Abrechnung und Auftakt

In Berlin hat das 18. Internationale Literaturfestival mit einer Rede von Eva Menasse eröffnet. Der Etat für das Festival wurde erhöht, und das Programm aus Literatur und Theorie ist noch fulminanter als zuletzt

Alle MitarbeiterInnen auf die Bühne, eine schöne Geste von Festivaldirektor Ulrich Schreiber Foto: ilb

Das 18. Internationale Literaturfestival Berlin wird am Mittwochabend im Haus der Berliner Festspiele eröffnet. Pianist Igor Levit eröffnet die Eröffnung. Er sieht lässig aus, wie ein Barkeeper, setzt sich hinter einen schönen schwarzen Flügel, stellt sein die Notenblätter zeigendes Tablet auf das Instrument und spielt los, ein modernes Stück von Frederic Rzewski, „Resist!“, dissonant, dynamisch, mit Akkorden, die klingen, als würde Levit sich ständig vergreifen, aber das tut er natürlich nicht. Manchmal tippt er auf sein Tablet; ein Umblättern via Touchscreen.

Danach die Reden. Weil diese Ausgabe des Festivals die achtzehnte ist, muss das Wort „volljährig“ in jeder Rede vorkommen. Thomas Oberender, Intendant des Hauses, Kultursenator Klaus Lederer und Festivaldirektor Ulrich Schreiber weisen in ihren Grußworten darauf hin, dass die Förderung des Festivals durch den Hauptstadtkulturfonds fast verdoppelt wurde auf nunmehr jährlich 600.000 Euro. Die Themenschwerpunkte des diesjährigen Festivals werden hervorgehoben, darunter sind zum Beispiel „Nature Writing“, „The Art of Cooking“, „Decolonizing Wor:l:ds“ und „The Politics of Drugs“. Intendant Oberender sagt, dass er ja vor allem „Nature Writing“ spannend finde, das Neudenken der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt, das Ankommen des Anthropozäns in der Literatur. Festivaldirektor Schreiber, der den im Sommer verstorbenen Claude Lanzmann hier eigentlich ehren wollte, plädiert leidenschaftlich für ein Einbinden von dessen Film „Shoah“ in deutsche Lehrpläne, gerade heute, wo „das rechte Pack durch Chemnitz streift“.

Eva Menasses Eröffnungsrede ist unterhaltsam (am besten sind die Zitate von Max Frisch) und ein Crowdpleaser. Sie kritisert die digitale Moderne, die Geschwindigkeit der Gegenwart, die Aufmerksamkeitsarmut, und bei einem mehrheitlich weißhaarigen Publikum trifft sie mit ihrem Kulturpessimismus voll ins Schwarze. Auch ihre Abrechnung mit politischer Korrektheit, die sie als „pseudokorrekte Inquisition“ bezeichnet, findet Resonanz, es gibt Szenenapplaus, und am Ende stellen sich ein paar Leute hin. Nabokovs „Lolita“ würde heute niemand mehr veröffentlichen, ist eine These Menasses, zu große Angst vor linksliberalem Tugendterror. Eine nicht überprüfbare Behauptung, die, denkt der Reporter, gerade auf der Eröffnung eines Festivals wenig überzeugend ist, auf dem ein neuer Roman vorgestellt wird, in dem eine Minderjährige etwas mit Erwachsenen anfängt. Aber diesen Roman hat ja eine Frau geschrieben, Helene Hegemann, vielleicht macht das den Unterschied.

Was kann man sich in den nächsten Tagen auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin anschauen? Unter dem Titel „Literaturen der Welt“ zusammengefasst, werden viele international rezipierte Autoren und Autorinnen der Gegenwart die deutschen Übersetzungen ihrer neuen Bücher vorstellen. Aus dem angloamerikanischen Raum sind vor allem zu nennen: Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan, die aus ihrem aktuellen Roman, der Milieustudie „Manhattan Beach“, lesen wird; die britische Autorin Rachel Cusk, die „Kudos“, den Abschluss einer aus kühl-philosophischen Beobachtungen bestehenden Romantrilogie präsentieren wird; und Michael Ondaatje, dessen moderner Klassiker „Der englische Patient“ gerade mit dem Golden Man Booker ausgezeichnet wurde, also mit dem Booker-Preis aller Booker-Preise, und der aus seinem aktuellen Roman „Kriegslicht“ lesen wird. Als Geheimtipp sei hier noch Jennifer Clement genannt, eine mexikanisch-amerikanische Autorin, die sich in ihren Romanen den so häufig Unsichtbaren widmet, den Armen, den Kindern, denen, die erschossen werden, und nicht denen, die schießen, und die ihr tolles neues Buch „Gun Love“ vorstellen wird, einen lyrischen Trailer-Park-Roman.

Eva Menasse kritisiert die digitale Moderne, die Geschwindigkeit der Gegenwart

Aus dem deutschen Sprachraum sind einige Autorinnen und Autoren vertreten, die es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft haben: María Cecilia Barbetta („Nachtleuchten“), Nino Haratischwili („Die Katze und der General“), Helene Hegemann („Bungalow“) und Stephan Thome („Gott der Barbaren“). Zudem werden Juli Zeh und Bernhard Schlink aus neuen Werken lesen.

Über den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Arbeitswelt und Identität machen sich Gedanken: Didier Eribon (im Gespräch mit Tania Martini), der „Ethnologe und Anarchist“ David Graeber, der zuletzt über „Bullshit Jobs“ schrieb, und Bhaskar Sunkara, der 29-jährige Herausgeber des neomarxistischen Magazins Jacobin.