25 Jahre Berliner Tafel – ein Grund zum Feiern?

Viele Menschen in Berlin haben nicht genug zum Leben: Das zeigt der Erfolg der Berliner Tafel. Seit einem Vierteljahrhundert unterstützt der Verein Bedürftige mit gespendeten Lebensmitteln. 125.000 Menschen sind das mittlerweile jeden Monat. Soll man sich darüber freuen?

Hier wird auch etwas angeschlagenes Obst noch gerne genommen: Lebensmittelverteilung der Berliner Tafel in der Dreieinigkeitsgemeinde in Neukölln Foto: Karsten Thielker

ja,

es stimmt: Berlin wäre schöner, wenn niemand es nötig hätte, bei der Tafel abgelaufene Lebensmittel zu holen. Wenn der Staat so vorsorgen würde, dass RentnerInnen und Arbeitslose nicht jeden Cent umdrehen müssten. Wenn die Mieten stärker reglementiert wären und folglich auch mehr für das tägliche Leben übrig bliebe.

Doch die Realität sieht anders aus. Und deshalb ist es sehr gut, dass es die Berliner Tafel gibt. Sie hat in den vergangenen 25 Jahren Millionen Menschen ganz konkret im Alltag geholfen. Wer ein paar Euro für die Lebensmittel spart, kann dafür vielleicht auch mal ins Kino gehen oder anders am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Die Ausgabestellen für Lebensmittel haben auch eine zwischenmenschliche Funktion: Sie sind Begegnungsorte, wie es sie nicht allzu oft gibt in der Stadt. Menschen verschiedener Milieus treffen aufeinander, tauschen sich aus, entwickeln Verständnis füreinander – gerade in Zeiten der Polarisierung ein Wert an sich. Für manch einen Kunden ist der wöchentliche Termin bei der Tafel ein wichtiger sozialer Anker. Viele Ehrenamtliche wiederum helfen nicht nur aus Altruismus, die Tätigkeit ist für sie selbst sinnstiftend.

Und dann haben die Tafeln natürlich einen enormen ökologischen Effekt: Die Ehrenamtlichen sammeln Jahr für Jahr Tausende Tonnen Lebensmittel, die sonst im Müll gelandet wären. Die Tafeln helfen eben nicht nur Bedürftigen, sie retten noch genießbares Essen vor den Abfallcontainern der Supermärkte – ein doppelter Grund, das Jubiläum zu feiern!

Natürlich soll man den Sozialstaat bei der Daseinsvorsorge nicht aus der Pflicht nehmen. Aber wäre irgendwem geholfen, wenn die Lebensmittelsammler ihre Arbeit einstellen würden? Es wäre ein grausames Experiment: Die Armen wären noch ärmer, sie müssten noch stärker ums Überleben kämpfen. Kaum anzunehmen, dass sie sich plötzlich politisch organisieren und auf die Barrikaden gehen.

Die Berliner Tafel ist ein gutes Projekt, sozial und nachhaltig. Gäbe es sie nicht, man müsste sie erfinden.

Antje Lang-Lendorff

nein,

denn die Tafeln sind ein Spiegel für zwei der gröbsten Missstände unserer Gesellschaft: Tonnenweise Lebensmittel, die ansonsten weggeschmissen würden, werden an Menschen verteilt, die nicht genug zum Leben haben – die Hälfte davon Rentner und Kinder. „Eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel“ wollen die Tafeln nach eigenem Bekunden schlagen. Das ist absolut nachvollziehbar und ehrenwert. Hier und jetzt leiden Menschen Not, also helfen wir hier und jetzt. Alles andere wäre zynisch.

Wahr ist aber auch: Als Dauereinrichtung beseitigen die Tafeln keine Armut, indirekt verstetigen sie sie sogar. Die Möglichkeit, Tafeln zur Versorgung mit günstigem Essen zu nutzen, ist keine Erfüllung des Rechtsanspruchs auf Unterstützung zur Teilhabe und Führung eines menschenwürdigen Lebens, wie ihn das Sozialgesetzbuch formuliert. Die Ausgabe ist von Spenden und individuellem Engagement abhängig.

Die Nahrungsmittel der Tafeln sind nichts anderes als Almosen. Dass deren Nutzerschaft deutschlandweit die Millionengrenze weit überschreitet, ist sozialpolitisch nicht weniger als ein Rückschritt in die Vormoderne: in die Zeit ohne einen Staat, zu dessen Daseinsberechtigung es gehört, für eine gerechte Verteilung der materiellen und immateriellen Güter zu sorgen.

Die Tafeln stellen sich der von Wissenschaftlern seit Jahren geäußerten Kritik immer wieder. Daran ändern können sie nichts. Es ist originäre Aufgabe einer modernen Sozial- und Bildungspolitik, Menschen systematisch mit Perspektiven statt mit Almosen zu versorgen.

Der Jahrestag der Gründung der ersten Tafel ist insofern ein Datum der Mahnung für die Politiker dieser Stadt und dieses Landes. Egal ob sozial, grün, links oder christlich etikettiert. Sie sollten sich zu diesem Anlass Jahr für Jahr eine Frage auf Wiedervorlage legen: Haben wir die Weichen für eine nachhaltige Armutsbekämpfung gestellt? Im Jahr des 25-jährigen Bestehens der ersten, der Berliner Tafel ist die Antwort so klar wie alarmierend: Nein. Die Existenz und Dimension der Tafelbewegung ist der Beweis und alles andere als eine Erfolgsmeldung.

Manuela Heim