heute in hamburg

„Die Gleichgültigkeit ist noch groß“

Foto: privat

Christiane Richers, 63, Hamburger Regisseurin, Autorin und Theaterpädagogin, hat das Theater am Strom mitgegründet.

Interview Yasemin Fusco

taz: Frau Richers, Sie haben eine Geschichte über eine Hamburger Sinti-Familie geschrieben. Worum geht es?

Christiane Richers: Der Theatertext erzählt vom Alltag zweier Sintis, dem Schüler Wölkli und seinem Onkel, der sich für Sintis engagiert. Die Geschichte selbst ist zwar fiktiv, basiert aber auf Gesprächen mit Kako Weiss und seinem Onkel, die beide Mitglieder der großen Sinti-Familie in Wilhelmsburg sind. Kako begleitet die Lesung mit seinem Saxofon – so wollen wir eine Einheit sein, die immer wieder Bezug aufeinander nimmt. Wir inszenieren das Ganze wie ein Theaterstück.

Wieso interessieren Sie sich eigentlich für die Familie Weiss?

Ich arbeite schon lange am Theater und habe ich mich vor einigen Jahren mit einem jungen Mann unterhalten, der Rom ist, und ich habe mich dadurch überhaupt zum ersten Mal mit Sinti und Roma beschäftigt. Durch Kulturveranstaltungen lernte ich dann die Familie Weiss kennen, mit der ich heute eng befreundet bin. Natürlich ist die Familie interessant, weil sie mehr als 800 Mitglieder zählt und in Hamburg seit Hunderten Jahren angesiedelt ist.

Nehmen Sie auch Bezug auf die Nazi-Zeit, in der Sinti und Roma verfolgt wurden?

Ja, der Theatertext bietet einen Einblick in die Traumatisierungen, die durch kollektive Verfolgung und Ermordung deutscher Sinti durch die Nazis gezeichnet sind.

Werden Sinti und Roma heute noch benachteiligt?

Die Gleichgültigkeit ihnen gegenüber ist leider immer noch sehr groß. Ich selbst hatte bis vor sieben Jahren kaum eine Ahnung über deutsche Sinti und Roma und ihre Geschichte.

Autoren­lesung mit Musik: „Spiel Zigeunistan“, Bücherhalle Horn, Am Gojenboom 46, 19.30 Uhr, Eintritt 13 Euro

Also erzählen Sie heute Abend eine Leidensgeschichte?

Es ist natürlich auch eine Leidensgeschichte, aber nicht nur. Heute haben viele Sinti und Roma die Wahrnehmung, dass sie ausgeschlossen werden, obwohl sie seit Hunderten Jahren in Deutschland leben. Wir versuchen, auf der kulturellen Ebene darüber aufzuklären.

Ist es für die Sinti und Roma nicht absurd, auch nach Hunderten Jahren in Deutschland immer noch als Fremde wahrgenommen werden?

Ja! In unserem Text spielt ja diese Ausgrenzung eine große Rolle. Besonders in der Schule war es für den jungen Rom schwierig; er wurde schlechter benotet und einfach weniger angenommen als seine deutschen Mitschüler*innen.