Am Ende geht’s ums Geld

Das Hamburger Illustratorinnen-Magazin „Spring“ setzt sich in seiner aktuellen Ausgabe mit Arbeit auseinander. Es erzählt vom Überleben als Künstlerin – und oft auch als Mutter

Archaisch wirkende Konfrontation: Auf dem Cover stehen sich Steinzeitjägerin und ihre Nachfahrin im adretten Kostüm in gleicher Haltung gegenüber Foto: Abb.: Mairisch Verlag

So in Schwarz, Weiß und Rot und hat das Bild etwas Diabolisches. Das Bett wirkt wie ein Altar aus Gitterstäben, in der Mitte leuchtet das Emblem des Herstellers eines aufgeklappten Laptops. Daneben zwei schlafende Gesichter: links der Mann, rechts das Kind. Und hinter dem Ganzen sitzt die „Teilzeitmutter“ und arbeitet. „Acht bis drei: auf Arbeit / drei bis acht: auf dem Spielplatz / danach: aufarbeiten“. Das illustrierte Haiku von Doris Freigofas wirkt so leicht, fast witzig – und erzählt wohl trotzdem von der Hölle.

„Arbeit“ ist das Titelthema der neuen Spring-Anthologie und mit Recht kann man fragen, warum das Thema eigentlich erst jetzt kommt. Schließlich ging es bei dem Künstlerinnen-Projekt von Anfang an zentral um die Arbeitsbedingungen Kulturschaffender, ums Netzwerken in einer Zeit, als Illustration und Comic noch erheblich männerdominierter waren als heute. Seit 15 Jahren stemmt das in Hamburg zentrierte Netzwerk einen Band pro Jahr – in wechselnder Besetzung zwar, aber immer hochkarätig, mit wichtigen Namen der Kunst­comic-Szene.

Mit „Nachstellungen“ ging es damals los, „Verbrechen“, „Familiensilber“ und „Wunder“ waren starke Titel, vorletztes Jahr ging es für eine Gruppe von Künstlerinnen auf Kosten des Goethe-Instituts nach Indien, wo „The Elephant in the Room“ in Zusammenarbeit mit örtlichen Zeichnerinnen zu gemeinsamen Problemen in so unterschiedlichen Kulturen gearbeitet haben.

Jetzt also Arbeit. Schon das Cover der neuen Ausgabe wirkt auf eine grundsätzliche Weise archaisch: Da begegnen einander wie im Zerrspiegel die Steinzeitjägerin mit Pfeil, Bogen, Wild auf der Schulter und Kind am Bein – und ihre Nachfahrin im adretten Kostüm in gleicher Haltung, aber mit Smartphone und Coffee-to-go-Becher in den Händen.

Diese 15. Ausgabe ist die programmatischste, erzählt in Reinform vom Überleben als Künstlerin und oft auch als Mutter. Überhaupt Kinder: Die sind ein durchgehendes Thema der Ausgabe, und auch anderswo noch immer selbstverständliches Sujet bei Künstlerinnen, während Vätergeschichten nach wie vor die große Ausnahme bleiben. Wahrscheinlich ist es doch gerade jetzt gut, daran zu erinnern, da die Losung „Comic ist weiblich“ als Erfolgsgeschichte einsickert und gerade darum droht, die fundamentalen Ungerechtigkeiten zu verschleiern.

Andererseits: Reduzieren sollte man den Band darauf nun auch wieder nicht. Tatsächlich hat die neue Spring ja doch noch viel mehr zum Thema beizutragen als nur diesen Gender-Aspekt. Stephanie Wunderlich liefert zum Auftakt etwa eine Reihe ganzseitiger Illustrationen, die sich in abstrakten Figuren und Kollagen aus Industriegeschichte und Pillen gegen den Zusammenbruch mit der Geschichte der Arbeit befassen. Von der antiken Muße des bequem gebetteten Philosophen über Luthers Arbeitsethos bis zum Roboter von morgen reißt sie große Fragen an – von Verteilung bis Gerechtigkeit – und endet bei sich selbst am Schreibtisch: „So viele große Fragen … Jetzt brauche ich erstmal eine Kaffeepause.“

So erwartbar die Pointe, so treffsicher ist sie – man kommt eben nicht raus. Es ist dann auch vom Kapitalismus kaum wörtlich die Rede, auch wenn der Band in verschiedensten Facetten davon berichtet, wie schlimm das alles immer noch ist. Die Hamburger Illustratorin Carolin Löbbert vergleicht Zahlen: Einen Tag muss der Fußballprofi arbeiten, um sich einen VW Golf leisten zu können, eine Hebamme in Deutschland immerhin 850. Dass die Vergleiche auf internationaler Ebene noch grässlicher werden, versteht sich von selbst. Neben jeder in expressivem Schriftsatz gesetzter Ungerechtigkeit zeigt ein Bild mal grinsende, mal gelackmeierte Menschen mit Geld. Man kann das gar nicht oft genug aufrechnen, die schärfere Kritik liegt in diesem Buch aber doch noch woanders. Bei Katrin Stangl nämlich, die im Grimm’schen Märchen von den drei Spinnerinnen einen grundsätzlichen Skandal weiblicher Arbeit ausgemacht hat.

Zeichnerin Birgit Weyhe zieht einmal quer durch Kolonialgeschichte und Geschlechterfragen – bis zu ihrer Tochter, die in der Schule erzählt, ihre Mutter hätte keine Arbeit, sondern würde nur zeichnen

Zur Erinnerung: Frau ist zu faul zum Flachsspinnen, und weil ihrer Mutter das peinlich ist, behauptet die im Gegenteil, das Kind ließe sich gar nicht mehr losreißen vom Spinnrad. Als sie das vor dem König unter Beweis stellen soll, kommen drei hässliche Alte, nehmen ihr heimlich die Arbeit ab, präsentieren ihre zerschundenen Körper auf der Hochzeit – und siehe da: Der frisch verheiratete Königssohn verbietet ihr endlich das Arbeiten. Nicht weil sie keine Lust hat, oder Arbeit ja nun tatsächlich scheiße ist, sondern weil er nun wirklich keine Frau will, die so hässlich ist wie die drei Vetteln. Happy End.

Die Arbeiten der 13 Künstlerinnen sind ästhetisch breit gefächert und reichen von Katharina Geschwendters ganzseitigen Studien zu gewaltigen Posen und Phrasen moderner Arbeitsideologie bis zu Birgit Weyhes Nachdenken über ihren Arbeitsplatz. Auf bis zu neun engen Panels pro Seite zieht Weyhe einmal quer durch Kolonialgeschichte und Geschlechterfragen bis zu ihrer Tochter, die in der Schule erzählt, ihre Mutter hätte keine Arbeit, sondern würde nur zeichnen.

Dass der Band auf durchweg hohem Niveau zeigt, was der deutsche Kunstcomic so kann, muss vielleicht gar nicht mehr unbedingt gesagt werden. Das ist ja zuverlässig seit nunmehr 15 Ausgaben der Fall. Schön ist es trotzdem. Die andere Nicht-Überraschung ist hier immerhin noch für eine lustige Pointe gut: dass die Künstlerinnen am Ende ihren Anzeigenkundinnen wie üblich noch eigenhändig die Annoncen ins Buch gezeichnet haben. Denn klar: Am Ende geht es auch der nachdenklichsten Kunst ums Geld.