Editorial von Patricia Hecht undDinah Riese

taz ohne Männer

Wenn die US-Richterin Ruth Bader Ginsburg gefragt wird, wann es genügend Frauen am neunköpfigen US-Supreme-Court geben werde, sagt sie: „Wenn es neun sind.“ Die Leute seien schockiert, erzählt sie gern. „Aber es gab dort auch neun Männer, und niemand hat das je infrage gestellt.“

Die diesjährige Ausgabe der taz zum Frauen*kampftag greift Ginsburgs Gedanken auf. Denn auch die deutschen Medien sind nach wie vor männlich dominiert. Im vergangenen Jahr war auch in der taz nur etwa ein Drittel der veröffentlichten Texte von Frauen*, in einzelnen Textgattungen wie Kommentaren war das Verhältnis noch extremer. Männer schrei­ben, Männer erklären, Männer sind die Protagonisten. Am 8. März 2019 ändern wir das.

In unserer heutigen Ausgabe schreiben nur Frauen* und nichtbinäre Menschen, und nur diese kommen in der Zeitung vor: auf Fotos oder namentlich als Expert*innen und Pro­tagonistinnen. Trotzdem ist es eine ganz normale Ausgabe, die sich mit dem Tagesgeschehen beschäftigt und nicht primär mit dem, was im Sprachgebrauch gern als „Frauenthemen“ bezeichnet wird, etwa dem Gender Pay Gap.

Mit diesem Ansatz sind wir nicht allein. Die Tate Gallery in London gibt sich ab April für ein Jahr eine Frauenquote von 100 Prozent und hängt in der Sammlung zeitgenössischer Kunst sämtliche Werke von Männern ab. Tate-Chefin Maria Balshaw hofft, dass den Besucher*innen die neue Hängung gar nicht auffällt – Künstlerinnen seien zentraler Teil der neueren Kunstgeschichte. Und #DieKanon ist ein rein weiblicher Bildungskanon unter anderem von der Autorin Sibylle Berg. Auch die Schauspieldirektorin des Badischen Staatstheaters, Anna Bergmann, will in ihrer ersten Spielzeit nur Regisseurinnen beschäftigen.

Ist das nun alles Symbolpolitik, Radikalität um ihrer selbst willen? Nein. Denn Repräsentation wirkt sich unmittelbar auf Inhalte aus. Cis und trans* Frauen sowie nichtbinäre Menschen kommen in Medien deutlich seltener vor, als es ihrem Anteil an der Gesellschaft entspricht. Doch Menschen betrachten, erklären und bewerten Ereignisse je nach eigener Erfahrung anders. Strukturell unterrepräsentierten Gruppen die ihnen zustehende Sichtbarkeit zu geben hat auch Vorbildfunktion: Bislang männlich dominierte Berufe und Räume sind für alle da.

Wie viele Ausgaben von Zeitungen gab und gibt es, in denen wir überhaupt nicht wahrnehmen, dass sie von Männern mit Männern über Männer gemacht wurden? Wie oft wurde das damit begründet, es gebe zu wenig Ansprechpartnerinnen? Es gibt ganze Listen und Websites als Hilfestellung, darunter die Speakerinnen und den Vielfaltfinder. Wir müssen sie bloß nutzen – nicht nur heute.

Auf Dauer, das vielleicht noch, wollen wir gar nicht ohne Männer. Wir wollen, dass sie unsere Verbündeten sind, dass sie über Feminismus schreiben, dass sie mitdenken, was es bedeutet, in einer patriarchalen Welt zu leben. Ab morgen dürfen sie auch wieder Zeitung machen. Heute machen wir sie.