der rote faden

Wenn der Stammtisch zum Körperteil wird

Foto: Anja Weber

Weil das Smartphone so viel kann, heißt es auf Französisch le téléphone intelligent. Viel öfter nennt man es aber le portable, weil man es überallhin mitnehmen kann. Aber nach den Sommerferien dürfen es drei bis fünfzehn Jahre alte Kinder und Jugendliche in Frankreich nicht mehr in die Schule mitnehmen, in Vorschulen nicht, in Grundschulen nicht und in weiterführenden Schulen auch nicht. Das beschloss die Nationalversammlung diese Woche, ein Wahlversprechen von Präsident Emmanuel Macron, das so ungefähr auf der Annahme beruht, dass das Telefon zwar intelligent ist, aber nicht unbedingt intelligent macht, sondern doof.

Ich habe diese Vermutung schon länger. Nehmen wir mal eine der tausend Möglichkeiten des Smartphones: Twitter. Man wischt die Timeline entlang, rutscht tiefer und tiefer rein und hat nach einer halben Stunde eine Matschbirne. Twitter ist ein Netzwerk, in dem sich ziemlich viel aufgeregt und auch ordentlich angegeben wird, ein Stammtisch ohne Bier. Manchmal sitzt man am Stammtisch mit Bier und liest heimlich, wie sich die Leute am Stammtisch ohne Bier aufregen, was wieder die Leute am ersten Stammtisch erzürnt. Allerdings kann man sich auch ziemlich schnell einen Nachrichtenüberblick verschaffen, was selbstverständlich der wichtigste und rein berufliche Grund ist, aus dem ich es nutze.

Handyverbot

Das Smartphone kann ein wunderbares Ding sein, ein téléphone formidable. Es kommt drauf an, wie man es nutzt, vielleicht sollte man das lernen, im Unterricht auf der Schule. Andererseits gibt es eine ganze Liste von Argumenten gegen das Handy an Schulen (videogestütztes Mobbing, Gruppenzwang auf Kosten Kinder armer Familien, Spickzettel). Das triftigste ist, dass Kinder und Jugendliche sonst vielleicht nicht lernen, was ungeteilte Aufmerksamkeit ist. Konzentration. Ruhe.

Eine Kollegin entgegnete mir diese Woche, das Verbot amputiere den Kindern das Smartphone. Tatsächlich haben Psychologen aus Deutschland und den Niederlanden mit einem geschickten Versuchsaufbau bei Testpersonen die Illusion erzeugt, das Smartphone gehörte zu ihrem Körper. Da ist vielleicht ein wichtiges Lernziel dieses: Der Mensch ist der Mensch, und das Gerät ist das Gerät.

Als ich im Juli ans Meer in die Frankreich­ferien fuhr, wollte ich mich einer minimalinvasiven Selbsttherapie unterziehen. Ich habe das Handy mitgenommen, aber dafür mein Twitterprofil um einen kleinen Sonnenschirm ergänzt und die App gelöscht. Und dann … nur dreimal reingeschaut. Höchstens viermal. Am Tag. Für den Nachrichtenüberblick. Verrückt: Die Jugendlichen in Frankreich wollen ans Handy, aber dürfen nicht. Und ich will in Frankreich weniger Handy, schaff aber nicht mal das.

Amputation

Für Donald Trump wünschen sich viele Leute drastischere Therapien, selbst Friedensbewegte kommen da oft mit Amputationsfantasien nicht aus. Neulich drohte @realDonaldTrump in Großbuchstaben dem Iran. Anfang der Woche erklärte er – mündlich – dem Iran plötzlich, er sei „jederzeit“ zu Gesprächen bereit: „Keine Vorbedingungen“. Die lieferte dann US-Außenminister Mike Pompeo nach; unter anderem verlangte er, die Führung in Teheran müsse das iranische Volk anders behandeln. Woraufhin Irans Präsident Hassan Ruhani seinerseits Vorbedingungen zwitscherte: „Respekt vor den Rechten der iranischen Nation, Abbau der Feindseligkeiten und die Rückkehr zum Atomvertrag.“ Aus dem ist Trump ja aber gerade ausgestiegen.

Trump hat bisher nicht reagiert, womöglich hatte er keine Zeit. Auf Twitter musste er neben einigen wichtigen Anweisungen („Pennsylvania has to love Trump“) bis Ende der Woche noch seinen Stabschef John Kelly dazu beglückwünschen, ein ganzes Jahr im Amt geblieben zu sein, die „Hexenjagd“ auf ihn wegen einer möglichen russischen Einflussnahme rügen, den Justizminister zum Stopp der Ermittlungen auffordern und Nordkoreas Diktator Kim Jong Un für irgendeinen netten Brief danken.

Iran

Die Wahrnehmung von Trumps Smartphone-Politik ist eine geteilte. Seine Fans ergötzen sich an der Aufregung, seine Gegner regen sich auf und wollen nicht verstehen, dass der Präsident einen weltöffentlichen Stammtisch bedient, an dem ein anderer Relevanzrahmen gilt, wo Schamgefühl fehlt und der Humor ein völlig anderer ist.

Wenn es halt nicht der US-Präsident wäre, liefen diese Nachrichten irgendwo zwischen dem Sterben auf der größten Königspinguinkolonie und den gehäuften Quallenbissen an der Ostsee. Dazwischen kam noch eine Nachricht aus Friedberg in Hessen. Der Edeka-Inhaber Lars Koch vermietet sein Kühlhaus an erhitzte Kunden, zwei Minuten 3 Euro, fünf Minuten 5 Euro.

Kühlhaus

Ich würde die 10er Karte für 20 Euro nehmen. Sofern im Kühlhaus kein Handyempfang möglich ist. Das Licht können sie auch ausmachen.

Nächste Woche Klaus Raab