Inflation frisst Uni-Gehälter auf

In Argentinien streiken die Dozenten der 57 staatlichen Unis. Für die Regierung werden sie zum Problem

Argentiniens Universitäten befinden sich im Ausstand. Seit Anfang August streiken die Lehrkräfte an den 57 öffentlichen Universitäten des Landes. Rund 1,5 Millionen Studierende stehen seit dem Ende der Winterferien in den von den Dozenten verlassenen Aulen und Seminarräumen. Zu dem Ausstand hatten alle wichtigen Gewerkschaften der Hochschullehrenden aufgerufen. Stattdessen sieht man die Lehrenden auf Demonstrationsmärschen, bei symbolischen Umarmungen ihrer Unigebäude und Seminaren unter freiem Himmel.

Mit diesen Aktionen wollen die Hochschullehrer auf ihre Forderungen nach Lohnerhöhungen und einer besseren Ausstattung aufmerksam machen. Wie auch vergangen Freitag, als sich zahlreiche Dozenten und Studierende auf der Plaza de Mayo im Zentrum der Hauptstadt versammelten und dort, vor dem Präsidentenpalast, rund 70 öffentliche Vorlesungen und Seminare abhielten. Und für Donnerstag haben die Gewerkschaften zum Gran Marcha Nacional Universitaria durch Buenos Aires aufgerufen.

Waren dem Streikaufruf zunächst vor allem die Lehrkräfte an den Hochschulen im Landesinneren gefolgt, so geht seit dem 13. August auch an den Unis der Hauptstadt nichts mehr. An dem Tag hatte Bildungsminister Alejandro Finocchiaro erstmals wieder ein neues Angebot vorgelegt, nachdem seit Mai absolute Funkstille geherrscht hatte. „Die Ankündigung der Regierung, die Löhne in diesem Jahr nur noch um 10,8 Prozent anzuheben, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht und die aufgestaute die Wut auch hier in einen Streik verwandelt hat“, fasste Ileana Celotto, Generalsekretärin der Lehrkräftegewerkschaft an der Universität Buenos Aires, die Reaktionen zusammen.

Denn was nach einer kräftigen Lohnanhebung ausschaut, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als realer Kaufkraftverlust. Alle Bemühungen für das laufende Jahr, zu einem gemeinsamen Tarifabschluss zu kommen, sind bislang gescheitert. Die Regierung von Präsident Mauricio Macri hatte stets 15 Prozent Lohnanhebung angeboten, die Gewerkschaften forderten wegen der hohen Inflation 30 Prozent. Im Januar verordnete die Regierung dann einseitig die 15-prozentige Anhebung in drei Stufen. Im Mai trat die erste Stufe in Kraft. Seither fanden auch keinen neuen Verhandlungen statt, zu denen in Argentinien die Regierung einladen muss. „Der Geduldsfaden der Com­pañeras und Compañeros ist gerissen,“ so Celotto.

Unterstützung kommt auch aus Leitungsgremien der Universitäten. Was die Führungen der Unis eint, ist die schiere Furcht, die Löhne der rund 200.000 Lehrenden und sonstigen Beschäftigen nicht mehr auszahlen zu können. Die machen rund 80 Prozent der gesamten Ausgaben aus. Für das kommende Jahr hat die Regierung 25 Prozent mehr Mittel für den Hochschulbereich im Haushaltsentwurf veranschlagt. Doch ob diese Steigerung tatsächlich auch umgesetzt wird, ist äußerst fraglich. Die Regierung steht beim Internationalen Währungsfonds (IWF) im Wort, das Haushaltsdefizit abzubauen. Diese Zusage war eine der Voraussetzungen für den im Juni mit dem Fonds vereinbarten Stand-by-Kredit in Höhe von 50 Milliarden Dollar. Nach den Worten von Präsident Macri ist „der Haushalt 2019 die Feuerprobe dafür, ob das Abkommen mit dem IWF eingehalten werden kann“.

Dazu kommt, dass die Wirtschaft in einer Rezession ist, die diesjährige Inflationsrate auf über 30 Prozent prognostiziert wird und die Landeswährung seit Januar gegenüber dem Dollar 50 Prozent an Wert eingebüßt hat. Die Lage ist schon jetzt dramatisch. 20 Universitäten haben bereits den Notstand über sich verhängt und angekündigt, die Löhne nur noch bis Ende Oktober zahlen zu können. Und nach Angaben des Rats der Universitäten müssten im kommenden Haushalt 32 Prozent mehr Mittel eingestellt werden, um allein die grundlegenden Ausgaben decken zu können.

Am Montag hatte die Regierung versucht, die Wogen zu glätten. Nach einem Treffen mit den Lehrkräftegewerkschaften kündigte Bildungsminister Finocchiaro an, die letzte Stufe der Anhebung von 4,2 Prozent auf September vorzuziehen und über weitere Erhöhungen zu sprechen. Am Donnerstag werden ihm die Lehrenden bei ihrem Marsch durch Buenos Aires antworten.