Justizdrama „Naomis Reise“

Abgründiger Sog

„Naomis Reise“ erzählt vom Prozess um den Mord an einer Migrantin in Deutschland. Er zeigt, wie die Justiz Machtverhältnisse institutionalisiert.

Porträt von Naomi (Scarlett Jaimes), sie befindet sich im Gerichtssaal

Protagonistin Naomi (Scarlett Jaimes) ist Nebenklägerin im Prozess Foto: Filmgalerie 451

Viel wird derzeit gesprochen über legale Wege der Einwanderung. Für mittellose, nichteuropäische Personen gilt nach wie vor: Der einzig sichere Weg nach Deutschland ist der sogenannte Ehegattennachzug. Welchen Gefahren und Stigmata insbesondere Frauen ausgesetzt sind, deren Aufenthaltsrecht an einen bestimmten Mann gebunden ist, thematisiert Frieder Schlaichs Film „Naomis Reise“.

Schlicht und unaufgeregt zeichnet das Justizdrama (koproduziert vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF, das sich in den letzten Jahren häufiger mit interessantem Nachwuchskino hervorgetan hat) die Aufklärung eines tragischen Mordfalls nach.

Der geht so: Eine junge Peruanerin lernt einen Deutschen kennen, der gerade Urlaub in ihrer Heimat macht. Die beiden heiraten, ohne sich lange zu kennen. Die Frau zieht nach Deutschland, der Mann missbraucht sie regelmäßig. Nach fünf Jahren Ehe und der Geburt eines gemeinsamen Sohnes will sie sich scheiden lassen. Doch bevor sie sich ein eigenes Leben aufbauen kann, erschlägt ihr deutscher Noch-Ehemann sie eines Nachts mit dem Hammer, steckt die Leiche in eine Kiste und versenkt diese im Berliner Landwehrkanal.

Dargestellt wird diese Szene im Film nicht – was das Ganze nicht weniger brutal macht. Wir hören die Geschichte nämlich immer wieder in unterschiedlichen Versionen, mit neuen Details angereichert, im Saal des Amtsgerichts Berlin-Moabit, den der Film selten verlässt. Im Prozess gegen den Witwer, an dessen Ende entschieden werden soll, ob es sich um heimtückischen Mord oder Totschlag gehandelt hat, wird die verstorbene Mariella in kalter Amtssprache „die Geschädigte“ genannt.

Echte Justizbeamte im Cast

Sie bliebe komplett anonym und gesichtslos, hätten die Freundinnen der Verstorbenen nicht Geld zusammengekratzt, um ihre Mutter (Liliana Trujillo) sowie Schwester Naomi (Scarlett Jaimes) als Nebenklägerinnen aus Lima einzufliegen.

Es ist Naomis mal stoisches, mal wütendes Gesicht, auf dem sich neben dem Gerichtsprozess ein zweiter abspielt, der Trauerprozess. Naomis Perspektive ins Zentrum des Films zu rücken ist eine kluge Entscheidung. Die junge Frau lernt Deutschland auf die grausamste Weise kennen: in der betont nüchternsten aller Institutionen, in der jeder Diskriminierungsvorwurf als haltlos niedergeschmettert wird, während der Verteidiger die bedürftigen Familienangehörigen von lateinamerikanischen Frauen mit hungrigen Ameisen vergleicht. Willkommen in der deutschen Realität.

Dass der Film, der anfangs wie ein nettes Melodrama anmutet, einen abgründigen Sog entfaltet, dafür sorgen die naturalistischen Gerichtsszenen. Die Justizbeamten im Film wurden mit echten Justizbeamten besetzt. Das ist spätestens in Minute zehn klar, wenn der Richter mechanisch Sätze herunterrattert ohne die theatralischen Gebärden, die deutsche Filme in diesem Setting normalerweise so unerträglich machen.

Auch das Drehbuch von Claudia Schäfer basiert auf den Beobachtungen ähnlicher Prozesse in Berlin. Die Verschränkung von Sexismus und Rassismus in der Tat selbst wie vor Gericht wirkt so gewöhnlich und alltäglich, dass es beim Zusehen förmlich schmerzt. „Die gemeinsame Vorliebe für ausländische Frauen“, so beschreibt etwa ein Zeuge seine Freundschaft zum Angeklagten.

Rassistische Motivation

Als Sextouristen leben sie ganz selbstverständlich ihren Latinafetisch auf Reisen aus. Die Frauen wiederum, die auch in Gestalt von Mariellas Freundinnen auf der Zeugenbank auftauchen, werden im männlich dominierten Gerichtssaal als gierige Eindringlinge gezeichnet, die gekommen sind, um Deutschland etwas wegzunehmen.

Der Film bildet ab, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse von der Justiz nicht nur reproduziert werden, sondern vor allem institutionalisiert. So geht die Strategie der Nebenklage­anwältin, die rassistische Motivation des Angeklagten als niedrigen Beweggrund anerkennen zu lassen, gründlich schief. Denn um dies zu erwirken, so stellt der Verteidiger fest, muss die Gesinnung des Angeklagten erheblich vom „deutschen gesellschaftlichen Wertesystem“ abweichen – eine Formulierung, die gerade neben den aktuellen Diskussionen rund um Chemnitz und „die Mitte der Gesellschaft“ katastrophal klingt.

Und um das Motiv der Habgier abzustreiten (Scheidungskosten, Unterhalt), werden immer wieder der Reichtum des Angeklagten und die ärmlichen Verhältnisse des Opfers in den Fokus der Verteidigung gerückt.

Glücklicherweise inszeniert Regisseur Schlaich aber als Gegengewicht zur Schwere des Prozesses die Entwicklung der Protagonistin Naomi. Die junge Nebenklägerin, die anfangs nur auf Druck ihrer Mutter den Prozess besucht und immer wieder ihre Tränen und Ohnmacht vor Gericht unterdrücken muss, gewinnt eine Stärke, die sie davor bewahrt, als einseitige Opferfigur zu enden.

Nach einem Kollaps ihrer Mutter muss Naomi fortan den Prozess allein verfolgen. Ihre Haltung wird aufrechter. Sie lernt ein paar Brocken Deutsch, beginnt eigene Fragen zu formulieren und erweitert ihren Blick auf Berlin bei Radtouren durch Kreuzberg. Am Ende steht die Frage, ob es für die junge Frau trotz der traumatisierenden Bedingungen ihrer Ankunft eine Zukunft in Deutschland geben kann. Sie bleibt unbeantwortet.

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