Betont optimistisch

Das Grazer Festival Styriarte spannt unter dem Motto „Felix Austria“ einen Bogen von der Feier des kulturellen Erbes bis zu den Zerreißproben der Gegenwart

„Le Cinesi“ von Gluck, mit Monika Schwabegger (Mitte), Elisabeth Breuer (rechts), Anna Manske (links), Benedikt Kristjansson, Georg Kroneis (Gambe) Foto: Werner Kmetitsch

Von Regine Müller

Vor fünfzehn Jahren war Graz Kulturhauptstadt Europas. Seither schmückt sich die Hauptstadt der Steiermark, von der es heißt, sie sei die italienischste unter den österreichischen Städten, mit futuristischer Architektur, wie dem Kunsthaus am Ufer der Mur und der kühn ins Wasser geworfenen Kunstplattform Murinsel. Und bereits seit 1985 sorgt das alljährlich in Graz stattfindende Musikfestival Styri­arte für überregionale Aufmerksamkeit.

Ein riesiges Foto von Nikolaus Harnoncourt prangt an der Wand des Palais Attems in der barocken Grazer Altstadt. Der vor zwei Jahren verstorbene Pionier der historischen Aufführungspraxis war lange Zeit die Galionsfigur des Festivals, das in den Räumen des Palais seinen Sitz hat. Der Macher aber war und ist Mathis Huber, der seit 1990 Intendant von Styriarte ist und damit einer der dienstältesten Festivalmacher überhaupt sein dürfte. „Ich bin eh aus der Zeit gefallen“, sagt Huber mit bedächtiger Selbstironie in seinem sparsam eingerichteten Dienstzimmer mit grandiosem Blick über die barocke Silhouette der Stadt.

Tatsächlich ist Huber in einiger Hinsicht seiner Zeit sogar voraus, wenn er etwa als Intendant des Orchesters „recreation“ schon seit langer Zeit am Dirigentenpult eine strikte Frauenquote pflegt, weil er das Orchester als „gesellschaftspolitisches Instrument entwickeln“ will. Das Schlüsselerlebnis für diesen Schritt hatte Huber, als er eines Tages für einen erkrankten Dirigenten Ersatz suchte. Er ging seine Liste durch und stutzte: „Da standen 70 Namen von 70 Männern. Das hat bei mir einen Schalter umgelegt.“

Keine Betriebsblindheit

In diesem Jahr steht das Styriarte-Festival unter dem Motto „Felix Austria“, das sich einerseits auf den „World Happiness Report 2017“ der Vereinten Nationen bezieht, in dem Österreich ziemlich weit oben rangiert. Und andererseits auf den alten Habsburger-Vers „Andere mögen Kriege führen, du, glückliches Österreich, heirate!“

Man könnte das Festivalmotto leicht als nostalgischen Blick zurück lesen oder aber als betriebsblinde Bekräftigung eines glücklichen Österreichs der Gegenwart. Dann aber müsste man die Augen vor den aktuellen Problemen Österreichs verschließen, der Diskussion um die Schließung der Grenzen und dem massiven Rechtsruck im Land. Tatsächlich ist das Festival, das bis 22. Juli läuft, eine klug austarierte Mischung aus der Feier des kulturellen Erbes, der Entdeckung unbekannter Schätze, der Aktualisierung von sattsam Bekanntem und der kritischen Betrachtung der brisanten Themen der Gegenwart.

Gleichwohl gibt es Programmpunkte wie das Kammerkonzert „Verklärte Nacht“ mit dem tschechischen Zemlinsky-Quartett, die mit Brahms, Zemlinsky und Schönberg das Erbe feiern. Aber mit den beiden Letztgenannten auch die Zeit des Zerfalls thematisieren. Dann aber gibt es Abende wie „Hundert Jahre Österreich“, an dem der bärbeißige Wiener Essayist Franz Schuh Texte von Karl Kraus, Joseph Roth und eigene messerscharfe Analysen und Polit-­Diagnosen im schönsten Wiener Grantel-Ingrimm verliest. Dazu steuert Gerald Preinfalk mit seinem Ensemble MASX rasante Saxofon-Arrangements bei, die einen Parforceritt durch die österreichische Musikgeschichte vom Kärntner-Lied bis hin zu Georg Friedrich Haas’Mikrotönen und Udo Jürgens’ Schlager-Schmalz bieten. „Warum liebt der Österreicher das Skifahren? Weil’s bergab geht!“, höhnt Schuh scheppernd ins Mikro und das Publikum amüsiert sich.

So stellt sich bald heraus, dass das Motto durchaus politisch gemeint ist. Huber bevorzugt politische Festival-Themen: „Sie liegen ja in der Luft.“ Vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung, lautete das Thema des Osterfestivals „Gastfreundschaft“. Von Überlegenheitsgesten und Belehrung hält Huber allerdings wenig: „Ich denke, dass wir als Kulturmacher gut beraten sind, unsere Gäste nicht mit Moral zu verprügeln.“

Wie immer gibt es auch in diesem Jahr große Opernproduktionen wie etwa das Fux.OPERNFEST, das zu Beginn des Festivals eine Rarität, Johann Joseph Fux’ „Julo Ascanio, Re d’Alba“, auf die Bühne bringt oder Glucks wenig bekannte Oper „Le Cinesi“, die ebenso wie die Fux-Oper eingebettet ist in ein Fest, das sich auf den eigens angelegten Glücksgarten an der Helmut-List-Halle erstreckt.

Der barocke Fest-Gedanke ist dem Festivalmacher wichtig: „Das Felix-Austria-Thema ist nicht zufällig, sondern absichtlich optimistisch, weil wir erzählen wollen: Austria steht nicht für Österreich, sondern für die freie europäische Gesellschaft. Unser paradiesischer Zustand, in Freiheit zu leben, ist kein Naturgesetz, sondern gemacht. Und darauf müssen wir aufpassen, denn die Freiheit ist in Gefahr.“

Die Flüchtlingsdebatte wird erneut zum Thema werden, denn am 13. Juli kommt Beethovens „Fidelio“ mit Andrés Orozco-Estrada am Pult zur Premiere, in der Grazer Neufassung werden die Dialoge ersetzt durch Videos, die Interviews mit Flüchtlingen zeigen. Die eisiger werdende Stimmung in Europa registriert Huber besorgt: „Es ist nichts unvorstellbar, wir nehmen mit Schaudern wahr, was in Budapest in den Theatern passiert. Wir sind aber momentan davor gefeit, dass die Rechte unsere Spielpläne übernimmt. Sie haben einfach nicht das Personal dazu.“