Vor dem Sterbenwas erleben

Der semi-dokumentarische Film „Am Ama Am Amazonas“ (1968) vom Ulmer Kollektiv Eppelwoi Movie Productions sabotiert fröhlich die Erwartungen

Jede*r aus dem Kollektiv durfte mitmachen: Hier der Prager Kameramann Pavel Schnabel bei den Dreharbeiten Foto: Pavel Schnabel/

Sie waren zu acht, fünf Männer, drei Frauen. Ein Kollektiv, sogar eine WG. Studiert hatten sie in Ulm, an der Hochschule für Gestaltung, Brutstätte der Moderne in Design und anderen Bereichen des Handwerks als Kunst. Auch Filmgestaltung wurde gelehrt, Alexander Kluge unterrichtete in Ulm, Edgar Reitz, beide treibende Kräfte beim Generalangriff auf Opas Kino, dem Oberhausener Manifest, zu dessen Unterzeichnern auch der ebenfalls in Ulm lehrende Detten Schleiermacher gehörte, dessen Werk in der deutschen Filmgeschichte mit sehr viel blasserer Schrift verzeichnet ist.

Die Ulmer zogen nach dem Ende des Studiums, es waren die sehr späten sechziger Jahre, nach Frankfurt, aus Prag kam Pavel Schnabel dazu. Sie gaben sich den Namen Eppelwoi Movie Productions, der nicht nur eine Liebeserklärung ans Lokale (und seine Lokale), sondern auch eine Absage an zu großen Ernst war. Das Kollektiv wollte Filme drehen, die mit den Konventionen des Erzählfilms wenig zu tun hatten, wer genau was an welcher Stelle geschrieben und gemacht hat, Kamera, Buch und Regie, ist nicht klar. Die Idee des Regisseurs oder Auteurs als Künstlergenie war dem Kollektiv jedenfalls wenig sympathisch, sie wollten die Freiheit, das zu tun, was ihnen in den Sinn kam. Wozu auch die Freiheit gehörte, einen Film „Am Ama Am Amazonas“ zu nennen.

Der Film stottert im Titel, in der Folge werden Erwartungen, die man immer noch an einen Zusammenhang haben mag, fröhlich sabotiert. „Am Ama Am Amazonas“ besteht aus der Abfolge kurzer Szenen, von denen sich eine selten auf die nächste bezieht, was wohl auch daher kam, dass jede*r mal randurfte. Andererseits fällt der Film auch nicht ganz auseinander, es gibt von Ferne sogar etwas wie einen melodramatischen Plot. Und eine Heldin im Zentrum, Marion, von Angela Drögemöller gespielt, die so wenig eine Schauspielerin ist wie all die anderen Darsteller*innen, teils spielen auch die Mitglieder des Kollektivs vor der Kamera mit.

Zwischen drei Männern soll oder will Marion sich entscheiden, zwischen Fred, Thomas von Stein und dem Erotomanen Dr. Morath. Alle drei werden allerdings sterben – einer, Fred, schon mit acht Jahren beim Rodeln, zum Glück lebt er später dann wieder, um erst Marion lieben und dann nochmal sterben zu können; Thomas von Stein, erfährt man, stirbt bei der Begehung eines Hydrierturms – und gleich zu Beginn gibt es die heitere Ansage ans Publikum: „Und Sie werden auch sterben, aber vorher werden Sie noch was erleben.“

Man wartet recht lange, bis der Film sich per Schriftzug zum verstolperten Namen, den er sich gab, auch bekennt. (Noch viel länger dauert es, bis er an den Amazonas, den er einem verspricht, wenn auch auf etwas dubiose Weise, wirklich gelangt.) Ebenfalls bekennt der Film sich zu Karl Marx, „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“, ist zu lesen. Später wird noch einmal Marx zitiert, da geht es um die versteinerten Verhältnisse, die man zum Tanzen zwingt, indem man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt. Bleibt freilich die Frage, ob die Verhältnisse sich in dem Spiegel, den ihnen das Kollektiv der Eppelwoi Movie Productions hier vorhält, wiedererkennen.

Am ehesten wohl noch in den Rednerkursen der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft. In dokumentarischen Szenen wird man da unvermittelt in die Rede- und Denkweisen einer Gesellschaft gestoßen, die der Geist von 1968 keineswegs immer und überall durchweht. Um eine Mannequin-Schule geht es an anderer Stelle, einen Korkvorhang sieht man ausführlich, eine Frau steigt, plötzlich in Farbe im sonst zunächst ganz Schwarz-Weißen, aus der Wanne, ein Tünnes- und-Schäl-Witz wird erzählt („Tünnes kommt zum Rechtsanwalt“), man ist auf Schloss Solitude, es gibt Kunstvernissagengequatsche und vielerlei mehr, das man mit Staunen auftauchen sieht. Mal ist das komisch, mal schräg, mal beides, mal entzieht es sich allen gängigen Kategorien.

Zwischen dem, was man sieht, ist immer wieder viel Schwarzfilm, manche Szenen sind klar inszeniert, manche dokumentarisch, manches ist Found Footage, so weite Teile des Amazonas-Ausflugs, auf den der Film dann, man hat schon nicht mehr daran geglaubt, wirklich hinausläuft. „Am Ama Am Amazonas“ ist ein Unikum, das allerdings im Werk zweier Beteiligter durchaus Fortsetzungen fand.

Da ist zum einen Michael Leiner – hauptberuflich damals und lange noch Typograf beim zunächst außerordentlich linken Verlag Stroemfeld/Roter Stern. Zur Zeit des Drehs dieses Films waren er und die spätere RAF-Terroristin und Carlos-Geliebte Magdalena Kopp ein Paar. Gemeinsam mit Reinhard Kahn hat er in den achtziger Jahren Filme gedreht, die durchaus den Spirit dieses Werks atmen. So richtig Karriere hat aus dem Kollektiv freilich nur Jeanine Meerapfel gemacht, die als Solo-Regisseurin seit den Achtzigern zwölf Filme gedreht hat und heute Präsidentin der Berliner Akademie der Künste ist. Auch zu so was können solche Anfänge führen.