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Die Theologin Dua Zeitun, Mitarbeiterin an der Katholischen Landvolk-Hochschule Oesede, hat einen Verein für muslimische Jugendliche im Osnabrücker Land gegründet. An die Talkshow „Hart aber fair“ erinnert sie sich ungern

Zwischen Halbmond und Kreuz: Manchmal ist Dua Zeitun mehrfach pro Woche im Osnabrücker Dom – auf interreligiösen Führungen Foto: Uwe Lewandowski

Dua Zeitun ist schwierige Diskussionen gewohnt. Doch an die ARD-Talkshow „Hart aber fair“ am 9. April zum Thema „Islam ausgrenzen, Muslime integrieren – Kann das funktionieren?“, hat sie keine guten Erinnerungen. „Leider konnte ich da wenig bewirken. Dazu war alles zu klischeebeladen. Zu einem reflektierten, differenzierten Argumentationsaustausch kam es kaum. Eine Diskussion, die Ängste bestätigt hat, statt Aufklärung zu betreiben.“

Eine Diskussion auch, in der sich Mal um Mal durchsetzte, wer laut war, wer andere unterbrach. Dua Zeitun hält von solcher Res­pektlosigkeit nichts. Also hielt sie sich zurück: „Es hatte einfach keinen Sinn.“ Auch ihre Antwort auf Moderator Frank Plasbergs Schlussfrage, welchen Ort sie Bundesinnenminister Seehofer gern zeigen würde, war für einen kenntnislosen Zuschauer unspektakulär: „Osnabrück. Weil es hier viele, viele Beispiele gibt, dass Integration funktioniert.“ Aber wenn Zeitun etwas sagt, hat es Hand und Fuß. Und nun weiß also halb Deutschland, dass Osnabrück in Sachen Willkommenskultur Vorbildcharakter hat.

Zeituns Familie stammt aus Syrien, ihr Vater ist Imam. Seit fünf Jahren arbeitet sie an der Katholischen Landvolk-Hochschule Oesede bei Osnabrück, als pädagogische Mitarbeiterin im Bereich interreligiöser und interkultureller Dialog. Dort hat sie auch viel mit Jugendlichen zu tun, viel mit Flüchtlingen, Muslimen. Eine Muslima bei einem christlichen Arbeitgeber? „Davon profitieren alle. Das Haus natürlich, aber auch ich selbst. Wir sind da absolut auf gleicher Augenhöhe.“ Ihre Wochenendseminare verbinden Bildung mit Freizeit.

Außerdem hat die dreifache Mutter die „Muslimische Jugendcommunity Osnabrücker Land“ (Mujos) gegründet – rund 1.000 Jugendliche groß, von denen 100 aktiv sind, die Kommunikation läuft vorwiegend über Facebook. Zeitun hört den Jugendlichen zu, wertungsfrei, berät sie bei Problemen – Fluchttraumata, Familienkonflikten. Oft geht es dann auch um Religiöses. „Zum Beispiel bei diesem Mädchen, das sein Kopftuch nicht mehr tragen wollte. Aber sie wollte das Tuch nicht ohne das Einverständnis ihrer Eltern ablegen. Am Ende habe ich die Eltern überzeugt, dass es besser ist, das Mädchen gewähren zu lassen. Ob ich als Mädchen oder Frau ein Kopftuch trage, ist ja ohnehin grundsätzlich eine freiwillige Entscheidung. Niemand kann mich dazu zwingen.“

Ein anderes Mädchen wollte von Zeitun wissen, ob das geht, Kopftuch zu tragen und gleichzeitig Deutsche zu sein, sich als Deutsche zu fühlen.“ „Klar, habe ich da gesagt, natürlich kannst du das.“

Manche rufen Dua Zeitun anonym an. Andere stehen plötzlich bei ihr vor der Tür. Die Jugendlichen schätzen Zeituns pragmatische Sachlichkeit. „Ich will ja niemanden nach meinem Ermessen formen, jeder soll seine eigenen Entscheidungen treffen.“ Manchmal rappt Zeitun mit den Jugendlichen, manchmal spielt sie mit ihnen Theater. „Muslimische Jugendarbeit bedeutet ja nicht immer nur Moschee, Moschee, Moschee.“

Manchmal geht es auch um Radikalisierungsprävention. „Da kann man dann nur hoffen, dass der Jugendliche noch ansprechbar ist, noch nicht völlig zugemacht hat.“ Eine Arbeit, die nicht ungefährlich ist. Denn auch die Gegenseite ist gut vernetzt – extrem gut, auf allen medialenKanälen. Dass sie Drohungen gegen sich auf Facebook findet, ist keine Seltenheit. „Aber ich lasse mich davon nicht einschüchtern. Ich mache einfach weiter.“

Dua Zeitun, Theologin, über die Präventionsarbeit in ihrer muslimischen Jugendcommunity

Worte, die sich fast unwirklich anhören, wenn Erdbeerkuchen auf dem Tisch steht, später auch arabischer Kaffee, mit viel Zucker und noch mehr Kardamom.

Es gibt übrigens Wochen, da ist Zeitun jeden zweiten Tag im Osnabrücker Dom. Dann ist wieder eine interreligiöse Führung unterwegs – ein Projekt, vom Bistum Osnabrück ins Leben gerufen in Kooperation mit der Ibrahim Al-Khalil-Moschee, die im Anschluss besucht wird. Viele Teilnehmer, vom Grundschulkind bis zum Studenten, sind am Ende verblüfft, wie groß die Gemeinsamkeiten sind.

„Wer nur nach Unterschieden sucht, liefert Extremisten Nahrung – Extremisten aller Seiten.“ Da ist sie also wieder, die viel beschworene Terrorgefahr? „Im Endeffekt sind das verschwindend geringeProzentzahlen. Wer alles zu schwarz sieht, wird handlungsunfähig.“