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„Ist das zu glauben?“

Religion und Ethik sind die Schwerpunkte des diesjährigenTags der Freien Schulen. Am 23. September stellen rund80 allgemeinbildende Berliner Schulen ihre Bildungskonzepte vor

In der St. Marienkirche am Alexanderplatz: „Schülerbischöfe“ werden in ihr Amt eingeführt Foto: imago

Seit 2010 ernennen die evangelischen Schulen in Berlin in regelmäßigen Abständen sogenannte Schülerbischöfe. Während ihrer zweimonatigen Amtszeit eröffnen sie Ausstellungen, diskutieren mit Politikern und sprechen mit Repräsentanten der Kirche. Außerdem haben sie den Auftrag, Werte zu vermitteln. Zuletzt haben die Schüler der Evangelischen Schule Spandau gemeinsam mit den Schülerbischöfen ein „Haus der Werte“ erarbeitet. Es umfasst Toleranz, Offenheit, Gemeinschaft, Liebe, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Höflichkeit, Mut, Verantwortung und die „goldene Regel“: dass man andere so behandeln soll, wie man selbst von ihnen behandelt werden möchte.

„Die Tradition der Schülerbischöfe stammt aus dem Mittelalter, als an Klöstern für einen Tag ein Schüler zum Bischof ernannt wurde und einen Teil der Amtspflichten übernahm“, erklärt Christina Reiche, Sprecherin der Evangelischen Schulstiftung in der EKBO, die in Berlin 15 Schulen unterhält. „Durch den Rollentausch war es Kindern und Jugendlichen möglich, mit ihren Anliegen vor Erwachsenen Gehör zu finden.“

Die Vermittlung von christlichen Werten ist den evangelischen Schulen per Selbstdefinition ein Anliegen. Was dies in der Praxis bedeutet, werden sie am 23. September in Berlin zeigen. An diesem „Tag der Freien Schulen“ stellen rund 80 allgemeinbildende Schulen in freier Trägerschaft ihre Bildungskonzepte vor. Das diesjährige Motto lautet: „Ist das zu glauben?“

Jede zehnte Schule in Berlin ist eine nichtstaatliche, also „freie“ Schule. Obwohl diese Schulen, im Gegensatz zu ihren staatlichen Pendants, ein mehr oder weniger hohes Schulgeld erheben, wächst der Andrang auf sie stetig: In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der Schülerinnen und Schüler auf rund 35.000 verdoppelt.

Eine große Gruppe machen die Schulen in Trägerschaft der christlichen Kirchen aus. Obwohl der Glaube keine Voraussetzung für den Besuch ist, spielt Religion dort natürlich eine große Rolle. Christliche Werte, die auf den Zehn Geboten basieren, stehen klar im Fokus der Pädagogik. In den katholischen und evangelischen Schulen sind Gottesdienste in der Regel fester Teil des Stundenplans – und darüber hinaus.

So richten etwa Schülerinnen und Schüler der evangelischen Schulen jedes Jahr in der St. Marienkirche am Alexanderplatz einen Gottesdienst in multireligiöser Gemeinschaft aus. „Die kulturelle Vielfalt begreift unsere Schulgemeinde als Bereicherung“, erklärt Frank Olie, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Schulstiftung. „Dies ist eine großartige Gelegenheit, miteinander und voneinander zu lernen.“

Doch auch in den nicht konfessionellen Schulen spielt Religion eine tragende Rolle. Beate Unterborn, die in der Landesarbeitsgemeinschaft der anthroposophisch ausgerichteten Waldorfschulen die Arbeit der Lehrer des sogenannten freien Religionsunterrichts koordiniert, erklärt: „Die Waldorf­pädagogik geht davon aus, dass jeder Mensch eine ganz eigene, individuelle Veranlagung zum Spirituellen mit ins Leben bringt.“

Die Waldorfschulen sehen sich der Tradition der Aufklärung verpflichtet, sie verfolgen aber einen intuitiven Ansatz. Waldorfschulen wollen die Kinder befähigen, ihre eigene Spiritualität und ihre eigene Sichtweise auf die Welt zu entwickeln. Carlo Willmann, Professor für Religionspädagogik und Ethik am An-Institut der Wiener Alanus Hochschule, hat sich mit dem pädagogischen Religionsbegriff des Begründers der Anthroposophie, Rudolf Steiner, beschäftigt. Zentral sind demnach Begriffe wie „Vertrauen“, „Staunen“, „Ehrfurcht“. In der Praxis wird dies oft von religiösen Motiven begleitet. So findet man an europäischen Waldorfschulen religiöse Lieder, Jahreszeitentische, das Feiern von christlichen Festen, Sagen und Legenden. Rudolf Steiner selbst formulierte es so: „Wir lassen gewissermaßen dem Kind die Freiheit, sich selber religiös zu orientieren, wenn wir ihm das Religiöse ans Gemüt heranbringen, also in Bildern das Religiöse darbieten, nicht in Glaubensartikeln oder Geboten.“

Ähnlich sieht es die Montessori-Pädagogik mit ihrem Leitspruch „Hilf mir, es selbst zu tun“. Die Begründerin, die italienische Ärztin und Philosophin Maria Montessori, verstand Religion neben Kultur und Sprache als „wesentliche Dimension des Menschseins“, verwurzelt in der menschlichen Natur. Würden sie nicht entwickelt, fehle dem Menschen etwas Fundamentales. Danach sollen sich Kinder ihr Verständnis über die Lebensgrundlagen und die Wirksamkeit von Zusammenhängen in Natur, Kultur und Gesellschaft selbst erschließen.

Auch in den nicht konfessionellen Schulen spielt Religion eine Rolle

Die Montessori-Pädagogik fasst Unterrichtsfächer wie Biologie, Physik, Chemie, Astronomie, Religion, Ethik unter dem Begriff „Kosmische Erziehung“ zusammen. Auf dem Fundament des Wissens müsse ein „verantwortliches, moralisch wie demokratisch begründetes Handeln“ stehen. Wichtig, so Maria Montessori, sei die Aufgabe, „jenes menschliche Verstehen und jene Solidarität zu entwickeln, die heute so sehr fehlen“.

Die Privaten Kant-Schulen Berlin zeigen schon im Namen, welcher Maxime man sich hier verpflichtet fühlt. „Der Namensgeber unserer Schulen ermutigt Lehrkräfte, den Gedanken der Aufklärung nachzugehen“, so formuliert es Andreas Wegener, Geschäftsführender Direktor des Schulträgers. Dieser betreibt unter anderem die Berlin International School in Dahlem, die von mehr als 800 Schülern aus rund 70 Ländern besucht wird.

2Unsere Schüler lernen in einer multikulturellen Gemeinschaft, in der jeder unabhängig von seiner Nationalität, Rasse oder Religion respektiert wird“, so Wegener. Jedes Fach biete die Möglichkeit, sich mit Ethik und Reflexion auseinanderzusetzen: „Ob Kunst, Literatur, Geschichte, Physik oder Musik oder eben im Ethikunterricht – Reflexion zu Fragen von Ethik und Religion hängt entscheidend von der Fähigkeit der Lehrkräfte ab.“

Einmal pro Jahr wird an den Privaten Kant-Schulen der Kant-Preis vergeben. Dieser ging im Jahr 2018 an drei Schüler, für ein Projekt, das gelebte Verantwortung zeigt: Die acht und neun Jahre alten Jungen schafften es, mit Kreativität und Durchhaltevermögen genügend Geld zu sammeln, um einem achtjährigen Mädchen aus Uganda ein Jahr lang den Besuch einer Schule zu finanzieren.