„Kappe die Drähte“

Jahrtausendealte Instrumente und Remixe in Echtzeit: US-Elektronikpionier und Komponist Alvin Curran weilt zurzeit als Gast des Daad in Berlin. Am Freitag gibt er Auskunft und spielt live in der daadgalerie in Kreuzberg

Sieht nicht nur imposant aus, klingt auch toll, die Hall­posaune von Alvin Curran Foto: Nadja Wohlleben

Von Robert Mießner

Elf Uhr früh an einem Sommertag des Jahres 2018, eine Seitenstraße in Friedenau: Durch das geöffnete Fenster weht ein jahrtausendealter Klang. Einem Signal gleich, tönt er dabei weniger alarmierend als beruhigend. Der Klang ist der eines Blas­in­stru­ments aus dem Vorderen Orient, Schofar heißt es; oder, treffender, Hallposaune.

Der US-amerikanische Komponist Alvin Curran hat das Instrument, es sieht so schön aus, wie es klingt, aus dem Wohn- in das Musikzimmer seiner Gästewohnung gebracht. Er spielt es kurz an und legt es darauf behutsam – das Ding hat Wucht – auf den Glastisch. Daneben sind Notenständer und Keyboard platziert. Auf der einen Seite der moderne Klangerzeuger, auf der anderen das Horn, dessen Vorfahren bereits im Tempel von Jerusalem geblasen wurden. Ein Moment zum Innehalten, einer, der den Komponisten Alvin Curran, im Dezember dieses Jahres wird er 80, gut charakterisieren mag.

Keyboard und ­Umweltsound

Die Fachliteratur spricht von Curran als einem Künstler, dessen Musik auf Elektronik und Umweltsounds basiert. Er aber sagt mit Blick auf sein Keyboard, dabei schaut er leicht verschmitzt, auf Englisch: „Sieh dir dieses In­stru­ment an, sieh dir Kabel und Drähte an.“ Er wendet sich um, zeigt auf das Schofar: „Und nun schau dir das an.“ Dann wechselt er ins Deutsche: „Das ist ein Instrument. Von da springt die Musik.“ Zurück im Englischen: „Kappe die Drähte, kappe den Strom; und das Keyboard ist tot. Das Schofar, das ist immer verfügbar.“ Was Curran an seinem Horn fasziniert, sind dessen Archaik und Einfachheit. „Urmusik“, sagt er: „Das ist der Beginn der Musik“. Dann, er hebt die Stimme: „Der Moment, in dem das Tier Mensch realisierte, musizieren zu können, Klänge hervorzubringen, die anderen Menschen Freude bringen.“ Curran, er ist jüdischer Herkunft, doch nicht religiös praktizierend, weiß um die Bedeutung des Instruments in der jüdischen Liturgie: „Ich benutze es als Zeichen“, sagt er, wieder auf Deutsch. „Ich möchte das Schofar – mich ­verbindet es weniger mit Religion denn mit der menschlichen Geschichte –, als moderne Klangquelle ­verwenden.“

Wie er das tut, kann man nun in der daadgalerie in Kreuzberg hören. Unter dem Titel „The Alvin Curran Fakebook“ wird er, Berlin kennt er seit Aufenthalten in den Sechzigern, dort nach einem einleitenden Gespräch ein Konzert an Piano, Schofar und Keyboard geben. Ein „Remix in Echtzeit“, meint er. Curran hat auf seinem Computer rund 2.000 Sounds gespeichert, er spricht – in dieser Reihenfolge – von „Tieren, Maschinen, Menschenstimmen und -geräuschen.“ So die Elek­tronik mitspielt, könnten erklingen: „Ein Sänger aus Tadschikistan, ein Fluss in Indien, die Stimmen einer New Yorker Straße, lachende und weinende Kinder. Eine weite Symphonie des Lebens.“ Musik, die im Moment passiert, im „Zufall“ – das Wort sagt Curran abermals auf Deutsch. Auf den Titel „Fakebook“ angesprochen, meint er: „Das ist kein Wortspiel mit ‚Fake News‘, ganz und gar nicht.“ Ein Fakebook, erklärt er, war unter Jazzmusikern – er selbst sei durchaus einer – ein Raubdruck mit Standardnoten, um Brotjobs mit Songs wie „Strangers In The Night“ bestreiten zu können. Im Englischen meint fake schlicht „improvisieren“. „Wenn du den Song nicht kennst, fake ihn.“

Alvin Currans eigenes Fakebook ist eine 2015 offiziell erschienene ungewöhnliche Autobiografie mit Fotos, Texten Notationen und Zeichnungen. In einer von ihnen stürzt ein Flügel kopfüber in den Bühnenboden. Das steht nicht zu befürchten. Tatsächlich aber wurde Curran einmal Zeuge dessen, dass Instrumente verschwinden können, wenn auch nicht von Zauberhand, sondern durch deutsche Ordnungsstaatsmentalität: 1987 gab Curran mit seinem Freund und Kollegen Arnold Dreyblatt ein Konzert in Ostberlin, in Prenzlauer Berg. Eine große Wohnung, ein „Loft“, wie er sagt, im fünften Stock, Eintritt via Codewort. Nach dem Auftritt wurden Curran und Dreyblatt am Bahnhof Friedrichstraße von der Polizei angehalten, der Dreyblatts ausladende, selbst gebaute Gitarren offenbar amerikanisch vorkamen. Nach einer halbstündigen Befragung kassierten die Uniformierten die Instrumente. „Sie wurden dann wohl Bestandteil der Stasi-Kollektion“, so Curran. Damit, dass die Herren auf die Idee kommen, die Beute am Freitag zurückzugeben, ist kaum zu rechnen. Alvin Curran setzt sich wieder an die Arbeit: Bühnenmusik zu E. T. A. Hoffmanns Novelle „Der goldne Topf“, inszeniert von dem Brechtschüler ­Arnim Freyer in Stuttgart. Premiere: April 2019.

17. 8., Talk und Konzert von Alvin Curran, daadgalerie, Oranienstr. 161, ab 19 Uhr