So innovativ sind die Freistoßschützen und ihre assistierenden Kollegen bei dieser WM noch nicht. Warum auch? Sie müssen sich ja nur an die Wahrscheinlichkeitsrechnung halten und drauflosballern. 52,4 Prozent der Tore fallen nach Standards, und direkte Freistoßtreffer gibt es in Russland schon zu Beginn des Turniers mehr als in Brasilien. Wer jetzt noch alles mit Tikitaka und spielerischer Klasse lösen will, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Im ruhenden Ball liegt die Kraft.