In der Ostukraine geht die Angst um

Festnahmen nach Attentat auf Separatistenchef. Premier der „Volksrepublik Lugansk“ taucht ab

Knapp 200.000 Trauernde haben sich am Sonntag in Donezk von dem am Freitag ermordeten Chef der „Volksrepublik Donezk“, Alexander Sachartschenko, verabschiedet. Unter den Anwesenden, so die russische Nachrichtenagentur Tass, waren Delegationen aus Russland, der Krim sowie der Chef der „Volksrepublik Lugansk“, Leonid Passetschnik. Doch während Passetschnik in Donezk weilte, machte sich sein Ministerpräsident Sergei Koslow in unbekannte Richtung aus dem Staub.

„Aus Gründen der Sicherheit habe ich mich in dieser Situation entschlossen, das Territorium der Volksrepublik Lugansk für unbestimmte Zeit zu verlassen“, schreibt er auf seinem Facebook-Account. „Bewahren Sie die Ruhe. Der Feind wird besiegt. Wir werden den Tod unserer Freunde rächen.“ Natürlich sei sein Rückzug aus Lugansk nur ein taktischer, legte Koslow nach. Er wolle damit nur einem für die ersten zehn Septembertage geplanten Angriff der ukrainischen Seite auf die „Volksrepubliken“ Lugansk und Donezk zuvorkommen. Der Mord an Sachartschenko sei der Auftakt zu einem Angriff der Ukraine auf die „Volksrepubliken“ von Donezk und Lugansk. Und vor diesem Angriff wolle die andere Seite die Bevölkerung der beiden Städte durch die Ermordung von Führungspersonen in Angst und Schrecken versetzen, so Koslow. Mit seinem Rückzug sei er einem geplanten Mord aus dem Weg gegangen. Gleichzeitig ruft er die Bürger zur Denunziation auf. Wer verdächtige Personen entdecke, möge diese den Sicherheitskräften melden.

Tatsächlich geht in Lugansk und Donezk seit dem Mord an Sachartschenko die Angst um. Seit dem Mord seien in Donezk 19 Personen verschwunden, berichtet Pawlo Lisjanski, der in der Nähe der Waffenstillstandslinie Vertreter der ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten ist. Ebenfalls seien am Wochenende in Donezk 50 Personen festgenommen worden. Bisher seien lediglich zehn von ihnen wieder frei, zitiert das ukrainische Internetportal RBK-Ukraina Lisjanski. Vier der Verhafteten hätten unter Folter eine Mitwirkung an dem Mord gestanden, so Lisjanski.

Der Mord hat das Klima weiter verschärft. Nach Angaben des ukrainischen Internetportals Delovaja Stoliza schließt Russland vorerst jegliche Gespräche im „Normandie-Format“ (Ukraine, Russland, Frankreich und Deutschland) aus.

Doch es gibt auch hoffnungsvolle Stimmen. Der Weggang von Personen, die mit dem Krieg in Zusammenhang gebracht werden, könne ein Impuls für die Friedensverhandlungen bedeuten, meint die in Moskau erscheinende Nowaja Gazeta. Auf beiden Seiten der Front verlören verhasste Personen und Gruppen an Einfluss. Auch auf der ukrainischen Seite würden die Freiwilligenbataillone reduziert. Dazu passe, dass Russlands Botschafter in den USA, Anatoli Antonow, nach dem Mord an Sachar­tschenko „die Bereitschaft der russischen Seite zu konstruktiven Gesprächen“ betont habe.