Editorial von Katrin Gottschalk

Reden? Schweigen? Streiten!

Fünfzig Jahre neue Frauenbewegung in Deutschland – und was machen deren Ver­tre­te­r*innen? Sie streiten mal wieder. Letzter Anlass war der Feministische Zukunftskongress der Grünen vergangene Woche in Leipzig, den manche Parteimitglieder als zu queer und interkulturell wahrnahmen.

„Echter“ Feminismus müsse deutlich machen: „Feminismus geht alle an!“

Von außen können Diskurse der Frauenbewegung mitunter an Szenen aus „Das Leben des Brian“ erinnern. Im Film kommen sich die „Volksfront von Judäa“ und die „Judäische Volksfront“ ins Gehege, obwohl sie für dasselbe Ziel kämpfen: die Befreiung von der römischen Besatzung. Ob aber die römische Besatzung nun das Patriarchat oder der Kapitalismus ist, die Frage also nach Haupt- und Nebenwiderspruch, dieses Streitthema markierte den Start einer neuen deutschen Frauenbewegung.

Am 13. September 1968 hielt die spätere Regisseurin Helke Sander eine Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) in Frankfurt/Main. Sie hatte gerade den Aktionsrat zur Befreiung der Frau gegründet und forderte die Männer auf, das Private zu politisieren und damit die Ausbeutung von Frauen im Privaten anzuerkennen.

Zur gemeinsamen Sache kam es damals nicht, denn die Männer wollten nicht reden. Stattdessen flogen Tomaten in Richtung der Männer auf dem Podium. Von da an machten die Frauen alleine weiter und erkämpften in den letzten 50 Jahren vieles, etwa die Straflosigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen, das Verbot von Vergewaltigungen in der Ehe, die Verankerung des Grundsatzes „Nein heißt Nein“ im Gesetz.

Der Liste der Erfolge stehen regelmäßige harte Auseinandersetzungen gegenüber. Das Streiten ist Teil der politischen DNA der feministischen Bewegung. Für uns sind 50 Jahre streitbarer Feminismus ein Anlass, zurückzublicken auf wichtige Auseinandersetzungen, die den Feminismus nicht geschwächt, sondern nur größer gemacht haben.

Kann die US-Sängerin Beyoncé ein feministisches Vorbild sein, wenn sie für ihre Modemarke Kleidung von Frauen in Sri Lanka unter widrigsten Bedingungen herstellen lässt? Und wie sollte man sich als Feministin zu Sexarbeit positionieren?

Wir schauen zurück auf den feministischen Urknall, den Streit zwischen den Männern und Frauen des SDS. Und auf die (feministischen) Welten, die bei der Wiedervereinigung 1990 aufeinanderprallten. Wir widmen uns dem Streit zwischen Radikal- und Queerfeminist*innen sowie der aktuellen Diskussion darum, ob *trans Frauen am feministischen Kampf teilnehmen dürfen.

Inzwischen hat sich gezeigt: Streit ist kein Fehler im System, sondern ein Erfolgsrezept. Feminismus ist eine der erfolgreichsten sozialen Bewegungen unserer Zeit. Die gegenseitige Kritik, das Ringen der Interessen, all das stellte die Bewegung nur noch breiter auf – ein Erfolg von 50 Jahren feministischer Streitkultur.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold? Streiten ist Platin.