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Turbo für den fairen Handel

Was ist mit den Weltläden los? Vom Erfolg der Fairtrade-Branche profitieren sie kaum. Eine neue Betreibergenossenschaft will der Sache Schwung geben. Der erste Weltladen nach dem neuen Konzept wurde Ende Mai in Frankfurt auf 60 Quadratmetern eröffnet

Eine Erfolgsstory ist kein Garant für die Ewigkeit. Zu dieser Einsicht kommen die Weltläden derzeit, die Pioniere des fairen Handels in Deutschland. Die Initiatoren kommen aus der Friedensbewegung der 1970er Jahre, aus kirchlichen Gruppen und dem linksalternativen Umfeld. Viele Akteure von einst sind immer noch dabei. „Der Nachwuchs wird spärlicher“, sagt Ursula Artmann, Geschäftsführerin eines Weltladens in Frankfurt am Main. Um dem Konzept Weltladen neuen Schwung zu geben, hat sie gemeinsam mit Kollegen eine Genossenschaft gegründet. Ziel: neue Weltläden in Städten zu eröffnen, wo es noch keine gibt.

„Wir fragten uns, weshalb sich die Geschäftsidee Weltladen nicht schneller verbreitet. Wir sind zu der Auffassung gekommen, dass es mehr Weltläden in guten Lagen braucht. Wir sehen ein großes wirtschaftliches Potenzial für solche Weltläden“, erzählt Ursula Artmann. Denn die Fairtrade-Branche ist im Allgemeinen ungemein erfolgreich. In den letzten zehn Jahren hat sich der Umsatz im Fairen Handel verfünffacht. Gut 18 Euro pro Kopf gaben deutsche Verbraucher 2017 durchschnittlich für Lebensmittel und Handwerk aus Fairem Handel aus.

Von diesem Boom profitieren Supermärkte, Discounter und konventionelle Händler, nicht aber die knapp 900 Weltläden in Deutschland. Deren Wachstum stagniert. „Weniger Menschen sind bereit, nicht nur ehrenamtlich im Verkauf zu helfen, sondern auch die finanzielle Verantwortung für den Betrieb eines Weltladens zu übernehmen“, so Artmann. In zahlreichen Gesprächen mit Freunden und Kollegen wurde die Idee geboren, eine Art Wachstumsbeschleuniger ins Leben zu rufen: eine Betreibergenossenschaft.

Stimmt das Umfeld, gibt es Räume, Logistik und Infrastruktur, geht die Genossenschaft ins Risiko. Sie eröffnet und betreibt einen neuen Weltladen. Der Pilot ist bereits gestartet: Der erste Weltladen nach dem neuen Konzept wurde Ende Mai in Frankfurt-Bockenheim eröffnet. Auf rund 60 Quadratmetern Verkaufsfläche liegen dort Produkte des Fairen Handels aus. Die Lage an der belebten Leipziger Straße hält Ursula Artmann für ideal. „Im Umfeld leben viele potenzielle Kunden mit hohen sozialen und ökologischen Ansprüchen an ihr Konsumverhalten.“

Die Weltläden sind durch den Weltladen-Dachverband in der World Fair Trade Organization, kurz WTFO, vertreten. Die internationale Dachorganisation vertritt 350 Fairtrade-Organisationen aus 70 Ländern nicht nur Händler, sondern Akteure entlang der gesamten Fair-Handels-Wertschöpfungskette, von der Produktion bis hin zum Verkauf.

Alle WTFO-Mitglieder verpflichten sich, die 10 Fair-Handels-Standards der WFTO umzusetzen. Dazu gehört neben dem Verbot von Kinderarbeit etwa die Zahlung fairer Preise, die Verbesserung von Arbeitsbedingungen, die Gleichberechtigung, die Umsetzung von Weiterbildungsmaßnahmen, Transparenz und Umweltschutz. Wirtschaftlich benachteiligte Produzenten sollen gefördert werden.

Gegenüber der Europäischen Union werden die Mitgliedsorganisationen durch das Fair Trade Advocacy Office (FTAO) vertreten, das Lobbybüro für Fairen Handel in Brüssel. Hier werden die europäischen Kampagnen- und Lobbyaktivitäten gebündelt.

www.wfto.com

Die erste Bilanz der Filialleiterin ist positiv. Der Weltladen werde im Viertel gut angenommen, sagt Sabine Preuß. „Viele Kunden freuen sich, dass es endlich einen Weltladen in Bockenheim gibt. Vor allem finden sie gut, dass wir die Vielfalt der Ladengeschäfte auf der Leipziger Straße stärken.“ Wirtschaftlich sieht Preuß das Projekt auf gutem Weg.

Wenn Frankfurt-Bockenheim ein Erfolg wird, soll es andernorts weitergehen. Dafür sucht die Betreibergenossenschaft Ladenlokale und Engagierte vor Ort. „Wir bringen Kapitalausstattung und Expertise mit und übernehmen die Verantwortung für den Betrieb“, erklärt Ursula Artmann. Sie führt erfolgreich den Weltladen Bornheim in Frankfurt am Main. Begonnen hat der Laden 1988 als Verkaufsstelle der „Eine-Welt-Gruppe“ in der katholischen Pfarrei St. Josef. Einmal im Monat verkauften Gemeindemitglieder ein kleines Sortiment von Kaffee, Tee, Honig und Schokolade nach dem Gottesdienst und bei Pfarrfesten. Mit dem Gewinn wurde ein Projekt für Landlose in Brasilien unterstützt.

Heute ist der Weltladen Bornheim ein erfolgreiches Unternehmen und wird in der Rechtsform einer GmbH betrieben. „Ich bin überzeugt davon, dass Weltläden professionell und wirtschaftlich arbeiten können – und müssen, wenn sie ihre Verpflichtung den Produzentinnen und Produzenten gegenüber ernst nehmen“, sagt Artmann. Sie selbst engagierte sie zuerst ehrenamtlich, später wurde sie hauptamtliche Geschäftsführerin. Das gehört zum Konzept: Die Weltläden sind von ehrenamtlichen Helfern abhängig, bis heute werden die meisten dieser Läden von Freiwilligen geführt. Manche Weltläden sind so erfolgreich, dass die Finanzierung einer bezahlten Stelle möglich wird. Andere kombinieren freiwillige mit bezahlten Kräften.

Aber welche Faktoren hindern die Weltläden, angemessen am Fairtrade-Boom teilzuhaben? Im Unterschied zum konventionellen Handel verkaufen Weltläden nicht nur Waren, sondern betreiben auch Aufklärung. Sie informieren die Öffentlichkeit über die Produkte, die Besonderheiten des Herkunftslandes, die Menschen, die sie erzeugen. Damit sprechen sie eine relativ eng umrissene Zielgruppe an, die sich bewusst über die Produktionsbedingungen vor Ort informieren möchte. Auch für potenzielle Betreiber bedeutet das: Wer im Weltladen arbeitet, sollte sich nicht nur als Händler verstehen, sondern bis zu einem gewissen Grad auch als Aktivist, der, so die Selbstdarstellung, aufzeigt, „dass die Menschen im Süden und im Norden von ungerechten Welthandelsstrukturen betroffen und an ihnen beteiligt sind“.

Weltläden führen Kampagnen zu entwicklungs- und gesellschaftspolitischen Themen durch, arbeiten mit Schulklassen und Jugendgruppen, organisieren Veranstaltungen und pflegen einen regelmäßigen Austausch mit Produzenten des Fairen Handels.

Gefragt sind überzeugte Persönlichkeiten mit dem Anspruch, neben wirtschaftlicher auch politische Relevanz in der Gesellschaft zu erreichen. Ursula Artmann ist überzeugt, dass dieses Konzept Zukunft hat. „Wir laden alle ein, an dieser wichtigen und spannenden Aufgabe mitzuwirken!“