Reisender Underground: das Prinzip Embryo

Der Film „Embryo – The Journey of Music and Peace“ zeigt eine Hippie-Band auf permanenter Welterkundung

Zwischen Jazz und Weltmusik: Embryo, 1969 gegründet. Links mit Hut: Christian Burchard Foto: Filmokratie

Das ist der Film, bei dem allen, die gern mal langhaarigen Menschen beim Tanken zuschauen wollen, das Herz aufgehen muss. So viele an Langhaarigen sind da zu sehen, und die Tankstellen, an denen sie zugange sind, sind manchmal an recht entlegenen Stellen eingerichtet.

Es ist also auch ein Reisefilm, mit dem man viel herumkommt, durch die Zeiten und in der Welt. Ein Trip auf dem Landweg nach Indien, Marokko und anderswo in Afrika. Selbst in so ein exotisches Land wie die DDR geht es mit dem Film, weil diese Langhaarigen aus Westdeutschland dort nämlich als eine sich quasi kommunistisch organisierende Band herumgereicht wurden. Auch das zählt zur Geschichte von Embryo, der Band, die seit nunmehr 50 Jahren unterwegs ist. Immer „auf der Suche nach der nächsten Musik“, wie es eingangs in diesem Film heißt: „Embryo – The Journey of Music and Peace“.

Was nun ein Motto ist, das recht hippiemäßig klingt, und tatsächlich hält sich der aus vielen Fotos und alten Filmaufnahmen bunt zusammengepuzzelte Film nicht weiter auf mit präzisen Erläuterungen, er verzichtet generös auf Zuordnungen und Fakten und will diese Reise auch gar nicht brav chronologisch nacherzählen. Keine klar geordnete Dokumentation. Das Material ist eher lose um ein paar Prinzipien geschart, die dieses doch besondere Kollektiv beschreiben.

Knapp wird skizziert, wie die Musiker, eigentlich vom Jazz herkommend, zuerst zum Rock fanden Ende der Sechziger Jahre, und dass sie halt so überhaupt nicht am Markt oder irgendwelchen Hitparaden interessiert waren. Was ja schon ein Grund dafür ist, dass diese Band immer underground geblieben ist – was man natürlich auch damit bezahlt hat, dass die Band zwar durchaus etwa auf Einladung des Goethe-Instituts als deutscher Kulturträger in der Welt unterwegs war, die größere deutsche Öffentlichkeit aber so viel nicht mitbekommen hat von ihr, sodass sie auch heute noch in den allerkleinsten Schuppen spielt.

Aber Embryo geht es nicht um den Erfolg. Die wollen einfach spielen. Unterwegs sein auf ihrer ewigen Tour, einem endlosen Trip, was man nur noch metaphysisch als Lebensprinzip begreifen kann.

Der Film erklärt es nicht. Er macht es aber fühlbar in einem improvisatorischen Gestus, so wie die Musik von Em­bryo selbst, die auch manchmal scheinbar orientierungslos vor sich hin daddelt, um dann wieder einen neuen Groove zu finden. Neue ekstatische Momente. Von denen natürlich eine Menge zu hören sind in dem Film, der nebenbei dazu noch von untergegangenen Zeiten und Möglichkeiten erzählt. Allein schon diese eine Szene, in der Em­bryo ganz zwanglos mit afghanischen Musikern rocken, lohnt den Besuch.

Dass Musik letztlich Kommunikation ist. Ein Weg, miteinander ins Gespräch zu kommen. Und dass man sich darauf auch einlassen muss – das ist der dann alles miteinander verknüpfende Leitfaden. Das Prinzip von Embryo überhaupt, die ja genau das machten und immer, wo sie auch gerade unterwegs waren, mit Musikern dort zusammengespielt haben, so selbst immer neue Musiken lernend im improvisatorischen Austausch. Was von Regisseur Michael Wehmeyer, zur engeren Bandfamilie zählend und damit durchaus parteiisch, angenehm uneitel und fast beiläufig erzählt wird.

Dass man damit aber eine ganze Menge in Bewegung gebracht und eben als eine der ersten Bands überhaupt das mit angeschubst hat, was man heute Ethnobeat oder Weltmusik nennt, diesen kleinen Fingerzeig will er sich doch nicht verkneifen in seinem Film, der letztlich auch eine Würdigung von Christian Burchard geworden ist, die Konstante in diesem Kollektiv. Anfang dieses Jahres ist der Musiker verstorben, seine die Band zusammenhaltende Rolle bei Embryo hatte bereits vorher seine Tochter Marja übernommen. Die Reise, sie geht weiter.