Das Versprechen von Thessaloniki

Eine Fotoausstellung des Berliner Museums Europäische Kulturen zur Geschichte Thessalonikis umschifftdie heiklen Themen, vermittelt aber dennoch eine Ahnung von der oft brutalen Realität hinter der Idylle

Sokratis Iordanidis: Kinder an der Strandpromenade von Thessaloniki, ca. 1950–1958. Im Hintergrund der „Weiße Turm“ Foto: Foto: Sokratis Iordanidis Archive/Thessaloniki Museum of Photography

Von Ingo Arend

Orange glühender Sonnenuntergang, samtblaue Wasseroberfläche, verträumte Liebespaare schauen zu blinkenden Schiffen in der dunkelnden Ferne. Die Aufnahme des deutschen Fotografen Ingo Dünnebier von Thessalonikis Hafen erfüllt alle Griechenlandklischees.

Wer schon einmal auf der endlosen Hafenmole von Hellas’ zweitgrößter Metropole saß, wiegt sich noch lange in solchen Sehnsuchtsbildern. In „Thessaloniki: Facetten einer Stadt“, der jüngsten Ausstellung des Berliner Museums Europäischer Kulturen (MEK), in der Dünnebiers Foto jetzt zu sehen ist, hängen noch mehr davon. Ein Still aus Theo Angelopoulos’ preisgekröntem Film „Die Ewigkeit und ein Tag“ von 1998 etwa. Immer wieder geht darin sein von Bruno Ganz gespielter Protagonist, der krebskranke Poet Alexander, die Hafenpromenade entlang. Doch wer weiß schon, dass der melancholische Catwalk vor unendlichem Horizont, im Hintergrund schimmert der mythische Olymp, militärischen Ursprungs ist. Angelegt wurde er zu Zeiten des Kalten Krieges. Um möglichst schnell eine möglichst große Zahl von Truppen an Land gehen lassen zu können.

Solche Zusammenhänge werden etwas kurz abgehandelt in der 15. Ausgabe der „Europäischen Kulturtage“, in denen das MEK jedes Jahr eine europäische Region, Stadt oder ethnische Gruppe vorstellt. Mehr als ein paar Sätze zu jedem der 50 Fotos, die uns einmal mehr das Stereotyp einer Stadt „zwischen Orient und Okzident“ näherbringen sollen, finden die Besucher nicht.

Trotzdem gelingt es der kleinen Schau, eine Ahnung von der komplexen, widersprüchlichen, oft brutalen Realität hinter der scheinbaren Idylle am Thermaischen Golf zu vermitteln. Schon zu Zeiten Alexanders des Großen kulminierten in der Stadt an dem späteren Kreuzweg zwischen Rom, Byzanz und dem Balkan all die Krisen, an denen Europa heute zu zerbrechen droht: Naturkatastrophen, Flucht und Vertreibung.

Ein unbekannter Fotograf hat das Elendsbild der 70.000 Obdachlosen festgehalten, die nach dem verheerenden Brand von 1917 buchstäblich auf der Straße saßen. Und in dessen Folge die Stadt komplett neu errichtet wurde.

Ein anderer hat die Flüchtlingsmassen des Jahres 1923 ins Bild gebannt. Fast 400.000 Muslime wurden nach dem Ersten Weltkrieg Griechenland in die Türkei umgesiedelt.

Und welche Art von Multikultur in der Stadt einst herrschte, wird auf einem großartigen Foto von Fred Boissonnas deutlich. Seine Aufnahme von 1919 zeigt bis auf die Augen verhüllte muslimische Frauen in der Oberstadt von Thessaloniki.

Schon klar: Die Kuratoren Hercules Papaioannou, Direktor des Fotomuseums von Thessaloniki, und Irene Ziehe vom MEK, wollen mit ihrer Mischung aus historischen und künstlerischen Aufnahmen ein möglichst umfassendes Panorama der Stadt von der ottomanischen Zeit bis heute spannen.

Die Palette reicht von dem 1430 erbauten „Weißen Turm“ des Sultan-Architekten Sinan auf einer Aufnahme von 1913 bis zu dem 76 Meter hohen Fernsehturm von 1966 auf dem hochmodernen Messegelände, den Ingo Dünnebier 2006 fotografierte.

Bei diesem Parcours gibt es wunderbare Fundstücke wie eine Postkarte eines der ersten öffentlichen Badestrände Griechenlands aus den 60er Jahren. Mit ihrem Ansatz „Looking at time through moments“ können sie die heiklen Themen nur andeuten. Was die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung in dem „Jerusalem des Balkans“ während der Nazi-Herrschaft in Griechenland von 1941 bis 1944 bedeutete, soll man indirekt an dem Bild eines unbekannten Fotografen von 1929 lesen, das die agilen „Jewish Boy Scouts“ von Thessaloniki zeigt.

Befremdlich jedoch, wenn für die Zeit der deutschen Besatzung, die Griechenland zwischen 500.000 und 800.000 Menschenleben kostete, nur ein einziger piktorialer Platzhalter herhalten muss: nämlich das Bild eines deutschen Offiziers, der sich 1944 vor der griechischen Nationalbank in Thessaloniki mit lächelndem Gesicht von einem Straßenmaler porträtieren lässt.

Auch der mit über 300.000 Gräbern einst größte jüdische Friedhof der Welt, den die Nazis auf Rat der Stadtverwaltung 1942 beschlagnahmten und auf dem nach dem Krieg die Aristoteles-Universität errichtet wurde – eine schwärende Wunde der bis heute verdrängten Vergangenheit Thessalonikis –, kommt nicht ins Bild.

Dafür gibt es dann eines von der großen Demonstration gegen den EU-Finanz- und Balkan-Gipfel 2003 an der Ägäis-Küste, der als „Versprechen von Thessaloniki“ in die Geschichte eingegangen ist. Da verdunkelte sich die Sehnsuchts- plötzlich zur Drohkulisse.

„Thessaloniki. Looking at time through moments: photographs 1900–2017“. Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25, Berlin. Bis zum 9. 9. 2018