das portrait

Michael Göcking ist ein Laienpriester

Der Theologe Michael Göcking will ein Zeichen gegen Rechtspopulismus setzen Foto: Hermann Haarmann

Seine Oma, erzählt Michael Göcking, habe ihm Geld geboten, damit er Priester wird: „Aber zölibatär leben oder eine heimliche Beziehung führen – das wäre nichts für mich gewesen.“ Würde der 60-Jährige heute vor der Entscheidung stehen, dann spräche etwas anderes dagegen: „Heute wäre für mich ausschlaggebend, dass Frauen nicht Priesterin werden können.“

So arbeitete er nach seinem Studium der katholischen Theologie an der Universität Münster als pastoraler Mitarbeiter beim Bistum Osnabrück und gab Religionsunterricht an einer berufsbildenden Schule. Aufgaben eines Priesters übernimmt er jetzt doch noch. Als Pfarrbeauftragter leitet er ab Samstag zwei Kirchengemeinden in Melle bei Osnabrück und hält sogar Predigten. Nur wenn Sakramente ausgegeben werden, etwa beim Abendmahl oder der Beichte, ersetzt ihn ein Priester.

Eheschließungen und Taufen hätte Göcking theoretisch begleiten können, „aber wir wollten nicht zu weit nach vorne preschen“, sagt er. Denn das Bistum Osnabrück beschreitet nach eigener Einschätzung mit der Verpflichtung Göckings als allein verantwortlichem Pfarrbeauftragtem Neuland in Deutschlands katholischer Kirche. Weil es zu wenig Priester gibt, wäre die Alternative die Zusammenlegung von Gemeinden gewesen. „Ich weiß, dass nicht alle in der Gemeinde diesen Weg gut finden“, sagt Göcking, „manche trauern darum, dass sich die Kirche ändert“. Die Mehrheit aber begrüße die Chance zum Aufbruch, die sich so biete, glaubt der verheiratete Vater von drei erwachsenen Kindern. „Ich habe über meine Erfahrungen einen ganz anderen Zugang zu vielen Themen.“

So befürwortet er die Segnung homosexueller Paare. Und er wünscht sich eine Kirche, die keinen „ängstlichen Hasenblick“ darauf richtet, wie sie Austritte verhindern kann. „Ich finde es wichtiger, als Christ die Welt mit zu gestalten und mich gegen Fremdenfeindlichkeit und für den Umweltschutz zu engagieren.“ Konkret nennt er den stärker werdenden Natio­nalismus und den wachsenden Einfluss von Rechtspopulisten. „Es muss deutlich werden, dass deren Positionen nicht mit dem Christentum vereinbar sind“, findet er. Eiken Bruhn