berliner szenen

Sie lebte noch, am Niederrhein

Die Sprechstundenhilfe räusperte sich und rief den nächsten Patienten auf. Der Alleinstehende erhob sich und schlich in den Vorraum. Kaum war er weg, entspannten sich die anderen. Das Pärchen links atmete durch und wurde handgreiflich. Hände, die sich suchten, berührten, hielten.

Die Frau erinnerte mich an die Freundin des Cousins meiner Mutter, sie kamen zusammen, bevor er an der Nadel hing. Es wäre einfach für sie gewesen, ebenso an die Nadel zu geraten, aber sie zeigte Willen. Eine beachtliche Leistung. Schon Nichtraucher scheitern in ihren Beziehungen zu Rauchern, am Ende rauchen sie auch. Die Freundin des Cousins meiner Mutter war eine junge Frau, die viel lachte. Irgendwann hatte sie es geschafft, sich von ihm zu trennen. Sie lebte noch, irgendwo am Niederrhein. Der Cousin meiner Mutter lebte auch noch. Nach vielen Jahren auf Methadon.

Ein kräftiger, aber unsicher wirkender Mann erschien. Er nickte unmerklich in die Runde und setzte sich auf den frei gewordenen Platz, als ob ein Duftstoff ihn dorthin gelockt hätte. Er schien nervös und sah wie ein Fernfahrer aus, der sich unerlaubt von seinem Führerhaus entfernt hatte. Blonder Pferdeschwanz, dicke Armbanduhr, Backenbart, Cowboystiefel. Ein Cowboy der Autobahn. Er musterte sein Handy und wechselte dabei seine Mimik um 180 Grad; jetzt machte er einen ungläubigen Gesichtsausdruck, als ob er feststellen musste, dass vagabundierende Jugendliche sich an seinem Anhänger erleichtert hätten.

Ich legte mein Buch weg und griff zu den Zeitungen. Auf der Erotikseite der B. Z. stand, dass Klagen, Jammern, das Hervorheben von Schmerz im Kampf der Geschlechter klare Abtörner sind. Leid: leider nicht sexy. Selbstbewusstsein hingegen wirkte anziehend. Es war die alte Leier. René Hamann