Eine Stimme, die bis zum Himmel reicht

Aretha Franklin, der Welt beste Soulistin, wusste, was ihr Gott mitgegeben hatte: ihren Körper, ihre Stimme, ihre Eleganz und ein hämmerndes Klavierspiel. Ein Nachruf

Aretha Franklin bei einer Benefizveranstaltung der Elton John Aids Founda­tion in der Cathedral Church of St. John the Divine in New York, 2017 Foto: Nina Westervelt/ The New York Times/laif

Der Begriff ist ein wenig aus der Mode gekommen, aber sah man sie auf der Bühne, und sei es in einem YouTube-Ausschnitt, ist er angemessen: Aretha Franklin hatte in jeder Sekunde das, was man Würde nennt. Ihre Performances waren nie abgeschmackt, nie spulte die berühmteste Soulistin der Welt Routine ab. Aretha Franklin liebte es auf der Bühne zu singen. Je mehr Leute ihr zuhören, umso besser.

Doch aller Beherztheit zum Trotz war ihr selbst in ekstatischsten Momenten, wenn sie mühelos in höchste Sangesregister griff und selbst das sich nicht angeberisch anhörte, eine Distanz eigen. Aretha Franklin war keine Ranschmeißerin. Sie schenkte dem Publikum ihre Kunst in der Sie-Form: Aretha war eine Dame, die wusste, was ihr, um es mit einem Begriff aus ihrer religiösen Welt zu sagen, Gott auf den irdischen Weg mitgegeben hat, schon in sehr jungen Jahren. 1942 wurde sie in Memphis, Tennessee, als Tochter des Predigerpaars Barbara und Clarence La­Vaughn Franklin geboren. 1956 erschien ihr Debüt, es war ein Gospelalbum.

Aretha Franklin ist für viele vor allem das Lied „Respect“ aus den späten Sechzigern. Ein Hymnus auf das, was rassistisch grundsätzlich Behelligte, hier afroamerikanische Bürger der USA, einfordern, wenigstens das: Respekt. In dem 1980 entstandenen Film der Blues Brothers gibt sie dieses Lied in pinkfarbenen Küchenpuschen, furios und smart: Ihr Lied galt von dieser Sekunde an als klassisch. Dass es in erster Linie die Klage einer Frau ihrem unsteten Mann gegenüber thematisiert – und nur dies –, war unwichtig geworden: Der linksliberale Zeitgeist deutete ins Couplet hinein, was er wollte. Aretha Franklin war es recht, einerseits: „Es ist ein Lied, das ein echtes Bedürfnis der schwarzen Bürger zum Thema macht. Und das ist ja auch wichtig.“

Eine politische Sängerin war Aretha Franklin dennoch nie. Sie lebte ihr ganz persönliches „Black lives matter“-Programm, und zwar schon in den Fünfzigern. Hineingeboren in die schwarze Mittelschicht, kämpfte sie nicht mehr grundsätzlich um Möglichkeiten – sie nahm sich, wie all ihre Familienmitglieder, das, was ihr nach der Moral des All American Dream zusteht: Nutze deine Talente und hab Erfolg.

Ihre Begabung war eine Stimme, die es vorher nicht gab und hinterher ebenso wenig: Aretha Franklin, in den Gottesdiensten ihres Vaters, des in den USA berühmten Pastors Clarence LaVaughn Franklin geschult, verfügte über eine makellose Kla­via­tur an stimmlichen Möglichkeiten. In den Tiefen rau und trotzdem sauber, in den Höhen klar und ohne Meckervibrato bis zum Himmel. Diese Begabung erkannte sie selbst, und sie wurde von den Eltern gefördert – und von den Geschwistern nicht mit Missgunst bedacht und eingezäunt: Sie durfte sich am amerikanischen Traum versuchen, sie war die Familiendelegierte über die afroamerican community hinaus.

Ende der fünfziger Jahre entschied sie sich, einen ersten Plattenvertrag abzuschließen. Aber die CBS-Jahre waren kaum mehr als ein schöner Auftakt einer Jahrzehnte währenden Karriere. Ms. Franklin, wie sie angesprochen zu werden wünschte, behagte weder die Einkastelung in die Schublade des gediegenen Nachtclubjazz, noch hatte sie Lust, sich zu bescheiden: Ihre Manager legten ihr sowohl nahe, sich stimmlich bitte zurückzuhalten und sich körperlich nicht so auszustellen. Aretha Franklin aber liebte sich, wie sie war, und ihre Möglichkeiten. Mit tiefen Dekolletees stellte sie sicher, dass ihre Brüste auch wirklich keinem Blick entgehen. Wer hat, der hat: So mag sie ihr persönliches Credo, ihren Auftrag verstanden haben.

Das änderte sich, als sie endlich 1966 den Wechsel zu Atlantic Records ins Werk gesetzt hatte. Von diesem Moment an konnte sie zur Legende, zur Größten werden. Sie konnte röhren, wie es ihr passte, sie konnte anziehen, was sie sollte – das Wort Flamboyanz umreißt nur karg das, was sie auf Tausenden von Konzerten und im Fernsehen zu zeigen wusste.

Hit an Hit produzierte sie, und auch wenn es keine Nummer eins auf Anhieb war, so waren ihre Versionen einiger Songs die letztlich kanonischen: „(You Make Me Feel Like A) Natural Woman“ von Carole King. „Son Of A Preacher Man“, „Chain Of Fools“ oder „Spanish Harlem“, das sie von der Sämigkeit eines Cliff Richard befreite und zu einer wollüstigen Nummer über das Leben in Manhattan jenseits von weißem Business in Downtown machte. Zu dieser Liste gehören auch „I Never Loved A Man (The Way I Love You)“, „Dr. Feelgood“, den Sam-Cooke-Klassiker „A Change Is Gonna Come“, von Simon & Garfunkels „Bridge Over Troubled Water“ zu schweigen.

Sie war künstlerisch nichts von dem, was in jenen Jahren die Hitfabrik Motown ausstieß, Diana Ross, Marvin Gaye, Smokey Robinson, die Marvelettes oder Stevie Wonder: Ms. Franklin war ihr eigenes Universum, mehr Manufactum als Ikea, um es ins Deutsche zu übersetzen. Sie machte aus jedem Lied ein eigenes, und sei es Frank Sinatras „My Way“: In ihrer Interpretation klang es wirklich wie eine Ode auf den „final curtain“, den sie sich vorstellt, dass er auch einmal hinter ihr falle, und sie, mit zwiespältiger Furcht, bilanziert: Ja, es hat sich womöglich gelohnt.

Ms. Franklin kannte alle, die Rang und Namen hatten im Bürgerrechtskampf gegen Rassismus, gegen Segregation, gegen Entwürdigung: Mahalia Jackson, Jesse Jackson, Martin Luther King. Sie wählte eisern die Demokraten, fraglos, nur diese politische Formation würde die Benachteiligungen, gegen welche Menschen sie sich auch immer richten, ändern. Sie weinte in der Nacht, als Barack Obama zum US-Präsidenten gewählt wurde, und sang für ihn zur Inaugurationsfeier.

Dass in „Respect“ eine Frau den Lebenswandel ihres Manns beklagt, wurde unwichtig, weil das Lied ein Bedürfnis der schwarzen Bürger zum Thema machte

Sie war aber nicht zu vereinnahmen, sie traf ihre Entscheidungen gern selbst, und eben das ist vielleicht ihre stärkste Message: Was auch immer im Leben dir passiert – mach das Beste draus. Sie hatte, von zwei verschiedenen jungen Männern, zwei Kinder, da war sie noch keine 15; sie rauchte Kette, ehe sie 1992 das Qualmen aufgab, weil es ihrer Stimme zu schaden begann – „aber dann ging ich auf wie ein Ballon“.

Sie hatte zeitlebens Hunger, war, was freundlich gemeint ist, von molliger Figürlichkeit und trank eine Zeit lang mehr, als ihr gut tun konnte – aber vom Alkohol ließ sie dann auch bald die Finger. Aretha Franklin ließ kaum eine Stimulanz aus. Sie liebte das Geld, und sie liebte Pelze, die sie trug wie Seidentücher. Sie hatte eine Handtaschenkollektion, die jedes bessere Kaufhaus schmücken könnte. Sie war von wuchtiger Art und ging dennoch wie eine Ballerina. Ihre Handküsse ins Publikum waren atemberaubend huldvoll, ihr Make-up von sonderbarer Indezenz. Ihr Kopfschmuck – Tücher und Hüte – war immer überraschend und eigen und setzte sie grandios in Szene: Weil sie es konnte.

Am Donnerstag ist die Sängerin nach einer langjährigen Erkrankung an Bauchspeicheldrüsenkrebs in ihrem Haus in Detroit gestorben. Sie war nicht eine Große, sie war die Größte, das Beste, was Amerika, die USA herzuzeigen hatten – ein Traumprojekt, An American Idol, eine Vorbildliche, die keinen Heiligenschein brauchte. Sie war das Amerika, das wir lieben – und das Gegenprogramm zu allem, wofür Donald Trump steht.

Ihr Klavierspiel, das sie sich selbst beibrachte, war von erstaunlicher Kraft. Aretha Franklin hämmerte in die Tasten, als griffe sie in einen Werkzeugkasten: innig und schön.