Kirchenkampf in der Ukraine

Krieg unter der goldenen Kuppel

Ein Machtkampf zerreißt das Dorf Ptitscha. Die Kirche ist dicht. Manche gehen zum Küster, andere nutzen eine Garage für Gottesdienste.

Leute vor einer Kirche

Stein des Anstoßes: Wer darf in der Mariä-Entschlafens-Kirche beten? Foto: reuters

Ältere Frauen und ein Kind

Anhänger des Moskauer Patriachats beten im Provisorium Foto: reuters

Drei Männer

Garage statt Kirche: Manchen gelten diese Gläubigen als Seperatisten Foto: reuters

PTITSCHA taz | Bei sonnigem Wetter glitzern die goldenen Kuppeln der orthodoxen Kirche von Ptitscha schon von Weitem friedlich, höchstens dass sie gelegentlich Autofahrer blenden, die auf der Schnellstraße von Kiew ins west­ukrai­ni­sche Tschop unterwegs sind. Eintausend Menschen leben in dem Dorf mit dem türkisfarbenen Gotteshaus, sie sind orthodoxe Christen und grüßen Fremde höflich. Wenn jemand stirbt, begleiten orthodoxe Geistliche, die hier „­Batjuschka“, ­Väterchen, heißen, den Toten zur letzten Ruhe auf dem Friedhof, der etwas abseits auf einer Anhöhe liegt. Das war es dann aber auch mit der Beschaulichkeit.

Denn die schöne Mariä-Entschlafens-Kirche dürfen die Christen von Ptitscha nicht mehr betreten, nicht einmal zum Trauergottesdienst. Eine tiefe Kluft trennt die Frommen. Die einen bekennen sich zum Moskauer Patriarchat, die anderen zum Kiewer Patriarchat.

Theologisch gibt es da keine Unterschiede, politisch sind sie inzwischen allerdings gravierend. Ganze Straßenzüge sind moskautreu, andere wiederum unterstützen das Kiewer Patriarchat, und beide Gruppen wollen die Kirche nur für sich.

Ein Kampf mit Fäusten und Knüppeln

Und so schlagen sich die Orthodoxen von Zeit zu Zeit vor ihrem Gotteshaus mit Fäusten und Knüppeln. Um dem Krieg im Dorf ein Ende zu machen, haben Gerichte im Jahr 2014 in gleich mehreren Instanzen die Schließung der Kirche verfügt.

Rentnerin Anastasia, liebt das Moskauer Patriarchat

„Ich gehe jeden Sonntag in die Garage zu meinem Batjuschka, der dort die Messe liest“

Im Dezember 2015 machten Videos die Runde, in denen Großmütter mit geblümten Kopftüchern zetern, Männer Kanthölzer schwingen, Böller explodieren, überall Rangeleien zu sehen sind, einmal ist gar ein Molotowcocktail aufgeflammt. Männer zeigen, als wären sie Märtyrer, ihre Platzwunden her. Von der Kirchenmauer blickten die verstörten Heiligen, und von oben läuten die Glocken.

Wer hier zu welchem Patriarchat gehörte? Völlig aussichtslos, das herauszufinden. Inzwischen sind schon Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit ihren weißen Geländewagen im Dorf gewesen. Frieden auf Erden? Er kehrt nicht ein, jedenfalls nicht in Ptitscha. Auch kein Weihnachtsfrieden, obwohl doch alle orthodoxen Christen am 7. Januar die Geburt Christi feiern.

Kiew oder Moskau?

Wie das alles anfing? Vater Igor schaut bekümmert. Igor ist der Batjuschka der Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats und für Ptitscha zuständig. Er erzählt, schon 2013 habe sich ein Priester des Moskauer Patriarchats geweigert, ein Kind zu beerdigen, nur weil es von einem Priester des Kiewer Patriarchats getauft worden sei. Der Unmut im Dorf war daraufhin groß.

Katerina Nakonetschna, liebt das Kiewer Patriarchat

„Russland hat unsere Kirche gestohlen, als sie diese hier privatisiert haben. Da sehen Sie mal, da kommt gerade eine Separatistin raus“

Dabei sei man als Kiewer Patriarchat durchaus kompromissbereit, beteuert Vater Igor. Den Vorschlag, die Kirche gemeinsam zu nutzen wie den Friedhof, hätten die Moskauer abgelehnt mit der Begründung, man könne sich doch keine Kirche mit Ketzern teilen.

Das war erst der Anfang. Im Folgejahr eskalierte der Streit. Denn seitdem bekriegen sich im fernen Osten der Ukraine prorussische Separatisten mit ukrainischen Freiwilligen und regulären Soldaten. Auch aus Ptitscha zogen einige in den Kampf.

Über die unentschiedene Haltung der Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats zum Krieg waren im Dorf bald viele ungehalten. Auch ­Batjuschka Igor beklagt sich bitter. Das Moskauer Patriarchat sei völlig unbeteiligt geblieben. Als seine Kirche vorschlug, für die Soldaten im Osten des Landes zu beten, habe ein Priester des Moskauer Patriarchats entgegnet: „Ich habe sie nicht da hingeschickt. Sollen doch die helfen, die das veranlasst haben.“

Mäuse sollen die Ikonen angefressen haben

Väterchen Igor seufzt und blickt auf die Kirche. 1913 wurde sie errichtet. Sie hat Revolutionswirren, zwei Weltkriege und die atheistische Sowjetunion überlebt. Und jetzt? Vier Jahre nach der Schließung droht ein langsamer Zerfall. Mäuse sollen die Ikonen angefressen haben, die Wände sollen feucht sein, der Putz bröckeln. Hineinschauen kann keiner. Die blaue Pforte ist mit einem dicken Schloss zugesperrt, ein amtliches Siegel prangt, Polizisten bewachen die Kirche rund um die Uhr.

Wer ist der rechtmäßige Besitzer? Bis zum Untergang der Sowjetunion gehörte der Bau der Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. Ein Kiewer Patriarchat gab es ja auch noch gar nicht. 1991 wurde eine neue Eigentümerin eingetragen, die „Religiöse Gemeinschaft der Mariä-Entschlafens-Gemeinde des Dorfes Ptitscha im Bistum Riwne der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche“.

Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche – dieser Begriff war damals neu, die Sache dahinter hingegen altbekannt: So nannte sich fortan die Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats auf dem Gebiet der unabhängigen Ukraine. Denn inzwischen hatte sich in der Ukraine die Orthodoxe Kirche des ­Kiewer Patriarchats abgespalten.

Für das Moskauer Patriarchat änderte sich zunächst nichts – bis zum Jahr 2014, als die Krim von Russland annektiert wurde, in Luhansk und Donezk von Moskau unterstützte „Volksrepubliken“ ausgerufen wurden, junge Männer aus ­Ptitscha loszogen, die Frommen im Dorf übereinander herfielen und die Kirche geschlossen wurde.

Seitdem müssen sie die Gottesdienste anderswo feiern. Die Gläubigen des Kiewer Patriarchats versammeln sich Sonntag für Sonntag im Haus des Küsters auf dem Kirchengelände. Die Gläubigen des Moskauer Patriarchats treffen sich in einer Garage neben der Kirche.

Brot als konfessionelles Bekenntnis

Jaroslaw Vosnjuk ist der Bürgermeister des Dorfes. Am 2. November 2014, so erzählt Vosnjuk, habe es eine Abstimmung im Dorf gegeben. 407 Bewohner hätten sich für das Kiewer Patriarchat ausgesprochen, 305 für Moskau. Ein eindeutiges Ergebnis. Juristisch ist das Bürgerbegehren aber bedeutungslos. Gerichte in der Kreisstadt Dubno und in der Regionshauptstadt Riwne haben das Referendum für ungültig erklärt.

Die Richter waren der Auffassung, dass das Eigentum von der Verfassung geschützt sei und man den Besitzer der Kirche, die Religiöse Gemeinschaft der Mariä-Entschlafens-Gemeinde, nicht enteignen könne. Und selbst wenn man trotzdem enteignen wollte – ein finanzieller Ausgleich müsste geleistet werden, und der liegt in der Höhe des Immobilienwerts der Kirche. Überhaupt seien Referenden in einem einzigen Dorf nicht erlaubt. Um eine weitere ­Eskalation zu vermeiden, verfügten sie die Schließung.

Nach vier Jahren ist nicht nur die Kirchengemeinde gespalten, sondern das Dorf, der ganze Alltag. Selbst der Einkauf wird zum Bekenntnisakt. Wer etwa morgens frisches Brot kaufen will, kann ins Geschäft rechts von der Kirche gehen oder in eine kleine Holzhütte links von der Kirche. Rechts wehen über dem Lädchen eine blau-gelbe ukrainische Flagge und ein schwarz-rote Fahne der ukrai­ni­schen Nationalisten, „Patriotisches Geschäft“ steht auf einem Schild. Besitzer Michajlo Woitjuk hat sich entschieden. Er will, dass „die Moskauer“ verschwinden und die Kirche endlich dem Kiewer Patriarchat übergeben wird.

Vieles sei schon 1991 mit der Privatisierung falsch gelaufen. „Die Kirche gehört der Gemeinde“, sagt Woitjuk in einem kahlen Nebenraum seines Lädchens, wo Besucher an einem Bierzelttisch Kaffee schlürfen können. „Die Gemeindemitglieder sollen entscheiden, wem die Kirche gehört“, fordert Woitjuk, der 2014 schon einer der Sprecher des Referendums war und heute als Vorstand der Gemeinde fungiert.

Beschimpfungen bei Kaffee und Schnaps

Auf der anderen Straßenseite blickt die 73-jährige Galina über ihren Gartenzaun. Viel habe sie nicht zum Leben, jammert sie. Immer wieder schalte man ihr Gas und Strom ab, weil sie nicht bezahlen könne. Was sie aber noch mehr beunruhige, sei der kleine Laden links der Kirche. Dort, so beteuert die Alte, seien Separatisten am Werk. Wie sie darauf komme? Die Mutter der Verkäuferin leite im Dorf den Chor des Moskauer Patriarchats, schimpft sie. Sie jedenfalls kaufe in dem Geschäft kein Gramm Brot. „Ich gebe mein Geld doch nicht den Russen!“

Die Holztür des „Separatistenladens“ quietscht beim Betreten. Viel Licht dringt nicht hinein, deswegen brennt den ganzen Tag über eine Glühbirne. Auf zehn Quadratmetern gibt es hier alles, was man braucht – Seife, Scheuersand, in silbriges Papier eingewickeltes Konfekt, Zigaretten und natürlich Alkohol. Und die Kaffeemaschine läuft.

„Ich verbiete Ihnen, mein Gespräch mitzuschneiden“, raunzt die junge Verkäuferin. Doch dann kommt sie doch ins Plaudern, erzählt, wie ungerecht sie sich behandelt fühle. Nur weil sie die Kirche, in der sie groß geworden sei, in der sie geheiratet habe, nicht verlassen und wechseln wolle, müsse sie sich als Separatistin beschimpfen lassen.

Zum Küster oder in die Garage?

Auf dem Kirchengelände haben sich unterdessen einige Gläubige eingefunden, die meisten von ihnen Frauen mit Kopftuch, um den Vorplatz ein wenig aufzuräumen. Sie alle bekennen sich zum Kiewer Patriarchat. Gemeindevorstand Michajlo Vojutjuk, ein Laie, kein Priester, macht eine einladende Geste und bittet in das Küsterhäuschen. Hier finden die Gottesdienste der Kiewer statt. Ikonen hängen an den Wänden, Teppiche liegen aus, in der Mitte ein Altar mit einem großen Kreuz. Höchstens sechzig Gläubige finden hier Platz, sagt er. Aber er selbst sei noch nie so häufig im Gottesdienst gewesen wie in den letzten vier Jahren, er sei schließlich Patriot.

Anastasia, eine Rentnerin, geht an der Kirche vorbei, in der Hand eine leere Tasche, und steuert den „Separatistenladen“ an. Nein, sie gehe nicht zum Gottesdienst in das Haus des Küsters. „Ich bin ukrainische Patriotin“, beteuert sie. „Aber die Kirche wechseln? Das kommt für mich nicht infrage. Ich gehe jeden Sonntag in die Garage zu meinem Batjuschka, der dort die Messe liest.“

Katerina Nakonetschna, die sich zu Hause um die kleine Landwirtschaft kümmert, ist da ganz anderer Meinung. Sie ist auf den Weg zur Kirche, um bei der Aufräumarbeit zu helfen. „Russland hat unsere Kirche gestohlen, damals, als sie diese hier privatisiert haben“, klagt sie. Missbilligend blickt sie zum Laden links der Kirche. „Da sehen Sie mal, da kommt gerade eine Separatistin raus. Ich kenne sie.“ Grußlos gehen sie aneinander vorbei. „Das hätte es früher nie gegeben, dass man sich aus religiösen Gründen nicht grüßt“, versichert Nakonetschna. Aber beim Streit gehe es nicht um Religion, sondern um Politik.

Hier sei die fünfte Kolonne Moskaus am Werk, mischt sich Mikola Novosad ein, stellvertretender Kirchenvorsteher der Gemeinde des Kiewer Pa­triar­chats. „Wenn man endlich eine einheitliche Kirche in der Ukraine hat, dann gibt es kein Moskauer Patriarchat mehr. Dann gehört die Kirche uns“, hofft Katerina Nakonetschna.

Poroschenko bastelt eine ukrainische Nationalkirche

In Kiew ist Präsident Petro Poroschenko schon dabei, aus drei Kirchen eine ukrainische Nationalkirche zu formen. Die Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats und die Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats sollen sich mit der kleinen Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche vereinen. Doch ganz gleich, was in der ehrwürdigen Kiewer Sophienkathedrale an Vereinigung auch erreicht wird – bis sich die Lage in Ptitscha entspannt, können noch viele Weihnachtsfeste verstreichen.

Die Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats besteht aus einer Vielzahl kleiner de­zen­tra­ler Strukturen, die allesamt juristische Personen sind. Wer diese zugunsten einer Nationalkirche enteignen will, muss sich auf einen jahrelangen juristischen Kampf durch alle Instanzen einstellen. Bis dahin ist die Kirche in Ptitscha vermutlich schon eingestürzt.

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