das portrait

Die Neurochirurgin Anita Schug gibtden Rohingya eine Stimme bei der UNO

Foto: Fabrice Coffrini/afp

Im größten Flüchtlingslager der Welt, in Bangladesch, fristen derzeit eine Million traumatisierte Muslime ihr Dasein. Sie sind staatenlos und unerwünscht. Anita Schug hätte eine von ihnen sein können. Denn sie ist als Rohingya geboren. Damit gehört sie einer muslimischen Minderheit an, die in Myanmar seit Jahrzehnten verfolgt wird und 2017 in einem Massen­exodus floh, der die Welt schockte.

Stattdessen lebt Schug im pittoresken Schweizer Solothurn und rettet als Neurochirurgin Menschenleben. Als Sprecherin des European Rohingya Council (ERC) soll sie am Dienstag vor dem Menschenrechtsrat der UNO sprechen. „Unser Volk ist am Aussterben“, sagt sie. Die Rohingya werden in Myanmar als illegale Einwanderer aus Bangladesch verfolgt.

Für Schug begann es, da war sie noch nicht einmal auf der Welt: Als ihre Mutter zur Entbindung ins Krankenhaus von Myanmars größter Stadt Yangon ging, wurde sie abgewiesen. Der Arzt wollte keine Muslimin behandeln. Die Eltern gaben ihren Kindern, drei Mädchen, landesuntypische Namen – damit sie später im Ausland besser zurechtkämen.

In der Schule gehörte Anita Schug zu den Besten. Doch die Lehrerin sprach sie abschätzig als „Kalar“, als Dunkle, an. Der Vater riet ihr, das zu ignorieren. Wichtiger als alles andere war ihm für seine Töchter Bildung. Er selbst konnte in einer Zeit studieren, als die Rohingya noch Teil der burmesischen Gesellschaft waren. Mit seiner Unterstützung hat die Familie bisher 13 Ärzte hervorgebracht. Schugs Schwestern arbeiten in Dubai und Stockholm als Ärztinnen. „Ich habe nicht euch, sondern unserem Volk diese Bildung gegeben“, betont er regelmäßig.

Das hat Anita Schug geprägt. Sie opfert jede freie Minute, klaue dafür Zeit, die ihren Kindern zustünde, um denen zu helfen, die sich selbst nicht helfen können. „Für mich ist es meine Freizeit, für die Rohingya geht es um Leben und Tod.“ Schug ist rastlos. „Wieso habe ausgerechnet ich unter drei Millionen Rohingya es nach Europa geschafft?“, fragt sie sich.

Anita Schug verließ ihre Heimat als 5-Jährige. Die Familie bezahlte einen Schmuggler und floh über den Grenzfluss nach Bangladesch. Schlimm sei es dort gewesen. Der Vater konnte nicht mehr als Chemieingenieur arbeiten, die junge Anita schrie viel, vor Hunger. Von Bangladesch aus ging es weiter nach Pakistan, nach Saudi-Arabien und letztlich zum Medizinstudium in die Ukraine. Der Vater arbeitete hart, damit seine Töchter sich bilden konnten.

Eine der schwierigsten Disziplinen sollte es sein: Neurochirurgie. „Ich wollte weiter etwas zu kämpfen haben“, erzählt Schug. In Großbritannien lernte die resolute Ärztin ihren Ehemann, einen Deutschen, kennen. Bevor sie vor zwei Jahren in die Schweiz zog, wo ihr Mann als Unfallchirurg arbeitet, lebte sie 10 Jahre in ­Aachen – so lange wie nirgendwo sonst.

Ihr Zuhause sei dennoch Myanmar. „Wenn ich einmal sterbe, will ich dort begraben ­werden“, sagt sie. Bis dahin will sie denen eine Stimme geben, die gar nicht mehr wissen, dass ihnen das zusteht. „Wer, wenn nicht ich“, fragt sie. Verena Hölzl, Solothurn