Gierige Grimassen

Regisseur Helge Schmidt war in die Recherchen zum Cum-Ex-Skandal eingeweiht. Die komplexen Finanzverbrechen hat er in einen entlarvenden Theaterabend übersetzt

Fesselnde Einblicke in eine entfesselte Parallelwelt: Mit wenigen Mitteln gelingt es Schmidts Team, die komplexe Geschichte der Finanzgeschäfte zu erzählen Foto: Ivo Mayr/Correctiv

Vielleicht ist es die Geschichte einer Verführung, als hätte „Benjamin Frey“ – so heißt der erste Kronzeuge bei den Cum-Ex-Prozessen nicht wirklich, aber in allen Medienberichten – einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Vielleicht hatte er sich zum falschen Zeitpunkt dem falschen Menschen zugewandt und sich verführen lassen. Dann wäre seine Geschichte Teil des Literaturkanons, wäre nämlich im Grunde die von Faust und Mephisto.

Doch die Geschichte von Benjamin Frey ist Realität und Teil des größten und skrupellosesten Steuerraubs in Europa, verursacht durch Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäfte. Erst vergangene Woche hat das Recherchezentrum Correctiv diesen Diebstahl öffentlich gemacht. Jahrelang hatten 40 Journalist*innen von 19 Medien recherchiert.

Regisseur Helge Schmidt, der die Geschichte um die „Cum-Ex Papers“ nun im Lichthof-Theater auf die Bühne gebracht hat, war in die Recherchen eingeweiht, erhielt exklusiven Zugang zu den Aussagen des Whistleblowers. Entsprechend wurde seine ursprünglich zur Spielzeiteröffnung geplante Premiere auf Ende Oktober verschoben.

Schmidt will mit seinen Arbeiten gesellschaftlich Stellung beziehen und erzählt nun also in Hamburg von der Unmoral des Kronzeugen; den roten Faden der Geschichte bildet das achtstündige Interview, das die Journalisten Oliver Schröm und Christian Salewski mit dem Finanz-Insider fürs Fernsehen geführt haben.

Es ist die Geschichte eines ehrgeizigen Jungen vom Land, der weder Bauer werden wollte noch arbeitslos. Sondern Jura studierte, ein exzellentes ­Examen ablegte, anschließend durch Testosteron getränkte Kanzlei-Empfänge schwebte, eine Turbokarriere hinlegte und schließlich dem Finanzberater Hanno Berger begegnete. Mit ihm – Mentor, Verführer, Mephisto – arrangierte er jahrelang Cum-Ex-Geschäfte im ganz großen Stil.

In Schmidts Inszenierung spielt Jonas Anders zunächst jenen Kronzeugen. Mit ausufernden Gesten, freudiger Erregung und ordentlichem Pennäler-Scheitel erzählt er von dem unglaublichen Aufstieg in die schwindelerregenden Hochhäuser der Finanzwelt. Im Lauf des Abends übernehmen Günter Schaupp und auch mal Ruth Marie Kröger dessen Partien, der Rollenwechsel funktioniert ganz und gar reibungslos. Schließlich ist das „Phänomen Frey“ kein Einzelfall.

Die dunkelblauen Anzüge der drei Schauspieler sitzen perfekt, das Gewinnerlachen gefriert ihnen nur hin und wieder zur entstellten Grimasse, die Gier jedoch blitzt auf, trotz dieser „Tef­lon-Identität“, an der sonst alles abperlt. Es sind fantastische Darsteller, mit denen Schmidt diesen Abend gestaltet.

Sie spielen die eiskalten Porsche-Banker genauso überzeugend wie drei sich diebisch freuende Panzerknacker mit Strumpfmasken. Sie zitieren und persiflieren „Den Paten“, ziehen den Zuschauern wortwörtlich das Geld aus der Tasche, schwimmen in Unmengen von Glitzerflitter, gefallen sich in Gewinnerposen und fallen auch mal animalisch übereinander her. Und, beinah wie nebenbei, erklären sie natürlich auch, wie diese Cum-Ex-Deals überhaupt funktionieren. „6 Wochen Proben, davon vier nur für diese zwei Minuten“, kommentiert Ruth Marie Kröger die Szene.

Mit wenigen Mitteln – einem Jalousien-Rund als Bühne, Videoeinspielungen, Nachrichtenschnipseln, einem Sparschwein und einer Windmaschine – gelingt es dem Team, diese komplexen, kriminellen Finanzgeschäfte als Theaterstoff zu erzählen – seriös, skandalös, performativ, zynisch, unterhaltsam und entlarvend.

Kein Wirtschaftskrimi also ist dieser Theaterabend, er erzählt auch nicht die Geschichte eines vom Teufel verführten Heinrich Faust. Sondern gibt authentische Einblicke in eine entfesselte Parallelgesellschaft – schrecklich tagesaktuell. Es ist ein Abend irgendwo zwischen Dokumentation und Fiktion, Hard Facts und Unterhaltung – fast zu schön, ästhetisch fast zu gelungen für diese von Geld und Gier getriebenen Verbrechen.