Zukunft des Schwulen Museums Berlin

Wie in einer zerrütteten Ehe

Ein seit Monaten zum Teil erbittert ausgetragener Kampf um die Neuausrichtung wirft ein Schlaglicht auf zum Teil lang schwelende Konflikte der LSBTTIQ*-Community.

Das Eingangsportal des Schwulen Museums Berlin von außen gesehen

Eine Institution, weltweit: das Schwule Museum Berlin Foto: Robert M. Berlin/dpa/picture alliance

Der neue Vorstand des Schwulen Museums Foto: Schwules Museum

Der Streit zwischen dem damaligen Vorstand des Vereins der Freunde des Schwulen Museums e. V. und einem Teil der ehrenamtlichen Helfer und ehemaliger Vorstandsmitglieder begann im Januar 2018 für die Öffentlichkeit sichtbar zu werden. Das Vorstandsmitglied Birgit Bosold kritisierte damals in einem Newsletter des Hauses zum geplanten „Jahr der Frau_en“ die bisherige Ausstellungspraxis des Schwulen Museums, die „eher die visuelle und konzeptionelle Hegemonie schwuler Männlichkeit (weiß und cis versteht sich) in der LSBTTIQ*-Welt“ widerspiegele, „als dass sie marginalisierte und diskriminierte Positionen in den Vordergrund stelle“.

Insbesondere kritisierte Bosold die Ausstellungen der Polittunte Patsy l’Amour laLove über den schwulen Sexualwissenschaftler Martin Dannecker und die des französischen Künstlers und Kurators Marc Martin zur schwulen Klappenkultur. Beide seien „ebenso liebevoll und begeistert wie unkritisch“ gewesen. Gemeint war – kurz gesagt – das Fehlen eines feministischen Blickwinkels in beiden Ausstellungen.

Bosold ist erklärte Vertreterin einer queer-feministischen Sichtweise, einer Kulturtheorie also, die auf den Ideen des Poststrukturalismus basiert und intersektionale Aspekte von Diskriminierungen in den Mittelpunkt stellt. Dazu gehört auch eine kritische Sicht auf die „Privilegien“ weißer schwuler Männer gegenüber anderen Gruppen des Regenbogens.

Ihre Kritik aus queer-feministischer Sicht an einem „schwulen Heimatmuseum“ musste nicht lange auf Antwort warten. In dem queeren Berliner Monatsmagazin Siegessäulewarf Till Amelung dem Vorstand des Schwulen Museums „Geringschätzung gegenüber der Geschichte(n) von Schwulen“ vor.

Drei schwule Mitarbeiter des Museums legten in der Juni-Ausgabe des schwulen Magazins Mannschaft nach und holten aus. Dort bemängelten sie unter anderem unzureichende professionelle Strukturen, undurchsichtiges Finanzgebaren, die ihrer Meinung nach fehlende Kritikfähigkeit des Vorstands, ein männer- und schwulenfeindliches Klima und nicht zuletzt eine Vergessenheit gegenüber der Geschichte eines Museum, das immerhin noch das Wort „schwul“ im Namen führt und das 1985 von vier schwulen Männern gegründet wurde.

Inhaltliche Neuausrichtung seit 2008

Gegründet wurde das Schwule Museum im Dezember 1985. Vorausgegangen war die Ausstellung „Eldorado – Geschichte, Alltag und Kultur homosexueller Frauen und Männer 1850–1950“ im Berlin Museum, die auf Initiative der späteren Museumsgründer Andreas Sternweiler, Wolfgang Theis und Manfred Baumgardt zusammen mit lesbischen Aktivistinnen entstand.

Ab 1988 eigene Räume am Mehringdamm. Ab 2008 öffnete sich das Haus anderen sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten.

Der Umzug erfolgte 2013 in die Lützowstraße 73. Heute nutzen Wissenschaftler*innen aus aller Welt das Archiv. Unis und Forschungsinstitute kooperieren mit dem Haus. (dl)

„Was ist aus dem Schutzraum für ältere Schwule geworden, die sich als Ehrenamtler eine Beschäftigung suchen wollten?“, fragte der Ehrenamtler Axel Wippermann. Exvorstand Mischa Gawronski fand im gleichen Artikel harte Worte für die empfundene Hatz auf alles Schwule: „Wenn eine Gruppe im Fokus steht und diese vorrangig aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht und Sexualität kategorisiert und kritisiert wird, dann erfüllt das die Definition von Rassismus!“

Tatsächlich verfolgt das Schwule Museum bereits seit 2008 eine inhaltliche Neuausrichtung, die neben Schwulem auch andere sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten ausdrücklich miteinbezieht, doch wie das aussehen soll, darüber wird nicht nur zwischen den Buchstaben des L, S, B, T, T, I, Q und dem * gestritten – sondern auch innerhalb der einzelnen Identitäten.

So kommen auch radikalfeministische Lesben aus der zweiten Welle der Frauenbewegung mit dem Kurs des Schwulen Museums nicht mehr zurecht. Als am 20. April 2018 ein junges Künstlerkollektiv das Bistro des Museums zu einer „Dyke Bar“ umfunktionierte, die Bezug nehme auf „prägende Momente der lesbisch-queeren Geschichte vom alten Wissen der Hexen in ferner Vergangenheit bis zu den Cyborgs der Zukunft, um in der Gegenwart einen Dialog darüber zu eröffnen, warum Dyke Bars sterben und wie sie wiederbelebt werden können“, erhob sich ein Sturm der Entrüstung vor allem wegen der spirituellen und esoterischen Anklänge.

Lesbische Aktivistinnen wie Stephanie Kuhnen und die Verlegerin Ilona Bubeck kamen auf Einladung von Patsy l’Amour LaLove in den Neuköllner Veranstaltungsort Ludwig, um der Frage nachzugehen, was eigentlich LSBTTIQ* immer wieder in die Fänge des Esoterischen treibt und warum Spiritualität keine „widerständige Praxis“ sein kann – freilich ohne dass auf dem Podium jemand eine Gegenposition vertreten hätte.

Anhänger*innen mobilisiert

Der Streit um die Zukunft des Schwulen Museums kulminierte im Spätsommer im Vorfeld der Vorstandswahlen der Mitglieder des Vereins der Freundinnen und Freunde des Schwulen Museums in Berlin e.V.: Bosold und Hofmann hatten ihre Anhänger*innen über E-Mails und Facebook mit den Worten mobilisiert, es handele sich um eine „Kampfabstimmung“. Aufrufe, Mitglied zu werden und sich zur Wahl zu stellen, gab es allerdings auch von der Gegenseite.

In zwei Wahlgängen wurden dann Ende September acht neue Vorstände auf zwei Jahre gewählt, darunter auch Bosold und Hofmann. Alle acht stehen für eine Forstsetzung und Weiterentwicklung der queer-feministischen Ausrichtung des Museums. Bekannte Namen wie der Blogger Johannes Kram und der Filmemacher Jochen Hick waren zur Wahl ebenfalls angetreten, fanden aber keine Mehrheit.

Der seitdem weiter schwelende Konflikt um die personelle und inhaltliche Ausrichtung des Museums ist nicht nur Außenstehenden schwer zu erklären und vielleicht mit dem Wort „Gemengelage“ am besten umschrieben. Mindestens drei Aspekte spielen mit hinein, die alle ineinander greifen und zum Teil weit über das Haus selbst hinausreichen:

Erstens: ein persönlicher Konflikt einiger Mitarbeiter und Vereinsmitglieder mit den beiden Vorständen Dr. Birgit Bosold und Vera Hofmann, denen eine kompromisslose Linie innerhalb des Hauses, Männerhass, ein unprofessioneller Umgang mit Mitarbeitern und eine Vernachlässigung des Archivs aus ideologischen Gründen vorgeworfen wird, da die dort schlummernden und nicht aufgearbeiteten Nachlässe zum größten Teil von schwulen Männern stammen.

Immer weiter verhärtet

Zweitens: die Auseinandersetzung zwischen Vertreter*innen queer-feministischer Ansätze einerseits und LSBTTIQ*-Aktivistinnen, die weitgehend der kritischen Theorie (also der zweiten deutschen Schwulenbewegung um Personen wie Michael Bochow oder Martin Dannecker) und der radikalfeministischen Lesbenbewegung der 1980er Jahre verhaftet sind andererseits. Postkolonialismus und Intersektionalität auf der einen Seite, freud-marxistische Sichtweisen auf der anderen, kollektivistische Widerstandsformen und Privilegiendiskurse versus Betonung des kritischen Individuums als revolutionärem Subjekt – das bleibt vor allem eines: unvereinbar. Seit dem Erscheinen des Sammelbands „Beißreflexe“ (Querverlag, 2017) hat sich dieser Streit um Theorien in der deutschen LSBTTIQ*-Bewegung immer weiter verhärtet.

Drittens: ein seit Jahrzehnten schwelender Konflikt zwischen vielen (aber bei weitem nicht allen) Berliner Schwulen und Lesben, die, anders als zum Beispiel in den USA, in ihren emanzipatorischen Kämpfen selten zusammenfanden, in der Regel getrennte Infrastrukturen aufgebaut haben und bis heute unterhalten und trotz anders lautender Lippenbekenntnisse sich gegenseitig oft nicht über den Weg trauen.

Eine Diskussionsrunde zwischen Schwulen und Lesben im Neuköllner Ludwig anlässlich anderer, derzeit köchelnder Konflikte in der Community machte deutlich, wie sehr vor allem unter älteren Schwulen bis heute eine teils beachtliche Frauen- und Lesbenfeindlichkeit existiert. Schwule Projekte sind in der Regel finanziell wesentlich besser ausgestattet, schwule Männer sitzen innerhalb der Community fast überall an den entscheidenden Positionen.

Das neue und alte Vorstandmitglied Birgit Bosold findet deshalb, „im Grunde werden im Schwulen Museum die Auseinandersetzungen geführt, die gerade in der ganzen Community laufen“. Es werde „um die Deutungshoheit, um die Verteilung von Ressourcen, um Sichtbarkeit und Macht gestritten“.

Johannes Kram, der sich „nie als ein Vertreter eines schwulen Lagers betrachtet“ und in seinem Blog schreibt, dass er Bosold mitgewählt hat, findet jedoch auch, es falle Bosold schwer, „jenseits von Lagern zu denken“ und „dass sie selbst da Zuteilungen vornimmt, wo diese absurd sind. Und dass sie Schwule offensichtlich ausschließlich als Machtgegner betrachtet. Was sie natürlich auch sind. Doch wer alles ausschließlich einem Verteilungskampf unterordnet, den erklärt den internen Kampf zum eigentlichen Zweck von Community. Der löst Community auf.“

Auf dem Schirm der internationalen Museumswelt

Bosold sieht sich vor allem durch den Erfolg des Museums in den letzten Jahren in ihrer Arbeit bestätigt: „Es waren nicht nur nie mehr Frauen* im Museum wie in diesem Jahr, sagt Bosold, „sondern wir schaffen, wie es aussieht, in diesem Jahr auch noch einen Besucher*innenrekord mit einem neuen Allzeit-Hoch in Bezug auf die Einnahmen aus dem Ticketverkauf.“

Das Museum sei dank Neuausrichtung mittlerweile auch auf dem Schirm der internationalen Museumswelt: „Wir werden mit unserer Parteilichkeit, unserer Basiertheit in einer aktiven, diskussionsfreudigen Community als interessantes Modell dafür wahrgenommen, wie das Museum der Zukunft aussehen könnte, nämlich eine Plattform zu sein für gesellschaftliche Selbstverständigung, auf der relevante Konflikte ver- und ausgehandelt werden“, erklärt Bosold. „Gleichzeitig ist auch die Berliner queere Community sehr international geworden, die unterschiedlichen Stimmen sind hörbar und sie stellen Ansprüche. Ich denke, das ist einer der Gründe für die aktuellen Tumulte in der Berliner Regenbogengemeinde.“

Einer, der sich mit dem gar nicht mehr so neuen und nun bestätigten Museumskurs anfreunden kann, ist der 70-jährige Mitbegründer Wolfgang Theis. Er sagt zur Vorstandswahl: „Ich finde das Ergebnis ganz wunderbar und freue mich, dass der Feminismus gesiegt hat.“

Kram vermisst hingegen nach dem Sieg der queer-feministischen Fraktion vor allem „eine einzige Geste des Verständnisses. Selten habe ich das Verhalten von Gewinnern so kalt, so brutal erlebt. Kein: Nach allem Zwist wollen wir uns nun darum bemühen, dass auch die Unterlegenen auch noch irgendwie Teil davon sein können.“ Er schlägt nun vor, ein zweites Museum im Nollendorfkiez zu gründen: „Ein Museum, das lesbische und schwule Sichtbarkeit sucht, archiviert, präsentiert und verteidigt. Gegen die, die diese attackieren. Von außerhalb der Community. Aber auch von innen.“

Das klingt nach zerrütteter Ehe. Oder nach Zwei-Staaten-Lösung. Auf jeden Fall aber danach, dass Berlins LSBTTIQ*-Community in der Frage der Aufbereitung ihrer Geschichte, wahrscheinlich aber weit darüber hinaus, dringend Mediation nötig hat.

Anm. der Red.: In einer ersten Version des Textes stand, dass auch der ehemalige Berlinale-Panorama-Chef Wieland Speck zur Wahl des Vorstands des Schwulen Museums angetreten sei. Das ist falsch.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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