Kommentar Deutsches Kolonialerbe

Ein stark verdrängtes Kapitel

Deutschland war keine harmlose Kolonialmacht. Verbrechen in Namibia, Kamerun und anderen Ländern müssen aufgearbeitet werden.

Eine Frau ersetzt das Straßenschild "Mohrenstraße" durch "Anton-W-Amo-Straße"

Das Bild beginnt sich zu ändern – unter anderem dank Initiativen wie der zur Straßenumbenennung Foto: ipon/Stefan Boness

Die konsequente und breite Aufarbeitung der deutschen Kolonialverbrechen ist überfällig. Wer die Vergangenheit verdrängt, trifft falsche Entscheidungen für Gegenwart und Zukunft. Nach wie vor gehört jedoch die koloniale Fremdherrschaft über Teile Afrikas, Ozeaniens und andere überseeische Gebiete zu einem der am meist verdrängten Kapiteln der deutschen Geschichte. Hartnäckig hält sich die Meinung, Deutschland sei nur eine kleine und harmlose Kolonialmacht gewesen.

Das trübt auch den Blick auf die internationale Verantwortung, die uns durch unsere Kolonialgeschichte zuwächst. Denn wie der Kolonialismus allgemein stellt auch die deutsche Kolonialherrschaft keine historisch abgeschlossene Episode dar, sondern hinterlässt vielfältige, globale Spuren, die noch immer wirkmächtig sind.

Ehemalige Kolonien wie Namibia und Kamerun vermissen zu Recht ein Agieren Deutschlands, das aus dem Bewusstsein erwächst, als Kolonialmacht zu heutigen dort herrschenden Problemen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik beigetragen zu haben. Hohe Summen von Entwicklungsgeldern sind nur ein Feigenblatt, solange es kein ernsthaftes Bekenntnis zum Völkermord an den Herero und Nama gibt oder sich Deutschland angesichts des sich aufschaukelnden frankophon-anglophonen Konflikts in Kamerun bedeckt hält.

Der Afrika-Beauftragte der Bundesregierung sprach jüngst in einem Interview gar von der vermeintlich zivilisierenden Wirkung des Kolonialismus auf Afrika. Dabei bediente er Vorurteile, die unser Denken über die Kolonisierten prägen.

Eurozentristische Denkweisen stecken überall

Immer noch haben wir ein weithin undifferenziertes Bild von Afrika, exotische Vorstellungen des „Fremden“ und tradierte Vorstellungen von behaupteter Ungleichwertigkeit. Eurozentrische Denkweisen schlagen sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen und in der Alltagskultur nieder, wie nicht zuletzt die Debatte um ein rassistisches Schulbuch in Sachsen gezeigt hat, das inzwischen aus dem Verkehr gezogen wurde.

Aber das Bild beginnt sich zu ändern. Daran haben besonders viele lokale, zivilgesellschaftliche Initiativen und kritische Wissenschaftler*innen einen wichtigen Anteil. Sie adressieren koloniale Geschichte und Kontinuitäten und treiben die Debatte um Kulturgut aus kolonialen Kontexten, den Umgang mit menschlichen Gebeinen, Erinnerungsorte, die inhaltliche Gestaltung des Humboldt Forums und die Diskussion über Straßennamen mit kolonialem Hintergrund maßgeblich voran.

Dringend notwendig ist eine Erweiterung der deutschen Erinnerungskultur und ihrer Narrative

Vor dem Hintergrund der durch Bénédicte Savoy und Felwine Sarr inspirierten Debatte über Raubkunst in Museen rücken Fragen nach kolonialen Herrschaftspraktiken sowie politischen und ökonomischen Unrechtsverhältnissen verstärkt in den Fokus. Darin liegt eine Chance: Neben dem zentralen und unabschließbaren Gedenken an die Schoah ist jetzt ein Zeitfenster aufgestoßen worden, in dem die Aufarbeitung des Kolonialismus und seiner Folgen angegangen werden kann.

Dies bedeutet nicht nur eine Überprüfung der bisherigen Restitutionspraxis und Ausstattung der Provenienzforschung in Bund und Ländern. Dringend notwendig sind vielmehr eine grundlegende Erweiterung der deutschen Erinnerungskultur und ihrer Narrative sowie die Einbettung in den europäischen Kontext der Kolonialisierung.

Kaum Gehör für zivilgesellschaftliche Initiativen

Exemplarisch ist der offizielle Umgang mit dem (post-)kolonialen Erbe in Berlin, dem politischen Zentrum des deutschen Kolonialismus. Hier fand 1884/85 die Afrika-Konferenz statt, in deren Rahmen der afrikanische Kontinent willkürlich zwischen den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt wurde – mit destruktiven Folgen bis heute.

Bis auf eine Gedenktafel auf dem Garnisonsfriedhof vor einem Findling, der die deutsche Kolonialverbrechen beschönigen und heroisieren soll, finden sich jedoch keine Gedenkorte in der Bundeshauptstadt. Zivilgesellschaftliche Initiativen, die für ein öffentliches Denkmal für die Opfer von Kolonialismus und Versklavung eintreten, finden politisch bisher kaum Gehör.

Kurz vor seiner Eröffnung lancieren nun Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und eine Initiativgruppe, bestehend aus mehreren Wissenschaftler*innen, die Idee für einen „Gedenkort für die Opfer des deutschen Kolonialismus im Humboldt Forum“. Dieser Gedenkort soll als „Raum der Besinnung und Stille“ konzipiert werden und die Besucher*innen zur Reflexion anregen.

Das Humboldt Forum ist selbstverständlich in seinen konzeptionellen Entscheidungen autonom und braucht von der Politik keine kuratorischen Ratschläge. Verkannt wird jedoch, dass Form und Inhalt des Gedenkens so einseitig gesetzt werden. Als hätte es die Debatte um den kolonialen Kern und die Kritik am Humboldt Forum in den letzten Jahren nicht gegeben, übergehen Stiftung und Initiativgruppe die diasporischen Communitys sowie die große postmigrantische Szene der Republik.

Dialog wird zum Monolog

Der mit dem Bau des Humboldt Forums avisierte „Dialog der Kulturen“ wird so zu einem Monolog. Dieser Monolog jedoch wird der Komplexität einer Erweiterung der bundesrepublikanischen Erinnerungslandschaft um das Thema Kolonialismus nicht gerecht. Eine lebendige Erinnerungskultur lässt sich nicht top-down verordnen. Keine Frage: Die Debatte zum Umgang mit unserem (post-)kolonialen Erbe gehört überall hin, in die Zivilgesellschaft, die Bildung, die Künste, die Museen und eben auch ins Zentrum der Republik, ins Zentrum der deutschen Erinnerungs- und Gedenkpolitik.

Eine lebendige Erinnerungskultur lässt sich nicht top-down verordnen

Für diesen gesamtgesellschaftlichen Diskurs brauchen wir eine zentrale Stätte des Erinnerns und Lernens, um die Suche nach einem verantwortungsvollen Umgang mit diesem Erbe zu fördern. Entscheidende Werkzeuge dafür sind Demut und der Diskurs gemeinsam mit den Nachfahren der Kolonisierten und zivilgesellschaftlichen Initiativen über angemessene zentrale und dezentrale Formen des Erinnerns.

Eine zentrale Stätte des Erinnerns und Lernens als ein Element postkolonialer Erinnerungslandschaften kann die Thematik in ihren unterschiedlichen Facetten angemessen aufarbeiten und dieses Kapitel der deutschen Geschichte multi­perspektivisch betrachten. Ein solcher Ort in Berlin kann zum einen an die vertriebenen, unterworfenen und ermordeten Opfer der deutschen Kolonialherrschaft erinnern und ein beständiges Zeichen gegen Rassismus, Ausbeutung und Fremdherrschaft setzen.

Auskunft über den Status quo der Gesellschaft

Zum anderen könnte der Ort Möglichkeiten der kulturellen und politischen Bildung und Auseinandersetzung mit dieser Epoche deutscher Geschichte schaffen – in der Hoffnung, die Bitte um Versöhnung und die Entwicklung gemeinsamer Zukunftsper­spek­tiven zu unterstützen und somit eine gemeinsame Erinnerungskultur Deutschlands und der Nachfolgestaaten der damaligen Kolonien zu etablieren.

Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes und die proaktive Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialherrschaft können Auskunft geben über den Status quo der deutschen Gesellschaft und den Prozess der Globalisierung, zu dessen Geschichte der Kolonialismus gehört. Die Beschäftigung mit unserem (post-)kolonialen Erbe stellt die Frage nach fortbestehenden Machtverhältnissen. Aus ihr lassen sich nicht zuletzt Veränderungsimpulse für Gegenwart und Zukunft gewinnen.

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