Aufgeben ist keine Option

Trotz Verfolgung und Bombenhagel – in Syrien sind immer noch zivilgesellschaftliche Initiativen aktiv. Der Verein Adopt a Revolution unterstützt diese Aktivist*innen vor Ort im Kampf für Selbstbestimmung und gegen Staatsterror

Das Team hinter Adopt a Revolution (v. li.): Christin Lüttich, Maria Hartmann, Ansar Jasim, Elias Perabo, Sebastian Hilf, Sophie Bischoff (vorne), Sarah Hüther, Ghayda, Ferdinand Dürr

Von Jann-Luca Zinser
und Anja Weber (Foto)

Im Jahr 2011 besuchte Elias ­Perabo Syrien. Da war man sich noch sicher, dass der Arabische Frühling dort nicht ausbrechen würde. Zu beliebt schien Präsident Baschar al-Assad. Das änderte sich schnell. Und weil Elias Perabo durch einen Freund Einblick in das kleine aktivistische Spektrum des Landes hatte, wollte er genau dort ansetzen und gründete mit Ferdinand Dürr, bis dahin wie Elias Perabo auf Mission gegen den Klimawandel, den gemeinnützigen Verein Adopt a Revolution. Perabo warf damals die Frage in den Raum: Was würden wir tun, wären wir Syrer? Das überzeugte Dürr. Seitdem versuchen sie mit ihrem acht Teilzeitbeschäftigte umfassenden Team Menschen zu überzeugen, dass die Zivilgesellschaft in Syrien unsere Solidarität braucht und verdient. Adopt a revolution. Dabei setzen die Aktivist*innen explizit weniger auf humanitäre Hilfe, sondern eher auf Unterstützung ziviler politischer Strukturen in Syrien – und auf Öffentlichkeit.

Denn die Menschen in Syrien geraten in Vergessenheit. Während sich Deutschland in der Asylfrage windet, vergisst man jene, die in Syrien Tag für Tag um ihr Leben fürchten. Die zwischen Diktatur, bewaffneter Opposition, zahlreichen intervenierenden Staaten und deren geopolitischen Interessen ein Schicksal fristen, das man sich kaum vorstellen kann.

Vereinsmitarbeiterin Sophie Bischoff erlebt das Elend der Menschen seit Jahren täglich und in einem Maße wie wohl nur wenige Deutsche sonst, denn sie pflegt enge Kontakte zu Aktivist*innen vor Ort. So auch Anfang 2018: Als die Vororte von Damaskus wochenlang Bombardierungen ausgesetzt waren, stand ihr Telefon nicht mehr still. „Manche wollten sich einfach verabschieden, weil sie Angst hatten zu sterben“, berichtet sie. Andere hätten einfach nur Kontakt gesucht, um nicht alleine zu sein. „Ich wusste, ich konnte sie nicht vor den Bomben schützen, aber das Mindeste, was ich machen konnte, war, ihnen zuzuhören.“

Rückblende: Vor nunmehr sieben Jahren, im Januar 2011, hatte Assad dem Wall Street Journal noch gesagt, dass er nicht glaube, dass die Proteste des Arabischen Frühlings auch auf Syrien übergreifen. Er mahnte sogar Reformen an. Dann folgte die beispiellose Entwicklung eines Konflikts mit nahezu weltweiten Auswirkungen: Auf die Proteste der Zivilgesellschaft reagierte das Regime von Beginn an mit derartiger Härte, dass eine Eskalation schnell unausweichlich wurde. Schmierereien von Kindern führten zu deren Folterungen – führten zu Protesten besorgter Eltern – führten zur gewaltsamen Niederschlagung friedlicher Demonstrationen – und so weiter.

Die brutale Reaktion des Regimes wirkte wie ein Brandbeschleuniger auf die Verhältnisse im Land. „Jede Demo wurde zur Beerdigung, jede Beerdigung zur Demo“, erläutert Elias Pe­ra­bo. Assads Gewalt produzierte großen Hass und Chaos. Und ebnete Extremisten den Weg. Heute sind Millionen syrischer Geflüchteter in alle Himmelsrichtungen verstreut, liegt das Land in Trümmern und ist Assad immer noch an der Macht.

Dagegen setzen die Ak­ti­vis­t*in­nen von Adopt a Revolution ihr besonderes Hilfskonzept. Sie versuchen die widerständige Zivilgesellschaft vor Ort konkret in ihrem Kampf gegen Diktatur und Extremismus zu stärken. Den Stimmlosen eine Stimme zu geben. Dass sich dies oftmals wie langwierige Sisyphusarbeit anfühlt, hält sie nicht auf: „Solidarität bedeutet auch Kon­ti­nui­tät“, sagt Gründer Elias Perabo. Und dank treuer Spender*innen auch kleiner Beträge kann die Fortführung der Projekte gesichert werden. Denn auch wenn die Engagierten vor Ort pausieren oder untertauchen müssen, möchte Adopt a Revolution die finanzielle Unterstützung fortsetzen. Viele Initiativen entstünden dann andernorts erneut, die Aktivist*innen bleiben in Bewegung.

Stellvertreterkriege

Der syrische Autor Haid Haid hat in Zusammenarbeit mit dem Verein eine Studie zur zivilgesellschaftlichen Extremismusbekämpfung in seinem Heimatland veröffentlicht, welche aufzeigte, dass ein Ansatz, wie Adopt a Revolution ihn verfolgt, erfolgreich sein kann: Wenn lokale Strukturen internationale Unterstützung erfahren, können sie widerstandsfähige Strukturen aufbauen und sich so der Radikalen erwehren. Allerdings, diese Unterstützung blieb von Anfang an marginal. Internationale Solidarität? Weitgehend Fehlanzeige. Mittlerweile haben sich die Interessen internationaler Akteure längst verschoben, es werden Stellvertreterkriege geführt, um die Zivilist*innen schert sich niemand mehr.

Dagegen engagiert sich der Verein mit Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland. Die deutsche Öffentlichkeit zu erobern, ist das Ziel. Beispielsweise werden geflohene Aktivist*innen mit dem Format „Talking about the Revolution“ beraten und unterstützt, um sich hierzulande in die festgefahrenen Diskurse einzumischen.

Selber sind die Aktivist*innen des Vereins als Expert*innen in der Bundespressekonferenz gefragt und mischen sich medial in die Debatten ein. So prangerte etwa Politologe Perabo in einem taz-Interview 2017 die Linke an, hier wie in ganz Europa, die im Rahmen der Friedensbewegung die Tatenlosigkeit des Westens als Erfolg feierte. Konstantin Wecker zum Beispiel war einer der Erstunterzeichner*innen eines Aufrufes von Adopt a Revolution gemeinsam mit Medico International zur Unterstützung des zivilen Widerstandes in Syrien, zog seine Unterschrift aber zurück, als er bemerkte, „dass der Ausschluss jedes militärischen Eingreifens nicht ausdrücklich … erwähnt wurde“. Die ebenfalls Mitunterzeichnenden Andrea Nahles, Claudia Roth oder Katja Kipping zogen ihre Unterschriften nicht zurück. Dafür bezeichnete die stellvertretende Linke-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Heike Hänsel, den Verein auf Twitter als „Helfershelfer einer US-PR-Kampagne gegen Russlands Rolle in Syrien“. Beim Blatt Junge Welt reichte es gar zum Titel „Politischer Dschihad-Arm des Tages“. Darüber kann Elias Perabo nur trocken lachen. Er kennt das Leid vor Ort und weiß, Grund zur Hoffnung besteht kaum. Als er vor vier Jahren eine Aktivistin fragte, was gewinnen für sie hieße, sagte sie: „Es geht nur darum, wie hoch wir verlieren.“

Doch solange die Menschen in Syrien nicht aufgeben, wird das Adopt a Revolution auch nicht tun. Selbst dann nicht, wenn Erfolg und Horror so nah beieinanderliegen wie bei einem Schulprojekt in der Ost-Ghouta: Dort missbrauchten extremistische Milizen Schulen zur Indoktrinierung der Jugend. Das wollten sich Aktivist*innen nicht gefallen lassen und gründeten mit Unterstützung von Adopt a Revolution 2013 säkulare Schulen für Tausende Kinder. Zum Schutz vor Fliegerbomben fand der Unterricht in ausgebauten Luftschutzkellern statt. 2017 forcierte das Regime die Belagerung der Region, doch den Kindern konnte trotzdem noch täglich eine vollwertige Mahlzeit ermöglicht werden. Als Assads Armee und deren Verbündete schließlich 2018 zum intensiven Angriff übergingen, boten die Keller wochenlang Hunderten Familien Zuflucht – bis ein russischer Luftangriff mit bunkerbrechenden Bomben Dutzende Frauen und Kinder in den Tod riss.

Kampf gegen Kinderehen

Zur gleichen Zeit gelang der syrischen Demokratieaktivistin Ghayda die Flucht nach Berlin. Inzwischen hat sie sich Adopt a Revolution angeschlossen, um, wie sie sagt, jenen zu helfen, die in Syrien ausharren. Zwölf Projekten hilft der Verein derzeit, dreißig waren es Anfang 2018. Der dramatische Einbruch ist der Verschärfung der Situation in der Ost-Ghouta geschuldet. Aktuell wird etwa ein Frauennetzwerk unterstützt, das sich mit Aufklärungskampagnen für Rechte von Mädchen einsetzt, denn zumindest der Theo­rie nach sind Kinderehen in ­Syrien nicht legal. In Krise und Krieg werden aber vermehrt junge Mädchen zur Existenz­sicherung verheiratet. Und nötigenfalls hilft Adopt a Revolution auch beim Gang in den Untergrund, was gerade für Medienschaffende häufig die letzte und die einzige Lösung ist, schließlich endet die Verfolgung durch Assads Schergen nicht, wenn weniger Bomben aus russischen Fliegern fallen. Dass das Bombardement etwas nachlässt, scheint im Westen ein unangebrachtes Gefühl der Beruhigung auszulösen, der Konflikt verschwindet aus den Schlagzeilen. Doch die Zivilist*innen in Syrien benötigen weiterhin jede Unterstützung, wie Aktivistin Ghayda unterstreicht: „Selbst wenn Assad das ganze Land zurückerobert, heißt das noch lange nicht dass es Frieden gibt – dies scheint oft in Deutschland verwechselt zu werden. Noch immer sind Zehntausende Menschen im Gefängnis, Millionen vertrieben. Die Repression durch das Regime ist furchtbar wie nie. Solange das Assad-Regime an der Macht ist, bin ich zum Exil verdammt.“

Der Name des Vereins muss mehr denn je als Appell verstanden werden: Adopt a revolution!