Alles Schlechte verherrlicht

Wiederentdeckung: Fernando Fernán Gómez’„El mundo sigue“ zeichnet ein grimmiges Sittenbild eines franquistischen Spaniens im Umbruch

„El mundo sigue“ wurde im franquistischen Spanien zwar 1965 fertiggestellt, verschwand nach einer Vorführung aber im Schrank Foto: Foto:Bundesverband kommunale Filmarbeit

Das Verhalten der Zensurbehörden ist in Diktaturen oft eine schwer kalkulierbare Größe. Nicht nur im SED-Deutschland verschwanden mit offizieller Dreherlaubnis produzierte Filme schon nach kurzem Leinwandleben wieder im Schrank. So ging es auch „El mundo sigue“ (Das Leben geht weiter) des Regisseurs Fernando Fernán Gómez, der in einer Phase leichter Liberalisierung im franquistischen Spanien zwar fertiggestellt werden konnte und im Juli 1965 auch kurz im baskischen Bilbao vorgeführt wurde – dem Ort, aus dem der Autor der Romanvorlage, Juan Antonio de Zunzunegui, stammte. Danach verschwand der Film aus den Kinos, auch nachdem die Franquisten längst nicht mehr an der Macht waren. Weiter lebte er nur im Gedächtnis der Filmgeschichte und eventuell durch archiv-internen Zugriffe.

Das änderte sich erst vor einigen Jahren, als Juan Estelrich jr. sich an die Restaurierung des Films machte. Der war Sohn des damaligen Produktionsleiters, Patenkind von Gómez und selbst Filmregisseur. Nach Beendigung der Arbeiten wurde der Film am 10. Juli 2015 zum 50. Jahrestag der Uraufführung in einer digitalen Fassung in den spanischen Kinos vorgestellt und gefeiert. 2016 hatte er beim Regensburer Festival „cinEScultura“ deutsche Premiere. Romanistik-StudentInnen der dortigen Universität haben auch in einem Projekt deutsche Untertitel erstellt, was angesichts der oft rapiden verbalen Schlagabtausche eine Herausforderung gewesen sein dürfte.

Die meisten dieser auch körperlich ausgefochtenen Händel finden zwischen zwei jungen sehr hübschen Frauen statt, die dem Begriff der Schwesterlichkeit eine neues, sehr hässliches Gesicht geben. Denn beide verachten die Lebensweise der anderen zutiefst. Eloise geriet in einer Liebesheirat vor vielen Jahren an einen verantwortungslosen Spielsüchtigen und verarmt mit ihren drei kleinen Kindern zusehends. Luisa dagegen schläft sich entlang einer langen Reihe mehr oder weniger ansehnlicher Sugardaddys langsam auf der sozialen Leiter nach oben und demütigt die Schwester mit Almosen und teuren Geschenken für die Kinder. Weiterer Teil des familiären Geflechts sind ein frömmelnder Bruder und die Eltern der beiden, die – mit traditionell verteilten Rollen – opportunistisch von Luisas Aufstieg profitieren und sich die Herkunft des neuen Reichtums schönreden.

Den Bechdel-Test (gibt es mindestens zwei Frauen, die nicht über Männer reden) hätte der Film mit dem zentralen Zickenkrieg nicht bestanden. Denn die zwei jungen Frauen haben auf eine fast karikatureske Art nur die eng miteinander verknüpften Themen Männer und pekuniäres Überleben im Sinn. Diese Gier teilen sie allerdings mit fast allen anderen Figuren im Film, der so ein grimmiges Sittenbild eines Spaniens im Umbruch vom beengten Korporatismus zum sogenannten Wirtschaftswunder der sechziger Jahre gibt: Eine von Gier und Korruption getriebene, zutiefst bigotte patriarchale Gesellschaft, in der Moral und Religion nur Tünche an der Oberfläche sind. „Ihr werdet Unschuldige malträtiert sehen, den Schuldigen vergeben, […] geehrt und verherrlicht die Schlechten. Und mehr Macht bei allen Geschäften als bei der Tugend“ heißt es in einem Zitat aus Fray Luis de Granadas „Guia de pecadores“, das Fernán Gómez seinem Film als Motto voranstellt. Das auch Abtreibung und Prostitution offen thematisiert werden, dürfte dem Regime zusätzlich anstößig gewesen sein.

Erzählt ist das mit reichlich Kolportage und einigen expressionistischen Effekten als Melange aus Groteske und Melodram, in der der Drehbuchautor und Regisseur selbst mit Verve die Rolle des unnützen Ehemanns spielt. Auch die anderen Darsteller geben sich eher theatralisch als unterkühlt. Gedreht wurde auf Schwarz-Weiß-Material an Originalschauplätzen im Madrider Stadtviertel Maravilla, so dass die filmische Wiederentdeckung auch großartige frische Einblicke in die Straßen und Bars der Stadt gibt zu einer Zeit, als die Autos noch knuffig und auf den Straßen statt Hipstern Matronen in Kittelschürzen unterwegs waren.

Zwanzig Jahre später wurde das Barrio Maravilla unter dem Namen Malasaña ein Fokus der postfranquistischen Aufbruchbewegung Movida Madrileña. Dabei auch ein junger Regisseur, der bald das spanische Kino umkrempeln sollte. Wenn man sich „El mundo sigue“ als Farbfilm vorstellt, scheint vieles gar nicht so weit von Pedro Almodóvars ersten Filmen entfernt und es ließe sich einbilden, man hätte ein fehlendes Zwischenstück der filmischen Evolutionskette gefunden. Ja, Almodóvars „Womit habe ich das verdient?“ von 1984 scheint in Plot und Figuren fast wie eine – befreit umgestülpte – Antwort auf Gómez’so lange verschwundenen Film.