Wenn ständig einer schießt

Im Krieg sprechen alle leise und das Gemüse ist bio: Florian Rainers und Jutta Sommerbauers Buch „Grauzone“ versammelt Reportagen, Dialoge und Protokolle zwischen den Fronten im Krieg, der im Osten der Ukraine herrscht

Von Daniel Schulz

Dieses Buch feiert das Leben im Krieg. Das Leben, das dem ständigen Artilleriedonner trotzt, den blind abgefeuerten Schüssen aus Kalaschnikows, der Gefahr, irgendwo erwischt zu werden, im Hof, auf dem Weg zur Arbeit, im Bett.

Es ist eine Feier, auf der HipHop läuft und die Gäste Bier, Wodka, Cognac und Cola trinken. Alte und Junge sind hier, Bäuerinnen, Soldatinnen, Barmänner, Teenager. Sie sprechen von der Liebe, vom Tod und darüber, wie toll das Gemüse schmeckt. Alles bio, wo es Granaten regnet, gibt es keine Gentechnik. Kaum einer brüllt, die meisten reden leise.

Graue Zone heißt das Gebiet zwischen den Fronten im Krieg im Osten der Ukraine. Auf der einen Seite kämpft seit vier Jahren die Armee des ukrainischen Staates, auf der anderen Seite die Truppen aus ukrainischen Separatisten und russischen Soldaten für die international nicht anerkannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk.

„Grauzone“ heißt das Buch über diese Front, eine Trennlinie, an der und über die hinweg weiter Menschen versuchen zu leben. Geschrieben und fotografiert haben es Jutta Sommerbauer, die seit November 2017 als Russland-Korrespondentin der österreichischen Zeitung Die Presse in Moskau arbeitet, und der Fotograf Florian Rainer, der 2015 den Band „Fluchtwege“ über nach und durch Österreich Geflüchtete veröffentlicht hat.

Sie fahren Auto mit Ex-Gangstern, die jetzt Priester sind, sie feiern auf einer Privatparty mit einer „typischen Donezker Runde, ein Jude im schwarzen Jogginganzug mit seiner fröhlichen Frau aus dem Erdgeschoss, ein Tatar mit slawischem Namen aus einem höheren Stockwerk, eine Mittelalte in Stoffpatschen, die behauptet, Russin zu sein, und ihr Freund, ein schweigsamer Kerl“, sie treffen Alla Pizuk, die nicht von ihrem Hof lassen will, auch wenn ständig einer schießt. 50 Küken muss sie großziehen, die Familie auf beiden Seiten braucht das Fleisch.

Über 10.000 Menschen sind seit 2014 in diesem Krieg getötet worden, um den es leise geworden ist, aber der nicht aufhört. Die Vereinten Nationen zählten in diesem Jahr von Mitte Februar bis Mitte Mai 19 tote und 62 verletzte Menschen, die keine Soldaten waren oder sind. Ein ­Waffenstillstand, der am 1. Juli be­ginnen sollte, hielt nicht einmal einen Tag. Doch noch immer gibt es Grenzübergänge, beiderseitige Notwendigkeiten, Bewegung von hier nach dort. Wenn man das stundenlange Warten durchhält, bis man drüben ist.

Sommerbauer und Rainer reisen auf beiden Seiten der Front, jedenfalls im Donezker Gebiet. Die paranoidere Führung der „Luhansker Volksrepublik“ gab ihnen keine Akkreditierung. Es ist ein Buch, wie es vielleicht nur noch in dieser Zeit möglich ist. Je länger der Konflikt dauert, desto schwerer wird es für Journalisten aus Westeuropa und den USA, in die von Russland unterstützen Kleinstaaten in der Ost­ukraine zu reisen.

So unterschiedlich wie die Orte und Geschichten sind auch die Darstellungsformen: Reportagen, Dialoge, gesammelte Zitate, kurze Protokolle, Alltagslyrik. Abwechslungsreich ist das Buch, unterhaltsam und auf eine surrealistische Weise präzise. Es wird den Menschen gerecht, die im Donbass leben und darum kämpfen, nicht zu vergehen, mit ihren Liebesgeschichten, ihren Sehnsüchten und Exzessen. Die AutorInnen zeigen vom Leben mehr als vom Krieg, und so wird erst tatsächlich sichtbar, was seit 2014 zerstört wurde und was seitdem verloren geht.

Die Bilder stehen, mal sachlich kühl, mal mystisch, mal ikonenhaft, für sich. Sie erklären selten und werden kaum erklärt. Wie sich der ortsfremde Autofahrer nachts auf der Straße von Poltawa Richtung Donezk fragt, warum überall die Felder brennen und keiner sie löscht, so fragt sich das der Betrachter beim Anschauen dieser Bilder ebenfalls, und beide verstehen es gleichsam nicht. Aber hingucken möchte man, anhalten und dorthin starren, wo es im Dunkeln leuchtet, und dann versteht man ja vielleicht doch ein bisschen.