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„Ich denke jetzt viel mehr über politische Zusammenhänge nach“

SchülerInnen durch eine KZ-Gedenkstätte führen oder über die Lebensbedingungen in afrikanischen Staaten informieren: Interessierte für ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Politik können sich jetzt nach möglichen Aufgabenfeldern erkundigen

Führungen durch die KZ- Gedenkstätte Bergen-Belsen entwickeln: eine von vielen möglichen Themen für ein Freiwilliges Soziales Jahr Foto: Holger Hollemann/dpa

Sie arbeiten bei kirchlichen Akademien, bei politischen Stiftungen, bei Bürgerradios, in Ausländerräten, bei Menschenrechtsorganisationen – junge Leute bis 26 Jahre, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FJS) im politischen Leben/in der Demokratie machen. Dieses FSJ Politik dauert ein Jahr und wird in den meisten Bundesländern angeboten (siehe auch www.pro-fsj.de), damit junge Menschen politische Prozesse besser verstehen und selbst aktiv werden.

„Ich bin sehr politisch interessiert. Nach der Schule und vor dem Studium wollte ich mal etwas ganz anderes machen und auch praktisch etwas Gutes tun. Deswegen habe ich mich für meine FSJ-Stelle entschieden“, sagt Juri Niephaus, der in Mainz bei Aktion Tagwerk ein Jahr lang tätig ist. Aktion Tagwerk ist ein gemeinnütziger Verein, der in diesem Jahr am 19. Juni bundesweit an Schulen die Kampagne „Dein Tag für Afrika“ organisiert hat. An diesem Tag arbeiteten SchülerInnen aus Hamburg, Bremen, Kiel, Hannover, Emden, Helmstadt, Melle und Bad Grund gegen Bezahlung in Betrieben, nahmen an einem Spendenlauf teil oder veranstalteten andere Aktionen, deren Einnahmen an Bildungsprojekte in sieben afrikanische Länder fließen.

„Ich war im September zu Beginn meines FSJ in Ruanda und habe mir verschiedene Projekte angeschaut, die wir unterstützen wie Straßenkinder, alleinerziehende Mütter oder Kinderfamilien“, erzählt Niephaus. Kinderfamilien – damit meint er Kinder und Jugendliche, die gemeinsam ohne Eltern aufwachsen und in denen die Älteren für die Jüngeren verantwortlich sind.

Das Taschengeld: knapp 400 Euro

Niephaus nimmt Kontakt zu Schulen auf, stellt den Tag für Afrika vor und wirbt darum, dass Schulen sich daran beteiligen. Er besucht die interessierten LehrerInnen und SchülerInnen, gibt Anregungen und entwickelt mit ihnen Ideen, was man an diesem Tag machen könnte. „Für diese Tätigkeit ist viel Büroarbeit und auch viel Kommunikation nötig. Man muss Vorträge halten, auf Menschen zugehen können. Das war für mich nicht neu, doch jetzt traue ich mir viel mehr zu. Das war die richtige Wahl“, sagt Niephaus.

Was hat sich für ihn durch das FSJ geändert? „Ich denke jetzt viel mehr über politische Zusammenhänge nach. Das Bewusstsein, möglichst nachhaltig zu leben, war auch schon vorher da, die Notwendigkeit wird durch diese Arbeit noch mal klarer. Dabei merke ich, dass das mit dem nachhaltigen Leben nicht immer klappt.“ Seine bisherigen Erfahrungen bestärken ihn im Gedanken, im Herbst vermutlich mit einem Lehramtsstudium zu beginnen. Niephaus gehört keiner Partei und keinem Verband an. Mit aktueller Politik hatte er sich vor dem FSJ etwa in einem Theaterprojekt zum Thema Flüchtlinge auseinandergesetzt.

Sie sind politisch überdurchschnittlich interessiert und meist auch aktiv, ohne Mitglied in einer Organisation zu sein, männlich und haben das Abitur – so sieht der durchschnittliche FSJler Politik nach Daten der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste aus, die u. a. in Mecklenburg-Vorpommern das FSJ Politik organisieren. Es beginnt im September, das monatliche Taschengeld liegt bei knapp 400 Euro.

„Insgesamt wächst das Interesse am FSJ Politik, gerade bei jungen Frauen. Die Bewerber melden sich bei uns und wir beraten sie, welche Stelle ihren Wünschen entsprechen könnte. Die jeweilige Einsatzstelle entscheidet dann, wen sie nimmt“, sagt Marta Rupprecht-Mößle, als IJGD-Bildungsreferentin für das FSJ Politik zuständig. Sie rät Interessenten zum schnellen Handeln „Wer sich erst im Juli bewirbt, bekommt mit Glück noch einen Platz“, sagt Rupprecht-Mößle.

Sie betont den Anspruch auf fünf Bildungswochen während des FSJ – in Seminaren bestimmen die Teilnehmer die konkreten Themen aus Oberthemen wie politischer Extremismus, Krieg und Konflikte, Medien, Menschenrechte oder Nachhaltigkeit, mit denen sie sich intensiv auseinandersetzen. Die Selbstständigkeit soll auch durch den Schwerpunkt der FSJ-Zeit gefördert werden.

Dinge, die einen schockieren

Sven Bohnsack absolviert sein FSJ Politik in der Gedenkstätte Bergen-Belsen und will noch im laufenden Monat die Konzeption für eine Führung zum Thema Homosexuelle im 3. Reich fertig stellen. Er liest dazu viele Bücher, studiert Akten von KZ-Häftlingen und macht sich Gedanken, wie man das Thema Besuchern näherbringen kann. Dabei helfen ihm auch die Erfahrungen, die er bei den gut dreistündigen Rundgängen mit Schulklassen über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers macht, in dem mehr als 50.000 Häftlinge starben. „Anfangs bin ich bei Führungen mitgelaufen und habe mir einiges abgeschaut. Meist sind die SchülerInnen interessiert und mir gegenüber wegen meines Alters vielleicht auch offener“, sagt der 19-Jährige.

Er hat eine 39-Stunden-Woche, führt zweimal die Woche Gruppen in der Gedenkstätte, nimmt an Besprechungen teil und kann sich ansonsten die Arbeitszeit frei einteilen. Sein Interesse an der NS-Zeit hat Bohnsack dazu gebracht, sich in der Gedenkstätte zu bewerben. „Freunde wollten wissen, ob es nicht schwer sei, hier täglich zu arbeiten. Es gibt immer wieder Dinge, die einen schockieren oder die ich mir auch nicht ständig anschaue wie die Bilder von den Leichenbergen nach der Befreiung“, betont er. „Letztlich geht es darum, gegenüber den Besuchern nicht emotional zu werden, denn es ist ja nicht das Ziel, sie in eine Schockstarre zu versetzen.“

Bohnsack freut sich über die Verantwortung. „Ich bin selbstbewusster geworden und kann jetzt besser organisieren“, sagt er. Und er hat eine Entscheidung für die Zukunft getroffen: „Die Arbeit im Büro und das viele Lesen gefällt mir, der Kontakt zu den Schülern macht Spaß, aber ich habe dabei gemerkt, dass mein Interesse an Technik noch größer ist. Deswegen werde ich mich um eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker bewerben.“