Quote oder keine?

Um die Versorgung mit Hausärzt*innen in Zukunft sicher zu stellen, wollen im Flächenland Niedersachsen mehr Menschen Medizin studieren. Aber gehen sie deshalb auch auf die Dörfer?

Droht ein seltenes Bild zu werden: ein Landarzt im Einsatz Foto: Armin Weigel/dpa

Niedersachsen braucht dringend mehr Studienplätze für Medizin, um den drohenden Ärzt*innenmangel in den Griff zu bekommen. Darin waren sich bei einer Landtagsdebatte zum Thema am 23. August die Vertreter*innen fast aller Parteien einig. „20 Prozent der Hausärzte in Niedersachsen werden in den kommenden Jahren altersbedingt aufgeben“, warnte etwa der CDU-Abgeordnete Burkhard Jasper. Zusätzlich zu 365 schon heute nicht besetzten Positionen, so Uwe Schwarz (SPD), „werden in zehn Jahren noch tausend weitere hinzukommen“. Und die Grüne Meta Janssen-Kucz forderte „mindestens 20 Prozent mehr Studienplätze“.

Nach Angaben des Wissenschaftsministeriums studierten im vergangenen Wintersemester 2017/2018 an niedersächsischen Hochschulen 4643 Männer und Frauen Medizin. Auch Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, fordert diese Zahl auszuweiten: „Um die Situation kurzfristig zu entspannen, müssen jetzt sofort mindestens 250 Studienplätze neu geschaffen werden.“ Die Landesregierung hatte im Koalitionsvertrag vereinbart, die Anzahl um bis zu 200 zu steigern.

Die Ausbildung ist das eine. Aber wie lassen sich die jungen Mediziner*innen dazu bewegen, sich dann auch auf dem Land niederzulassen? Ärzt*innen müssten sich heute ständig fortbilden, sie wollten außerdem mehr Zeit für ihre Familie haben, sagte der CDU-Politiker Jasper. Auch solche Aspekte erschweren demnach die Entscheidung für eine Landpraxis mit unberechenbaren Arbeitszeiten und Nacht- und Wochenendbereitschaften.

„63 Prozent der Medizinstudenten sind Frauen“, sagte der SPD-Abgeordnete Schwarz. „Die gewünschten Rahmenbedingungen haben sich deutlich verändert. Ärztinnen bevorzugen Teilzeitarbeitsplätze oder Gemeinschaftspraxen“. Der Sozialdemokrat warb erneut für die Einführung einer Landarztquote. „Sie ist kein Allheilmittel, aber sie kann durchaus ein wichtiger Baustein sein, wenn es um die zukünftige ärztliche Versorgung auf dem Land geht.“ Im Landtagswahlkampf hatte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zunächst angeregt, zehn Prozent der Medizinstudierenden zum Landeinsatz zu verpflichten. Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) sperrt sich allerdings dagegen: „Die Landarztquote ist verfassungsrechtlich bedenklich.“

Ihre Forderung nach einer Quote bekräftigte am vergangenen Dienstag die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN): „In den Ballungszentren ist die Versorgung gut, auf den Dörfern herrscht Mangel“, sagte der KVN-Vorsitzender Mark Barjenbruch der Nordwest-Zeitung. „Die Bedingungen für Landärzte müssen insgesamt attraktiver werden.“ Wichtig sei die Work-Life-Balance. So müsse etwa auch die Partner*in einen angemessenen Arbeitsplatz finden oder die Zahl der Bereitschaftsdienste beschränkt bleiben.

Als „gefährliches Placebo“ indes sieht Ärztekammerpräsidentin Wenker die diskutierte Quote an. Gegenüber der Lüneburger Landeszeitung sagte sie am vergangenen Mittwoch: „Eine Landarztquote wäre das Aus für den freien Arztberuf.“ Solche Forderungen könne nur stellen, „wer ein staatlich gelenktes Gesundheitssystem im Sinn hat“, so Wenker, die die mehr als 40.000 Ärzt*innen in Niedersachsen vertritt. Auch wenn Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland die Quote auf den Weg gebracht hat und Bayern nachziehen möchte nannte die Vizevorsitzende der Bundesärztekammer es „weltfremd, einen 18-jährigen Studienanfänger dazu zu vergattern, für zwölf Jahre in einem unterversorgten Gebiet tätig sein zu müssen“.

In einer Mangelsituation mache eine Quotierung keinen Sinn, weil der Mangel nur von einem Bereich in den anderen verschoben werde, so Wenker. „Sinnvoller wäre es, den Beruf des Hausarztes auf dem Land attraktiver zu gestalten – etwa über die Schaffung von Teilzeitarbeitsmöglichkeiten oder eine Zulage.“

Sozialministerin Carola Reimann (SPD) wies in ihrer Rede im Landtag darauf hin, dass Niedersachsen mit einem freiwilligen Stipendienprogramm positive Erfahrungen gemacht habe: Das Sozialministerium zahlt gegenwärtig 27 Studierenden für vier Jahre je 400 Euro im Monat – im Gegenzug haben sich diese verpflichtet, später für mindestens vier Jahre als Ärzt*innen auf dem Land zu arbeiten. Die Resonanz zeige, so Reimann, dass beim medizinischen Nachwuchs durchaus Interesse an einer Niederlassung außerhalb von Großstädten bestehe. (dpa/taz)