Ein Leben zwischen Sein und Nichts

Sie lehrte an der Freien Universität und beschäftigte sich leidenschaftlich mit Adorno und der Technikkritik von Günther Anders: die 68erin und Soziologin Gabi Althaus. Im Alter von 80 Jahren ist sie in Berlin verstorben. Ein Nachruf

Versprühte Leidenschaft: Gabi Althaus (1938-2018) Foto: privat

Als ich mich 1972 an der Freien Universität am Soziologischen Institut bewarb, waren die marxistischen Dogmatiker gegen meine Berufung. Zu wenig Marx-Exegetiker. Aber es gab andere. Zum Beispiel Gabi Althaus.

Wir wurden rasch Freunde, weil sie und ich nicht nur Theodor W. Adorno und Günther Anders sehr schätzten. Wir versuchten beide, mit den Studenten gemeinsam und gründlich Texte zu lesen und zu interpretieren.

Immer schon (seit der Revolution der 68er) waren die Lehrenden und die Lernenden in sich widersprechenden, teilweise grob bekämpfenden Gruppen verteilt. Stark nach 68 die Marx-Interpreten, die nicht bloß die Empirie ablehnten; die meisten lehnten auch die Frankfurter Schule mit Adorno und Habermas ab. Gabi Althaus dagegen suchte in Texten den Dialog mit Adorno und, für mich überraschend: wir beide auch mit Günther Anders, vor allem mit seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“, mit dem Untertitel: „Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution“.

Mir gefiel, was Anders als „Gelegenheitsphilosophie“ bezeichnete und das Material dazu „Funde“ nannte – seien es Erfahrungen der Arbeit am laufenden Band oder Automationsbetriebe. Empirisches Material sammeln und später systematisieren. Dass auch schon die Roboter dazugehören, war konsequent.

Gabi eckte an, war wütend, wenn nach einer ausführlichen Texteinführung sich in der Diskussion kein Student meldete. Als es um Rauchverbote an der Universität ging, betrachtete Gabi solche Aufforderungen als absolut fehlgeleitete soziale Energie.

Gabi: Wir seien zu ungebildet, um wirklich hart zu sein. Im Kulturindustrie-Aufsatz Ador­nos nannte sie den Stachel: Er behaupte, wir seien zu ungebildet, um wirklich über Kunst zu sprechen. Und in der Musik: Wir seien alle musikalische Analphabeten. Was für Gabi Althaus beides nicht stimmte. Stundenlang vermittelte sie den Studenten ihr musikalisches Wissen und schrieb darüber engagiert und kompetent. Und mühsam.

Gabi Althauswurde am 25. April 1938 geboren, sie starb am 8. August 2018 in Berlin. Die Professorin für Soziologie war eine 68erin, beschäftigte sich mit der Kritischen Theorie Adornos und der Technikkritik von Günther Anders. Da ihr das Schreiben schwerfiel, publizierte sie jedoch wenig. Ihre Biografie zeigt alle Facetten eines um Emanzipation kämpfenden Frauenlebens: Sie wurde als Schülerin schwanger und musste, das war bis in die 70er Jahre noch so, die Schule verlassen. Ihr Mann starb jung, sie zog das Kind alleine groß, wurde Grundschullehrerin und studierte, nach neuer Ehe und zweitem Kind, Soziologie auf dem zweiten Bildungsweg. Nach Umwegen erhielt die leidenschaftliche Debattiererin, Raucherin und Musikliebhaberin eine Professur an der Freien Universität. Eine Freundin fasst die Leidenschaft, die Gabi Althaus versprühte, so zusammen: „Es wurde studiert, in philosophischen Kolloquien und Zirkeln debattiert, sich universitätspolitisch engagiert, niemals ein Blatt vor den Mund genommen und exzessiv gelebt.“

Ich gestehe gern, was sie in einer Festschrift „Ungespritzte Möhren“ in ihrem Beitrag schrieb: „Ich kann nicht schreiben … Ich habe riesige Gefechte mit Urs Jaeggi und Jakob Taubes gehabt, die haben immer gesagt, schreib doch was …“

Es ging um die Habilitationsschrift. Das Schreiben: Für sie, die beim Schreiben, wie sie schrieb, Fieber bekam und selbst ein Postkartenschreiben glaubwürdig ein Katastrophen-Programm nannte. Aber als gefragte und beliebte Dozentin schrieb sie eine Vielzahl von Gutachten, die zeigten, wie präzise und gut formuliert sie sich schriftlich ausdrückte in ihren Texten zur Musik und in ihrer Habilitationsschrift über Günther Anders. Oder überraschender ihre Squashballade: „Ich schlage zu … Das ist ein mächtiges Gefühl. Squash ist doch Macht. Und Squash macht Spaß.“

Dass Gabi, was ich erst später erfuhr, als Schülerin Mutter wurde, die Schule verlassen musste, und ihr Mann ganz jung bei einem Autounfall starb. Später, im Gymnasium, wurde sie nach ihrer Aussage eine gute Schülerin, bis sie jahrelang in der Schule nicht sprach. Verstummte und stumm blieb. Eine kafkaeske Situation. Warum, verriet sie nie.

Den Wiedereintritt schaffte sie, und den Abschluss. Ausbildung als Grundschullehrerin. Bei den Schülern beliebt und von ihnen verteidigt, als sie wegen einem im Unterricht verwendeten Gedicht von Paul Celan in einer Tageszeitung als böse Kinderverführerin angeprangert wurde. Alle 28 Zehnjährigen der Klasse unterschrieben eine Antwort, dass ihr Unterricht spannend und un­ideologisch sei. Neuvermählung und ein zweites Kind. Erwarb über den zweiten Bildungsweg den Zugang zur Universität und studierte Soziologie.

Als Dozentin war sie bei den Studenten und vielen Kollegen beliebt und hoch geschätzt. Sie kämpfte, eckte an und wurde bestraft: Als ein Kollege das von mir mitunterstütze Projekt einbrachte: Professuren halbieren, um „mehr Frauen an die Uni zu bringen“ (für mich sehr sinnvoll und wichtig), wurde die von mir vorgeschlagene Gabi Althaus vom Kultusminister abgelehnt, unterstützt von einer Frauenfraktion, die ihr mangelndes Einbringen feministischer Politik in ihren Seminaren vorwarf. Gewählt wurde: ein Mann! – in einem Projekt „mehr Frauen an die Universitäten“! Mit einer Zwischenlösung blieb sie dem Institut erhalten. Und erlebte den Anfang des langsamen Niedergang des Soziologischen Instituts.

Sie kämpfte, eckte an. Als Dozentin war sie beliebt und hoch geschätzt

Viele Freunde und Freundinnen und ich dabei werden die heftigen und fruchtbaren nächtlichen Diskussionen und Gelage in ihrer Wohnung in bester Erinnerung behalten.

Zum Abschied ein Zitat von Günther Anders:

„Es genügt nicht, die Welt zu verändern. Das tun wir ohnehin. Und weitgehend geschieht das sogar ohne unser Zutun. Wir haben diese Veränderungen auch zu interpretieren. Und zwar, um diese zu verändern. Damit sich die Welt nicht weiter ohne uns verändere. Und nicht schließlich in eine Welt ohne uns.“