Registrator der Ästhetik des Widerstands

Man darf sich einen Peter-Weiss-Forscher als glücklichen Menschen vorstellen. Ein Porträt des Germanisten Jürgen Schutte

Er zieht alle Register. Peter Weiss in seinem Arbeits­zimmer. Zu Weiss’ monumentaler „Ästhetik des Widerstands“ hat der Germanist Jürgen Schutte soeben den hilfreichen Registerband veröffentlicht Foto: Carlo Bavagnoli/The LIFE Picture Collection/getty

Für Smalltalk ist keine Zeit. Es geht gleich um die großen Themen. „Ich habe von Peter Weiss eine Menge gelernt. Wie wir an die Geschichte herangehen sollten, wenn wir sie nicht als Schild vor uns hertragen, sondern sie wirklich verstehen wollen“, sagt ­Jürgen Schutte. Wir sitzen auf dem Balkon seiner Wohnung in Berlin. In den Kästen am Geländer blühen Sommerblumen. Auf dem Fensterbrett liegt der neue Registerband zur „Ästhetik des Widerstands“, den Schutte gerade im Verbrecher Verlag veröffentlicht hat.

Einen besseren Kenner des Werks von Peter Weiss gibt es kaum. Seit über 25 Jahren setzt sich Schutte mit dem politisch engagierten Autor und Künstler auseinander. Dabei war es ein Zufall, der ihn zu Peter Weiss geführt hatte. Fünf Jahre nach Weiss’ Tod schickte man dessen Nachlass aus Stockholm an die Akademie der Künste nach Berlin. Schutte bereitete damals eine Ausstellung zur Gruppe 47 vor und begann, sich mit dem neuen Bestand zu beschäftigen. „Ich konnte frei und unbegrenzt forschen.“ Der Traum eines jeden Wissenschaftlers.

Zusammen mit Peter Weiss’ Witwe Gunilla Palmstierna-Weiss arbeitete er fünf Jahre an einer Retrospektive. „Es war der fruchtbarste und schönste Umweg meines Lebens“, sagt Schutte. Seitdem ließ ­Peter Weiss ihn als Germanisten, aber auch als politisch denkenden und handelnden Menschen nicht mehr los. „Weiss nimmt die Wirklichkeit zum Ausgangs- und Endpunkt. Er kämpfte mit den Argumenten und hatte ein unheimliches Gedächtnis für seinen Text. Man entdeckt immer wieder etwas Neues“, sagt Schutte.

Aus der Arbeit mit Gunilla Palmstierna-Weiss, der Bühnenbildnerin und Witwe, entwickelte sich eine lange, bis heute andauernde Freundschaft. „Von ihr habe ich unendlich viel über Weiss erfahren, auch viele Kleinigkeiten, die im Hintergrund der großen Literatur auf einen Autor neugierig machen.“

Peter Weiss wurde 1916 in Nowawes, heute Potsdam-Babelsberg, geboren. Sein Vater stieg nach dem Militärdienst bei der österreichisch-ungarischen Armee in den Textilhandel ein. Seine Mutter war Schauspielerin und brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Eine ungewöhnliche Konstellation für die damalige Zeit. 1935 musste die Familie wegen der jüdischen Abstammung des Vaters nach London auswandern, dann nach Böhmen und zuletzt 1938 nach Schweden, das für Weiss der Lebensmittelpunkt bleiben sollte.

1962 wurde Weiss zum ersten Mal von der Gruppe 47 eingeladen. Kurz darauf hatte er als Dramatiker seine frühsten Erfolge mit den Stücken „Marat/Sade“ und „Die Ermittlung“. Die Aufarbeitung der Auschwitzprozesse wurde am 19. Oktober 1965 zeitgleich an 15 ost- und westdeutschen Theatern und von der Royal Shakespeare Company in London uraufgeführt.

Damals studierte Schutte in Berlin, im Sommersemester 1961 war er dorthin gezogen. Als er aus seinen ersten Semesterferien zurückkehrte, war die Stadt geteilt. Der Beginn seiner Politisierung, erinnert er sich. „Ich war am Anfang nicht besonders aufgeschlossen und habe fleißig studiert. Ich dachte, ich hätte etwas nachzuholen, weil ich drei Jahre bei der Bundeswehr gewesen war. Ich war älter als die anderen und wollte nicht, dass der Abstand noch größer wurde.“

Doch nach seiner Rückkehr am Ende der Semesterferien waren die Zimmerpreise infolge der endgültigen Teilung der Stadt fast unbezahlbar geworden. Schutte hatte Glück und fand eine neue Unterkunft in einer Wohngemeinschaft. Es war auch eine Protestgemeinschaft, fügt er hinzu, die nach dem Mauerbau Fahrt aufnahm. Seine Mitbewohner blockierten die Eingänge zur S-Bahn, die in das Eigentum der ostdeutschen Reichsbahn übergegangen war. Ihr Argument lautete: „Wer mit der S-Bahn fährt, zahlt den Stacheldraht für die Mauer mit.“ Das war nicht die Richtung, die Schutte verfolgen wollte.

Er engagierte sich in Arbeitskreisen an der Freien Universität, setzte sich für Reformen ein. Aber es ging den Studenten und Studentinnen zu langsam. Am 2. Juni 1967 nahm Schutte an der Demonstration gegen den Schah von Persien teil. Die eskalierende Polizeigewalt und die Erschießung von Benno Ohne­sorg durch einen Polizisten waren für ihn wie für viele andere entscheidende Erlebnisse. „Diese Erfahrung habe ich nie vergessen. Sie wurde die Grundlage für meine Teilnahme an der 68er-Revolte und meine politische Haltung.“

Und was bedeutet Politisierung heute? „Heute“, sagt Schutte, „das Verständnis von strukturellen Zusammenhängen. Man muss sich einen Einblick in die weltpolitischen Vorgänge der Globalisierung verschaffen und aktiv in Gruppen sein. Die Beeinflussung von Propaganda durch sprachliche Formen verstehen lernen.“

Alle waren willkommen

Nach seiner Promotion 1971 bekam er eine Stelle an der Freien Universität Berlin. Seine Studenten und Studentinnen hielt er immer dazu an, eine eigene Meinung zu entwickeln, er forderte eine kritische Haltung: „Die Konstruktion eines literarischen Textes setzt uns in bestimmter Weise ins Verhältnis zur Wirklichkeit. Darüber muss man sich klar werden.“

Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2003 betreute er unzählige Magister- und Doktorarbeiten zum Werk von Peter Weiss. Und er lud regelmäßig zu einem Kolloquium an seinen Wohnzimmertisch, an dem alle willkommen waren, die sich mit Peter Weiss und Literaturtheorie beschäftigten.

Auch als Literaturwissenschaftler setzte Schutte sich weiter mit dem Autor auseinander. Er nahm sich der Notizbücher an, die Weiss immer bei sich trug und mit Gedanken, Textübungen und Dokumentationen füllte. Insgesamt 70 Exemplare und 9.500 Seiten. Schutte erstellte eine elektronische Ausgabe mit der gesamten Abschrift, einer Suchfunktion und einem Register, die in der Digitalen Bibliothek erschien. Im Erscheinungsjahr 2006 ein neuer Ansatz in der philologischen Forschung.

„Doch der Höhepunkt meiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist für mich die Erarbeitung einer definitiven Fassung der ‚Ästhetik des Widerstands‘ für Suhrkamp“, sagt er. „Und die Herausgabe des Registerbandes zur ‚Ästhetik‘ im Verbrecher Verlag. Ich bin glücklich darüber, wie schön die Bücher geworden sind.“

Die „Ästhetik“ sei ein widerständiges Buch und lasse sich nicht ohne Arbeit bewältigen, meint er. In den 1980er Jahren befasste man sich eher mit dem politischen Inhalt, heute ist es die Form. Dass das Erzählte und die Erzählung so komplex wie die Wirklichkeit sind, fasziniert ihn besonders. Der Registerband macht es nun möglich, an beliebiger Stelle in die Lektüre einzusteigen, und erschließt das historische Material.

Zum 100. Geburtstag von ­Peter Weiss gab es eine Reihe von Veranstaltungen. Bei vielen Projekten war Schutte als Berater gefragt. Höhepunkt war eine Stafettenlesung des gesamtes Textes der „Ästhetik des Widerstands“ im Peter-Weiss-Haus in Rostock. Einhundert Künstler, Politiker und Wissenschaftler trugen den Text vor. Die Lesung dauerte 54 Stunden.

Am 21. Juli wird Jürgen Schutte 80 Jahre alt. Nach seiner Emeritierung war er im wissenschaftlichen Beirat von Attac und Mitbegründer des Vereins Gemeingut in Bürgerhand (GiB), eines Netzwerks, das sich gegen die Privatisierung von öffentlichem Eigentum einsetzte und 2013 auch für den taz Panter Preis nominiert war. „Sich organisieren und sichtbar sein ist wichtig. Wenn man allein ­herumschwebt, ist man vielleicht ein Intellektueller. Aber man hat ja keine Wirkung“, sagt Schutte. Für GiB schrieb Schutte sein erstes Theaterstück, das zum Start des Volksbegehrens gegen die Wasserprivatisierung aufgeführt wurde. Und er hat auch selbst mitgespielt. „Vollkommen unbedarft“, wie er meint, „aber es ging und hat Spaß gemacht.“

Wer all das über Schutte erfahren hat, möchte gern Einspruch gegen diese Bescheidenheit erheben.