Vier Monate Warten, dennoch kein Studienplatz

In zwei Wochen beginnt in Frankreich das neue Semester. Über 100.000 AbiturientInnen wissen immer noch nicht, wo sie studieren – trotz reformierter Studienplatzvergabe

Paris, 19. April. Studierende der Universität Nanterre halten den Campus besetzt, um gegen das neue System der Studienplatzvergabe zu protes­tieren Foto: Michel Euler/ap

Aus Paris Rudolf Balmer

Den ganzen Sommer hat Sarah Leterrier mit Warten verbracht. Warten auf die Zusage einer der Universitäten, die die Abiturientin im Mai als Wunschort angegeben hatte: in ihrem Wohnort Cherbourg in der Normandie oder, falls das nicht klappt, in Caen, Rennes oder Saint-Lô. Doch die Zusage kommt nicht. Von keiner Universität. In zwei Wochen beginnt in Frankreich das neue Semester. Die 18-Jährige Sarah Leterrier weiß immer noch nicht, wo sie studiert. Wie ihr ergeht es rund 100.000 AbiturientInnen.

In Frankreich steigt die Zahl der Studierenden seit Jahren stetig an. 2,7 Millionen sind es mittlerweile. Für das neue Semester suchen 600.000 AbiturientInnen und knapp 200.000 FachwechslerInnen einen Studienplatz. Die Vergabe ist seit jeher ein Problem. Die renommierten Hochschulen werden mit Bewerbungen überrannt. Vergangenes Jahr mussten die begehrtesten Plätze verlost werden. Deshalb hat die französische Regierung dieses Jahr die Studienplatzvergabe zentralisiert. Auf der eigens dafür eingerichteten Internetplattform Parcoursup konnten sich die AbiturientInnen noch vor ihren Abschlussprüfungen für einen Studiengang anmelden und bis zu zehn Wunsch-Unis angeben. Wer aus Nantes oder Paris eine Absage bekommt, soll eine Zusage aus Lyon bekommen können. Um nicht nach Ende des Auswahlverfahrens mit leeren Händen dazustehen. So weit die Theorie aus dem Hochschulministerium.

Doch die Praxis sieht leider anders aus. Bei Sarah Leterrier stehen angeblich noch fast ein Dutzend andere vor ihr in der digitalen Warteschlange. „Man muss sich mal vorstellen, wie grausam das ist, ein paar Tagen vor dem Studienbeginn in völliger Ungewissheit gehalten zu werden“, klagte Sarahs Mutter vor ein paar Tagen in der Lokalzeitung La presse de la Manche.

Vor wenigen Tagen hat Louis Benzerrouk endlich eine erste Zusage für einen Studienplatz bekommen. Auch er ist 18 Jahre alt. Auch er ist mit dem Onlinesystem überfordert. Denn die Zusage muss Benzerrouk jetzt ablehnen, verbindlich oder „provisorisch“ zusagen. Doch die Entscheidung fällt ihm schwer. Sagt er zu, würde er an einer Fachhochschule 500 Kilometer weit von seinem Wohnort Aubagne bei Marseille studieren. Insgeheim hofft er noch auf die Zusage einer anderen Universität.

Dazu kommt, dass Louis Benzerrouk eine leichte körperliche Behinderung hat. Wer kann ihm garantieren, dass er ein Zimmer findet und beim Umzug die Hilfe erhält, auf die er eigentlich Anspruch hätte? Er hat darum noch nicht definitiv zugesagt. Damit, das ist ihm bewusst, blockiert er aber selbst einen Platz, auf den andere noch warten. „Das wochenlange Warten ist nicht nur deprimierend, die Betroffenen wissen auch nicht, wo sie eine Unterkunft oder einen Job für den Nebenverdienst suchen sollen“, weiß Julien Delohen von der Schülerorganisation UNL-SD.

Das Hochschulministerium musste bestätigen, dass am 19. August insgesamt 115.000 junge Menschen schlicht keine Ahnung hatten, ob und wo genau sie sich für ein Hochschulstudium einschreiben können. 15.698 von ihnen hätten seit dem Beginn des Verfahrens, das am 5. September endet, noch überhaupt keine Antwort mit einem Vorschlag erhalten. Den anderen wurde zwar ein Studienplatz angeboten, weil dieser aber nicht ihren Vorstellungen entspricht, warten sie noch auf etwas Besseres.

Mehrere Zehntausend ließen sich wahrscheinlich durch das neue Selektionssystem entmutigen. Laut dem Ministerium gelten rund 50.000 als „inaktiv“, weil sie sich nicht mehr regelmäßig auf der Internetplattform einloggen. Welche individuelle Situation von Frustration bis Verzweiflung sich hinter der vermeintlichen „Passivität“ verbirgt, kommentiert das Ministerium nicht.

Diese Zwischenbilanz nach der Sommerpause entspricht indes den Befürchtungen, die das neue Verfahren von Anfang an geweckt hatte. Mit Demonstrationen und Besetzungen von zahlreichen Fakultäten hatten im Frühling MittelschülerInnen, Studierende und DozentInnen gegen die befürchtete willkürliche Selektion bei den Studienplätzen demonstriert.

Befürchtungen, die sich aus ihrer Sicht nun bestätigt haben. Zum einen, da die Hochschulbehörden alleinig die Auswahl treffen. Ob sie dabei anhand von Bewerbungs- und Motivationsschreiben, Noten oder lokalen Kriterien ihre zukünftigen Studierenden aussuchen, ist ihre Entscheidung. DozentInnen, die die letzten Wochen und Monate an der Sichtung der Bewerbungen beteiligt waren, sprechen von undurchsichtigen und unverständlichen Auswahlkriterien. Viele Fakultäten seien vom Ansturm der Bewerbungen zudem personell überfordert gewesen.

Alle Kritik prallte aber an einer Regierung ab, die das neue System als Fortschritt oder wenigstens als geringeres Übel zum bisherigen Losverfahren verteidigte. Bisher berechtigt in Frankreich jeder Mittelschulabschluss für den Zugang zur höheren Bildung. Und fast 80 Prozent jedes Jahrgangs schließen in die Mittelschule mit einer der Varianten des Baccalauréat, des französischen Abiturs, ab. Nichts – selbst Bestnoten in den letzten beiden Schuljahren oder beim Baccalauréat – konnte ihnen aber garantieren, dass dabei auch ihre erste Wahl berücksichtigt wird. Für viele wurde dieser „Parcours“ in der Folge zu einer täglichen kalten Dusche. Viele sehen ihre Zukunft verbaut.

Für die Hochschulministerin Frédérique Vidal bleibt „Parcoursup“ dagegen ein „unbestreitbarer Erfolg“. Sie rechnete seit Wochen immer wieder vor, wie viele zukünftige AkademikerInnen bereits einen Vorschlag erhalten hätten und dass ständig neue Studienplätze frei würden, weil immer mehr KandidatInnen die provisorische Zusage in eine feste Anmeldung verwandeln und so von den Wartelisten für andere Plätze verschwinden. Von einer solchen Dynamik aber war in den letzten Tagen wenig zu spüren.

Ministerin Vidal gesteht nun zu, das System sei gewiss noch „verbesserungswürdig“. Oder steckt vielleicht nicht doch eine ganz andere Absicht dahinter? Schließlich hatte Präsident Emmanuel Macron schon vor einem Jahr erklärt: „Wir werden dafür sorgen, dass man nicht länger allen vormacht, dass die Universität eine Zukunft für alle sei.“