Angst, Traumata und Hilferufe

Seit Wochen bereitet die syrische Armee eine Offensive auf die Stadt Idlib vor. Am Samstag flogen das Regime und Russland erste Angriffe. Beobachter befürchten eine humanitäre Katastrophe

Idlib ist das letzte große Rebellengebiet in Syrien. Drei Millionen Menschen leben in der Region, viele von ihnen sind dorthin geflohen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass sich in der Stadt etwa 10.000 Kämpfer verschanzen, die meisten seien radikal-islamistisch.

Das syrische Regime will das Gebiet zurückerobern und bereitet sich seit Wochen mit Hilfe Russlands auf einen Angriff vor. Am Wochenende habe es im Süden der Provinz Idlib und im Norden der angrenzenden Region Hama bereits 150 Bombardements gegeben, berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Darunter seien auch Fassbomben gewesen, mindestens fünf Personen starben. Die UN fürchten, dass die Offensive Millionen Menschen in die Flucht treibt. Der Gesundheitschef von Idlib befürchtet „die schlimmste Katastrophe“ seit Kriegsbeginn.

Wie geht es den Menschen in Idlib? Vier von ihnen erzählen.

Saleh al-Aql (31):„Ich wüsste nicht, wohin ich gehen soll“

Ich weiß nicht, ob der drohende Vormarsch ein Gerücht oder eine Tatsache ist. Ich halte ihn für ein Gerücht. Ich bin fast sicher, dass das nur psychologische Kriegsführung ist. Ich glaube nicht, dass die internationale Gemeinschaft dies zulassen wird.

Ich arbeite täglich mit Kindern. Sie werden ihrer grundlegendsten Rechte beraubt: in Frieden und Sicherheit zu leben, zu lernen und zu spielen. Dass Kinder ihrer Bildung beraubt wurden, ist das Schlimmste, was in diesem Krieg passiert ist. Vor etwa sechs Jahren hörten Kinder auf, zur Schule zu gehen – meistens wegen der Sicherheitslage. Weil Schulen beschossen wurden, haben Eltern Angst, ihre Kinder wieder zur Schule zu schicken. Wir haben eine ganze Generation, die im Krieg aufgewachsen ist, ohne Bildung.

In Idlib leben wir seit vier Monaten unter einer Waffenruhe, nachdem wir lange Zeit unter Bombardement und Zusammenstößen gelebt haben. Jetzt gibt es wieder Leben in Idlib, die Leute beginnen mit dem Wiederaufbau, die Kinder fangen an, in die Schulen zurückzukehren. Wir wollen nicht wieder im Krieg leben. Ich wüsste nicht, wohin ich gehen soll, wenn so was passiert. Denn wenn die Armee von Baschar al-Assad in Idlib eindringt, dann wären meiner Meinung nach auch die türkischen Gebiete unter seiner Kontrolle.

Hassan Tabajo (27): „Ich werde fliehen“

Foto: privat

Die Situation in Idlib ist angespannt. Wir wissen nicht genau, was der Plan des Re­gimes ist. Will es Idlib komplett zurück oder nur Teile davon? Die Lebensbedingungen in Idlib sind trotzdem normal. Die Schulen haben geöffnet, Waren sind verfügbar, die Preise bewegen sich im Rahmen des Akzeptablen. Wegen der hohen Bevölkerungsdichte stehen die Krankenhäuser aber unter Druck. Behandlungen sind sehr teuer. Meine Mutter braucht neue Gelenke, sie sagten mir, dass mich die Operation 4.000 US-Dollar kosten würde.

Wenn irgendetwas darauf hinweist, dass die Schlacht beginnt, nehme ich meine Familie und gehe in die Gebiete, die de facto unter türkischer Kontrolle stehen: Afrin, Aazaz, Dscha­rabulus. Dort ist es sicher. Ich will nicht noch einmal Krieg erleben.

Die Lage hier ist anders als in Ghuta. Die Flucht ist einfacher, weil Idlib ein großes Gebiet ist. Ghuta war klein und wurde belagert. Ich leide noch unter einem Trauma. Ich will in meinem Land bleiben, aber wenn ich das Geräusch eines Flugzeuges oder eine Explosion höre, sehe ich all diese Szenen wieder vor mir. Sieben Jahre in Ghuta waren genug. Ich möchte nicht, dass sich das Massaker wiederholt. Ghuta hat mich zu einem schwachen Menschen gemacht. Das Einzige, was ich besitze, sind meine Tasche und meine Mutter. Ich werde sie mitnehmen und fliehen.

Muawiya Abu Hussein (22):„Schulen werden das Ziel sein“

Foto: privat

Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn in Idlib etwas passiert. Ich bin verantwortlich für die Familie und muss eine Lösung finden. Ich denke darüber nach, ins nördliche Umland von Aleppo zu gehen, um dort einen sicheren Ort für meine Familie zu finden. Aber ich warte ab, was passiert, weil ich meine Schüler liebe.

Die Schüler sind wie meine Kinder und haben viel Zeit verloren. Ihr Bildungsniveau ist zur Zeit nicht gut. Die Schule, an der ich gearbeitet habe, wurde von russischen und syrischen Flugzeugen bombardiert. Deshalb bin ich an eine andere Schule gewechselt.

Es gibt keine Maßnahmen zum Schutz der Schüler im Falle einer Bombardierung. Den Schülern geht es psychisch schlecht, denn ihre Zukunft ist ungewiss.

Mit Sicherheit werden die Bombardierungen die Schulen zum Ziel haben, das heißt, dass die Schüler nicht mehr lernen können. Hinzu kommt, dass Unterstützung fehlt, um die zerstörten Schulen wieder aufzubauen. Ich lebe in heftiger Angst und einem dauernden Zustand des Abwartens. Gleichzeitig muss ich mich zusammenreißen und vor den Schülern stark sein.

Ich lebe mit meiner Familie in Idlib. Unsere Wohnung wurde von Fassbomben getroffen. Wir sind nur mit Schwierigkeit aus den Trümmern herausgekommen. Jetzt leben wir in einer anderen Wohnung unter schwierigen Lebensbedingungen.

Wir sind kriegsmüde und haben die Angst satt. Viele Leute sind in sichere Länder geflohen. Ich kann das nicht, weil ich nicht genug Geld habe. Deshalb bleibe ich hier, bis ich sterbe oder bis der Krieg vorbei ist.

Suad Jaber* (50):„Alle Grenzübergänge sind geschlossen“

Foto: privat

Wir wissen nicht, ob wir gehen sollen oder nicht. Die Türkei lässt die Menschen nicht hinein, alle Grenzübergänge sind geschlossen. Uns bleibt kein anderer Ort als das Gebiet unter türkischer Kontrolle. Aber wird es dort sicher bleiben? Wir wissen es nicht. Wenn wir gehen, haben wir keine andere Wahl, als bei unseren Verwandten in anderen Orten zu bleiben.

Ich habe Angst um meine Familie und meine Freunde. Wenn die Armee das Gebiet betritt, kann es sein, dass sie alle jungen Leute verhaftet oder tötet. Einige Familien hier leben von dem Nötigsten. Es gibt viele Witwen und Waisenkinder, die ihre Ehemänner und ihre Familien verloren haben, außerdem Alte und Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Diese Menschen leben momentan in Frieden, aber wie werden sie leben, wenn der Krieg wieder ausbricht?

Ich hoffe, dass die Welt uns hört, mich und alle anderen Frauen in Idlib. Ich hoffe, dass die Politiker und die internationalen Menschenrechtsorganisationen uns hören. Ich bitte alle, uns zu beschützen, bevor es zu spät ist, damit es nicht zu einem neuen Massaker kommt.