heute in hannover

„Das Massen-Fleischsystem ist eine kriminelle Vereinigung“

Foto: privat

Friedrich Mülln, 39, ist Gründer des Tierschutzvereins SOKO Tierschutz und seit 26 Jahren Tierrechtsaktivist und deckte die Quälereien in Bad Iburg mit auf.

Interview Katharina Gebauer

taz: Was muss passieren, damit sich die Bedingungen auf Schlachthöfen verbessern?

Friedrich Mülln: Das Wichtigste wäre, dass die Menschen aufhören, Milch- und Fleischprodukte zu konsumieren. Wenn sich die Nachfrage nicht verändert, wird sich das System dahinter auch niemals ändern können. Es braucht ein hartes Durchgreifen der Behörden gegenüber dem Massen-Fleischsystem, das ist für uns eine kriminelle Vereinigung. Dagegen vorzugehen ist eigentlich Aufgabe des Staates und nicht von Aktivisten.

Was halten Sie von einer verpflichtenden Videoüberwachung in Schlachthöfen?

Es wird keine Verbesserung bringen, da es ein Täuschungsmanöver darstellt, das trügerische Sicherheit bringt. Unsere Recherchen in den letzten zwei Jahren haben belegt, dass es aktuell nichts bringt, denn einige der Schlachthöfe, deren Missstände wir aufgedeckt haben, wurden schon videoüberwacht, und das war alles für die Katz’.

Wäre eine Tiergesundheitsdatenbank effektiv?

Eine umfangreiche Tiergesundheitsdatenbank wäre sehr interessant, da man sehen könnte, wie viele Tiere in den Schlachtbetrieben verletzt werden und wie viele sterben. Die Einbeziehung der Tierkörperverwertungen wäre wichtig, damit man sieht, in welchem Zustand die Tiere ankommen. In einer solchen Form kann eine Datenbank die Schwächen des Systems aufzeigen. Allerdings benötigt dies auch eine Überwachung der Behörden – und da sehe ich schwarz.

Hat sich der politische Willen verändert, Missstände zu beheben?

Ich kann keine großen Veränderungen erkennen. Wir Tierschützer werden zwar nicht mehr völlig ignoriert oder verlacht. Es wird aber auf Symptombekämpfung gesetzt. Wenn wir mal wieder einen schlimmen Schlachthof gefunden haben, wird der schnell dicht gemacht. An das System heranzutreten, wagt jedoch keiner, allen voran Klöckner, Künast und Co., die als Lobbyistinnen für die Fleisch- und Milchindustrie agieren. Wenn der Staat und das System versagen, müssen die Konsumenten handeln. Ich lege jedem eine vegane Lebensweise nahe, denn das ist das Einzige, was dieser Industrie wirklich wehtut.

taz salon „Schöner töten?“ mit Amtstierärztin Christine Bothmann, Helmut Damman-Tamke (CDU), Miriam Staudte (Grüne) und Friedrich Mülln.19 Uhr, Kulturzen­trum Faust, Zur Bettfedernfabrik 3, Eintritt frei

Was können Amtstierärzte tun, um das Schlachten weniger qualvoll zu machen?

Die Amtstierärzte sind gefangen in einem Korsett aus Unfähigkeit und Überarbeitung. Zusätzliche Angst vor Repressionen aus dem eigenen System führt dazu, dass sie nichts tun und damit das Kontrollsystem lahmlegen.

Gibt es überhaupt eine gerechte Art, Tiere zu töten?

Nein.