Galaktisches Rätsel

Im spanischen Fußball herrscht ein Durcheinander. Real und Barça sind seit sieben Partien sieglos. In Madrid ist die Depression extrem

Abgehängt: Real läuft hier in Person von Álvaro Odrozola (l.) dem Gegenspieler Jony von Alaves hinterher Foto: reuters

Gerade mal drei Wochen ist es her, da stand der neue Trainer schon schwer in der Kritik. Die Mannschaft hatte auch im dritten Ligaspiel nacheinander kein Tor geschossen und lag in der Tabelle auf Platz zwölf. Ein frustriertes Publikum nahm außerdem die Vereinsführung ins Visier und forderte den Rücktritt des Präsidenten. „Die Leute haben alles Recht zu pfeifen“, sagte der Trainer.

Am Sonntag kamen dieselben Leute bei der Partie gegen Celta Vigo (2:1) aus dem Jubeln gar nicht mehr raus. Ihr Verein, der Sevilla Fútbol Club, führt nach vier Siegen am Stück die Tabelle der spanischen Liga an. „Die Saison ist lang, warten wir mal ab“, sagt der neue Trainer, Pablo Machín. Zuletzt lag Sevilla zu diesem Zeitpunkt in der Saison 1945/46 an der Spitze. Es war das Jahr der bis heute einzigen Meisterschaft der Andalusier. Kann sich die Geschichte wiederholen?

Unmöglich, so lange es Real Madrid und den FC Barcelona gibt, hätte man üblicherweise dagegen gehalten. Warum nicht?, ist man jetzt geneigt zu sagen. Durch so manche europäische Liga weht in diesem Herbst ein frischer Wind, der FC Bayern ist Tabellensechster, geradezu Unglaubliches trägt sich in Schottland zu, wo die Glasgower Klubs Celtic und Rangers – seit 1985 gab es keinen anderen Meister – nur Dritter bzw. Sechster sind, und auch im stärksten Championat des Kontinents regen sich also revolutionäre Umtriebe. Zusammen haben Real (ein Punkt aus den letzten drei Spielen) und Barça (drei aus den letzten vier) seit sieben Partien nicht mehr gewonnen.

Außenseiterfußball rockt, das war schon bei der WM so. Kompakt stehen und in ausgesuchten Phasen der Partie durch schnelles Umschalten mutig das Momentum nutzen – es gibt ein klares Underdog-Handbuch, das etwa Deportivo Alavés am Samstag beim 1:0 gegen Madrid buchstabengetreu auf den Platz brachte. Technisch und taktisch ist in Spanien jeder Erstligist auf dem entsprechenden Niveau, dazu lassen weitere Faktoren hoffen, dass es sich bei der neuen Ausgeglichenheit nicht nur um die Laune eines Spätsommers handeln könnte. Gestiegene Fernsehgelder und die Einführung der Zentralvermarktung ermöglichen der Mittel- und Unterklasse mittlerweile bessere Budgets. Derweil Barça und Madrid die übliche Dampfwalzenstärke verlieren.

Die Katalanen, siebenfacher Meister der letzten zehn Jahre, haben die Champions League zur Priorität ausgerufen, wie der neue Kapitän Lionel Messi bei seiner Rede zur Saisoneröffnung betonte: „Diese so schöne Trophäe soll ins Camp Nou zurück.“ Den Anspruch untermauerte Barça unter der Woche mit einem rauschenden Sieg bei Tottenham (4:2), der Kater folgte in Gestalt müder Beine am Sonntagabend beim 1:1 in Valencia. Besonders Veteranen wie der momentan in grotesker Form vom Fehlerteufel besessene Abwehrchef Gerard Piqué und der ungewohnt klobige Mittelstürmer Luis Suárez scheinen den Dreitagesrhythmus nicht mehr wegzustecken. Und nicht mal Messi, Torschütze auch wieder in Valencia, kann jedes Spiel allein gewinnen.

Zumindest ist er noch da. In Madrid hingegen übertrifft die Post-Ronaldo-Depression auch die apokalyptischsten Vorhersagen. „El Ausente“ – „den Abwesenden“ – nennt ihn der Leitartikler der klubnahen Sportzeitung As bloß noch, und illustriert damit nicht nur die Nostalgie, sondern ironisiert auch die Kommunikationsstrategie des Vereins nach dem Verlust des epochalen Goalgetters und dauerambitionierten Inspirators.

In den vergangenen vier Spielen (wettbewerbsübergreifend) jedoch traf Real das Tor nicht – wie zuletzt 1985. War anfangs auch noch Pech dabei, ist die Mannschaft mittlerweile so derangiert, dass sie bei Alavés nicht mal mehr Torchancen herausspielte. Die Hauptschuld gebührt dabei wohl der Vereinsführung, die im Sommer lieber das Geld für einen 575 Millionen Euro Umbau des Estadio Santiago Bernabéu hortete als halbwegs adäquaten Ersatz für 450 Tore in 438 Spielen zu beschaffen. Die Sturmreihe Bale, Benzema und Asensio fällt in Krisenzeiten nur dadurch auf, dass sie nicht auffällt. Bale ließ sich zuletzt gar zweimal freiwillig auswechseln, ohne dass die Klubärzte irgendeine Blessur feststellten.

Weil der neue Trainer Julen Lopetegui schon jetzt alle klassischen Ausreden aufgebraucht hat – am Wochenende beklagte er ausufernd Verletzungssorgen –, gilt sein Kredit allenfalls noch bis zum Clásico am übernächsten Spieltag in Barcelona.