Eine Stimmung des Unbehagens

Lidokino 8: Zwei Filme im Wettbewerb schauenauf die skandalträchtige Inszenierung einer Frau

Frauen im Licht der Öffentlichkeit. Mal als Star, mal als Berühmtheit wider Willen. Medienphänomene alle beide, bei denen man immer auch ein wenig über die moralischen Klippen des eigenen Berufsstands erfahren kann. Der US-Amerikaner Brady Corbet bewirbt sich in Venedig mit „Vox Lux“, einer Geschichte über den Werdegang des fiktiven Popstars Celeste, um den Goldenen Löwen. Sein argentinischer Kollege Gonzalo Tobal erzählt in „Acusada“ von der ebenfalls erfundenen 21-jährigen Dolores Dreier, die des Mordes angeklagt ist. Eine Freundin von ihr wurde nach einer Party brutal ermordet aufgefunden, Dolores war als Letzte mit ihr in der Wohnung. Andere Verdächtige gibt es keine.

Tobal präsentiert den Fall als eine Studie in öffentlicher Inszenierung: Gleich zu Beginn wird ein Hausbesuch für einen Magazinartikel gezeigt, mit aufwendig vorbereiteten Fotosessions zum Interview. Die Protagonistin, mit gefasster Zerbrechlichkeit von Lali Espósito gespielt, wird unterdessen eingehend auf die mündlichen Verhandlungen vorbereitet. Vom Anwalt, der ihr genau erzählt, was sie sagen soll und was nicht, und einer PR-Beraterin, die an ihrer Körpersprache und dem Tonfall der Stimme arbeitet. Talkshows und Kampagnen der Mutter des Opfers begleiten den Prozess, die Medien greifen dankbar jedes Statement auf.

In „Acusada“ soll allerdings die Schuldfrage der eigentliche Stoff sein, so scheint es zumindest, und hier wirft Tobal nach und nach verwirrende Details ins Geschehen, will die Sache am Ende aber nicht aufklären. Vielleicht ist die Enttäuschung ob der offenen Schlusspointe beim Publikum ja kalkuliert, wirklich gut tut sie dem Film nicht.

Mehr Fragen beantwortet hingegen Brady Coopers „Vox Lux“, was aber nicht immer besser sein muss. Der Film beginnt mit einem verstörenden Schulmassaker, das nicht weiter aufgeklärt wird, es setzt einfach den Tonfall für die Geschichte. Mit wunderbar quälender Musik des großen Pop-Eremiten Scott Walker unterlegt, schafft „Vox Lux“ durchgehend eine Stimmung des Unbehagens, erzählt aber in der Hauptsache vom Werdegang seiner ambivalenten Heldin Celeste, die, aus einfachen Verhältnissen in Staten Island kommend, vom Massaker an ihrer Schule zu einem Song inspiriert wird. Dessen Übertragung im Fernsehen – man schreibt das Jahr 1999, YouTube gibt es noch nicht – macht die Dreizehnjährige zur nationalen Berühmtheit und sichert ihr einen ersten Plattenvertrag.

Karriere und Katastrophen

Von da an mischen sich immer wieder Katastrophen unter die Ereignisse, beginnend mit dem 11. September 2001. Die Karriere von Celeste bewegt sich weiter aufwärts, irgendwann ist sie – von Natalie Portman verkörpert – erwachsen und auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, auch wenn sie in einer Szene gesteht, dass ihre Videos, überwiegend Reklame, immer schlechter würden. Das Geld jedenfalls stimmt.

Einen Medienskandal gibt es, als Attentäter in Kroatien an einem Strand mit Gewehren auf die Touristen dort schießen und dazu Masken tragen, die aus einem Video von Celeste stammen. Die zum Interview einbestellte Presse setzt sich über die abgesprochenen Grenzen hinweg und will einen Kommentar von Celeste zu den Vorfällen in Kroatien. Und die reagiert mit begrenzt empathischen Antworten.

Die Handlung selbst überzeugt weniger durch Stringenz als durch eigenartige Wendungen. Wenig ist vorhersehbar. Wirklich toll ist aber die Leistung Portmans als sehr schwer zu ertragende Prominente mit charakterlichen Abgründen, mit der sich die Schauspielerin allemal für einen Darstellerpreis ins Rennen gebracht hat. Auch wenn man die Antwort auf die Frage, was die schrecklichen Vorkommnisse in der Welt mit Celestes Werdegang zu tun haben, die der Film am Ende tatsächlich gibt, lieber nicht erfahren hätte.