Tempodrom-Gründerin Irene Moessinger

„Ich neige wenig zur Drama-Queen“

Bei der Tempodrom-Affäre wurde ihr Veruntreuung vorgeworfen. Das kränkte sie. Jammern aber will Irene Moessinger nicht, auch nicht in ihrer Autobiografie.

Irene Moessinger am Urbanhafen

Irene Moessinger und das Urbankrankenhaus, auch ein geschichtsträchtiger Bau für sie Foto: André Wunstorf

taz: Frau Moessinger, wo stehen Ihre Pferde?

Irene Moessinger: Auf dem Land in Brandenburg. Wir sind eine Haltergemeinschaft mit mehreren Pferden. Zwei davon gehören mir. Die Tiere sind therapeutisch ausgebildet. Nach einer Methode, die ich selbst entwickelt habe, bringe ich Kinder und Erwachsene mit Pferden zusammen.

Heißt das, Sie wohnen jetzt auf dem Land?

Ich bin da nicht festgelegt. Meine Heimat ist auf jeden Fall Berlin. Drei bis vier Tage in der Woche bin ich in der Stadt. In Kreuzberg habe ich eine kleine Einzimmerwohnung gemietet. Aber ich liebe auch das Brandenburgische, wo ich mit den Pferden arbeite. Dort bin ich Teil eines Projekts, wo man seine individuelle Freiheit hat, aber doch Gemeinschaftssinn herrscht. Ich bin nach wie vor sehr gruppenaffin.

Sie werden nächstes Jahr 70. „Berlin liegt am Meer“ heißt Ihre Autobiografie, die gerade erschienen ist. Wie erklärt sich der Titel?

Das Buch beginnt mit meiner Kindheitsgeschichte am Meer. Ich bin in einem Fischerdorf in Spanien aufgewachsen. Dann gibt es in dem Buch die Szene, wie ich 1971 nach Berlin gekommen bin. Dass ich von meiner Wohnung in Kreuzberg die Möwen über dem Landwehrkanal sehen konnte und gedacht habe: Berlin liegt am Meer. Und mit dem Meer hört mein Buch in gewisser Weise auch auf. Der Verlag hätte am liebsten das Tempodrom mit im Titel gehabt. Das wollte ich nicht.

Sie möchten nicht auf das Tempodrom reduziert werden?

So ist es.

Obwohl Sie die Mutter des Tempodroms sind?

Ich habe viele Mütter, ich habe viele Väter, singen die Scherben. Und so war es auch mit dem Tempodrom. Außerdem behandelt das Buch auch noch viele andere Aspekte. Es ist sehr persönlich gehalten.

Sie schreiben über sich sowohl aus der Ich­per­spek­tive als auch in der dritten Person. Was ist der Grund?

Das Buch ist in einem Zeitraum von sieben Jahren entstanden. Die dritte Person war zuerst da: Das Mädchen, die junge Frau, die Angeklagte. Das „ich“ kam erst später dazu. Ich lese selbst gerne Bücher in der dritten Person. Dieses ich, ich, ich geht mir oft auf die Nerven. Außerdem war es mir möglich, in der dritten Person kritische Punkte zu beleuchten, ans Eingemachte zu gehen.

Haben Sie ein Beispiel?

Meine Schüchternheit als Kind. Meine zwei Jahre ältere Schwester war diejenige, die geführt hat. Ich habe mitgemacht, bin aber auch sehr gerne meine eigenen Wege gegangen. Allein. Ja, ich war abenteuerlustig, aber richtig schüchtern.

Sie und Ihre Schwester sind bei der Mutter aufgewachsen. Für damalige Verhältnisse war das eine sehr ungewöhnliche Frau.

Anfang der 50er Jahre ist sie allein von Frankfurt nach Barcelona getrampt. Kurz danach ist sie mit uns Kindern nach Spanien ausgewandert. Das war damals ausgesprochen unorthodox.

Wie alt waren Sie da?

Vier. In dem Fischerdorf Torremolinos haben wir dann sechs Jahre gelebt. Das war ein Treffpunkt internationaler Künstler. Wir sind mit spanischen, englischen, französischen und amerikanischen Kindern aufgewachsen. Es gab keine Schule, unsere Mutter hat uns unterrichtet. Wir drei waren zusammengeschweißt. Das war natürlich nicht immer einfach. 1960 sind wir dann zurück nach Deutschland.

Was war mit Ihrem Vater?

Er hatte Affären mit anderen Frauen. Meine Mutter hat sehr darunter gelitten. 1953 hat sie ihn damit konfrontiert, dass sie mit uns nach Spanien zieht. Er hat uns dort einmal besucht, aber ich habe wenig Erinnerungen daran. Die frühe Trennung führte zu einem Bruch, der bis zu seinem Tod nicht mehr geheilt ist. Er ist schon mit 52 gestorben.

Ihr Vater hat Ihnen 800.000 Mark hinterlassen. Von der Erbschaft haben Sie Anfang der 80er Jahre ein Zirkuszelt gekauft und es auf einer Brache auf dem Potsdamer Platz an der Mauer aufgestellt. Damit war das Tempodrom geboren.

Die Erbschaft war für mich ein Schock. Eine ganze Weile lang hatte ich das Geld kaum angerührt.

Warum nicht?

Meine Schwester und ich wussten nicht, dass mein Vater wohlhabend geworden war. Wir waren ja selten bei ihm. Wir wussten nur, dass er gut lebt. Ein Teil der Summe lag in der Schweiz. Außerdem: In der undogmatischen linken Szene, zu der ich gehörte, war es verpönt, Geld zu besitzen. Wenn die Eltern bürgerlich waren, hatte man fast ein schlechtes Gewissen. Mein Vater war Manager, meine Mutter war zwar arm, kam aber aus einer aristokratischen Familie. Ein Bergarbeiter und eine Näherin wären besser gewesen. Dazu kommt: Ich war glücklich mit meinen Leben, so wie es war.

Sie waren 1971 von München nach Berlin gekommen, hatten das Georg-von-Rauch-Haus mitbesetzt, in mehreren Fabriken gearbeitet und dann eine Ausbildung als Krankenschwester gemacht. Wie kam es zu diesem Entschluss?

Ich hatte Kunstpädagogik studiert. In der damaligen politischen Zeit war es aber gut, zu arbeiten. Ich hatte ja auch Abitur und habe immer überlegt: Was fordert mich intellektuell und gibt mir gleichzeitig eine Zugehörigkeit zu einem großen Betrieb? Das wollten wir ja immer. Warum also nicht Krankenschwester? Dann war ich auch mal ziemlich krank und hatte auch im Urban-Krankenhaus gelegen …

…mit Verdacht auf Lymphdrüsenkrebs.

So lautete die Diagnose. Toi, toi toi – nach zwei Monaten war alles verschwunden. Und dann habe ich mich beworben im Urban-Krankenhaus und begann dort meine Ausbildung. Später war ich auch Intensivschwester. Erst als ich das ganze System Krankenhaus und die Schulmedizin infrage stellte, war mir klar, dass ich dieses Geld …

… die Erbschaft …

… jetzt mal sinnvoll investieren wollte – auch für mich. Das lag auch daran, dass zu diesem Zeitpunkt die kulturelle Gegenbewegung im Entstehen war. Die Geburt des Tempodroms wurde getragen von dieser Bewegung. Die 3 Tornados …

… Arnulf Rating, Günter Thews und Co …

… und viele andere waren Teil davon.

Was hatte es mit dem Zirkuszelt auf sich?

Das Tempodrom war der Veranstaltungsort für die undogmatische Linke, aber nicht nur. Es war offen für alle. Von Wedding bis Zehlendorf kamen die Leute zu Westberliner Zeiten. Und als die Mauer auf war, gab es einen unglaublich Run von Ostberlinern und ehemaligen DDR-Bürgern. Die hatten keine Schwellenängste. Bei uns im Tempodrom haben ja die ganzen Stars gespielt, die sie aus dem Rias kannten: von Deep Purple bis was weiß ich nicht alles.

Das waren richtig große Rockkonzerte?

Nicht nur. Die ersten Jahre waren wir auch stark zirzensisch orientiert. Es gab einen Kinderzirkus zum Mitmachen, Theater und Revuen. Das Zelt hatte 3.000 Plätze. Das neue Tempodrom …

… der im Jahr 2000 am Anhalter Bahnhof hochgezogene Festbau in Zeltform mit der zackigen Krone …

… ist kein Stück größer als das alte Tempodrom. Es ist genau nach der Raumkapazität der früheren Zelte gebaut worden.

Am Potsdamer Platz standen die Zelte vier Jahre. Es waren ja zwei, ein großes und ein kleines. Dann kam der Umzug in den Tiergarten neben das Haus der Kulturen der Welt, damals noch Kongresshalle. Wie lange war das Tempodrom dort?

Bis Ende 1998, Anfang 99. Wir mussten weg, weil das Bundeskanzleramt und Regierungsviertel gebaut wurden. Das war in der Kohl-Ära so entschieden worden.

Das neue Tempodrom am Anhalter Bahnhof wurde größtenteils mit öffentlichen Geldern errichtet. Die Bausumme stieg von 24 auf 32 Mil­lionen Euro. Der vermeintliche Bauskandal kostete dem damaligen SPD-Bausenator Peter Strieder das Amt. 2005 wurden dann auch Sie, Frau Moessinger, und Ihr Geschäftspartner Norbert Waehl als Geschäftsführer der Betreiber-GmbH gefeuert. Wie haben Sie das erlebt?

Das war paradox. Das Haus war ja auf zehn Jahre ausgebucht. Was die Veranstaltungen anging, schrieben wir ja schwarze Zahlen. Es ging nur um die Bürgschaft, die Norbert und ich persönlich und mit unserer Firma für den Kredit zur Errichtung des Tempodroms geben mussten.

Mit Norbert Waehl verbindet Sie auch, dass Sie eine gemeinsame Tochter haben, die Bildhauerin Katharina Moessinger.

Norbert und ich hatten uns als herkömmliches Paar schon früh getrennt, in Sachen Tempodrom sind wir aber Partner geblieben. Ich finde nach wie vor das Experimentieren mit allen Lebensformen die interessantere Möglichkeit als eine Zweierbeziehung. Gleichzeitig habe ich einen großen Respekt vor Paaren, die ein Leben lang zusammenbleiben und durch verschiedene Stadien gehen.

Vier Jahre später, 2008, mussten Sie und Waehl sich dann vor Gericht wegen des Vorwurfs der Veruntreuung verantworten, wurden aber wegen erwiesener Unschuld freigesprochen. Was war schlimmer, der Verlust des Tempodroms, oder einer Straftat verdächtigt zu werden?

Beides war schlimm. Diese Unterstellung, wir hätten uns persönlich bereichert, war wirklich infam. Vier Jahre hatte das in den Zeitungen gestanden. Das ist kaum auszuhalten. Aber es hat mich auch gestärkt.

Hätte man daran nicht auch zerbrechen können?

Ich glaube, schon. Nachdem sie uns das Tempodrom weggenommen haben, habe ich mich drei Jahre komplett zurückgezogen. Ich war in einem buddhistischen Kloster, habe meine Exerzitien gemacht und buddhistische Philosophie studiert. Da habe ich sehr viel gelernt.

Worauf wollen Sie hinaus?

Zu verstehen, wie Projektionen funktionieren, war eine Herausforderung. Vorher war ich der Big Darling, der Träume erfüllt, und dann auf einmal die Raffgierige, die sich persönlich bereichert. Das geht so schnell. Wenn ich eine Erfahrung in meinem kurzen Leben gemacht habe, dann ist es die: Entscheidend ist, wie du dich selbst siehst und wie du in deiner Mitte bleiben kannst, dass dich dieses Auf und Ab nicht so stark berührt.

Kann man das lernen?

Ja. Ich habe verstanden, um was es geht, und dann übt man. Mein soziales Netz, die ganzen Freunde, die ich habe, und der andere Blick auf ein Scheitern und die Herausforderungen, die damit zu tun haben, haben mich gerettet.

Sehen Sie das nicht ein bisschen zu positiv?

Ich neige wenig zur Drama-Queen. Dass wir das alles verloren haben, ist natürlich traurig. Die vielen lieben Mitarbeiter, wir waren ja eine große Familie. Auf der anderen Seite haben sich für mich aber noch mal ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Zum Beispiel ein Buch zu schreiben oder diese Arbeit mit den Pferden zu entwickeln. Da bin ich total dankbar für.

In Ihrem Buch spürt man das Bemühen, aus Ihrem Herzen keine Mördergrube zu machen. Hatten Sie beim Schreiben nicht manchmal Schaum vor dem Mund?

Das entspricht nicht meinen Empfindungen. Ich bin weit entfernt davon, jemanden anzuklagen. Denn eigentlich bin ich total stolz auf das neue Tempodrom, obwohl es für uns wirklich mies ausgegangen ist. Es ist ein tolles Haus. Ich war jetzt zweimal drin.

Das können Sie wieder?

Ja, aber es hat elf Jahre gedauert. Beim Konzert von Massive Attack war ich zum ersten Mal dort. Dabei habe ich natürlich alle Gefühlsebenen durchlaufen. Am Schluss war ich aber fast glücklich. Es war so ein tolles Konzert! Letzten Winter war ich mit meiner Enkelin drin, bei Roncalli. Das fand ich auch ganz toll. Und dann ist so was in mir, das sagt: Es war richtig, dass wir das gemacht haben. Die Zeit der Zelte war vorbei. Und zwar nicht, weil wir das wollten, sondern weil es von außen so diktiert wurde.

Im Tiergarten, wo früher das Tempodrom stand, steht seit vielen Jahren das Tipi. Warum darf das Tipi mit seinem Zelt dort sein, und das Tempodrom musste weg?

Das Tipi ist eine Eventlocation mit Kleinkunst. Das ist kompatibel mit der Regierung. Wir waren das nicht und wollten es auch nie sein. Zu den Heimatklängen, einer Konzertreihe für Weltmusik, die es immer im Sommer gab, kamen bis zu 4.000 Leute. Das ging bis tief in die Nacht. Ich glaube, wenn wir damals gesagt hätten, wir bleiben mit einem kleinen Zelt hier und sind leise, wäre das vielleicht möglich gewesen. Aber ich war nie ein Kleinkunstmensch.

Was waren Sie?

Unsere Größenordnung war einfach eine andere. Da konnte man Sachen machen wie die anarchische Theatergruppe Fura dels Baus. Die Kuppel ermöglichte ja fantastische Dinge. Das neue Tempodrom hat auch eine fantastische Kuppel, aber sie wird leider nicht genutzt. Das ist schon ein sehr konventioneller Veranstaltungsort geworden.

War die Aufgabe der Zelte zugunsten eines festen Baus rückblickend nicht doch die falsche Entscheidung?

Nein. Es gab damals wirklich keinen anderen Standort für die Zelte. Die Alternative wäre gewesen, aufzuhören. Dann wäre das Tempodrom mit 20 Jahren sozusagen ad acta gelegt worden. Ich fand das Neue ungeheuer spannend, bei allen durchschrittenen Tälern. Das Gebäude entstehen zu sehen war eine fantastische Zeit. Ich möchte das nicht missen. Dass wir nach 18 Monaten Bauzeit zeitgerecht eröffnen konnten, lag daran, dass alle Beteiligten zusammengehalten haben. Es wurde nicht wie beim BER …

... dem Berliner Großflughafen, dieser milliardenteuren ewigen Baustellle …

…der Architekt rausgeschmissen. Keiner konnte sich persönlich profilieren, alle haben an einem Strang gezogen. Das war für mich eine wunderbare Erfahrung. Und so, wie das neue Tempodrom da steht, ist es eine Bereicherung.

Haben Sie das Buch auch geschrieben, um abzuschließen?

Nein, mein Gefühl ist: Ich bin im Leben mittendrin.

In Eile zu sein, nicht genug Zeit haben zieht sich durch mein Leben“, heißt es an einer Stelle. Sind Sie immer noch eine Getriebene?

Weniger, viel weniger. Und doch! Von meinem chinesischen Sternzeichen her bin ich Büffel – die wandern. Ich bin lange bei einer Sache, wie man weiß. Und dann gehe ich weiter. Manchmal denke ich, es wäre toll, wieder am Meer zu leben.

Was hindert Sie?

Ich arbeite ja noch mit den Pferden, und das Leben ist auch so dicht. Aber das mit dem Meer, das kommt schon noch.

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