Die Revolution hat noch zu tun

Projektionsfläche für linke europäische Sehnsüchte: Mit „Granma“ berichten im Gorki die Enkel der Revolutionäre, dass auch in Kuba nicht alles geklappt hat

Kuba­geschichten mit Posaune und Archiv­material: ­Milagro Álvarez Leliebre in „Granma“ Foto: Ute Langkafel

Von René Hamann

Eine Zeitung, die Oma heißt. Wer sich mit der kubanischen Revolution nicht so auskennt, wird das sicher ganz lustig finden: dass die übrigens einzige Tageszeitung der karibischen Insel Granma heißt, also eben: Oma. Die anderen, die Wissenden, werden müde abwinken – Granma heißt so, weil das berühmte Schiff, auf denen die Revolutionäre 1956 von Mexiko aus zu der Insel übersetzten, auf diesen Namen getauft war.

Das Schiff, die Oma der Revolution sozusagen, steht heute im Museum der Revolution in Havanna, und ein Enkel einer der Revolutionäre dieser berühmten Überfahrt steht am Donnerstagabend in Berlin auf der Bühne.

Sein Name ist Daniel Cruces-Pérez; er ist einer von vieren, die hier im Maxim Gorki Thea­ter von Kuba erzählen, von ihren Großeltern und deren Geschichte, die eng bis sehr eng mit der Geschichte Kubas, mit der Revolution, die an Neujahr ihren 60. Geburtstag feierte, verbunden ist.

Die anderen drei heißen Milagro („das Wunder“) Álvarez Leliebre, Christian Paneque Moreda und Diana Sainz Mena. Zwei Frauen, zwei Männer – bewehrt sind sie mit Posaunen und jeder Menge Infos und Archivmaterial. Konzipiert wurde das Stück „Granma – Posaunen aus Havanna“ als „eine dokumentarische Zeitreise“ von Rimini Protokoll, Konzeption und Regie unterlagen Stefan Kaegi.

Es war ein kurzweiliger, irgendwie rührender Theaterabend, der sehr unter dem Zeichen Doku stand, eher weniger unter dem Zeichen Theater, trotz aller technischen Tricks, einstudierter Passagen und musikalischer Einlagen.

Die Protagonistinnen und Protagonisten schafften es rasch, das Publikum (der Saal im Gorki war übrigens nicht im Entferntesten ausverkauft) auf ihre Seite zu ziehen – das war alles grundsympathisch, ob man nun linkssozialisierte Ahnung von Kuba hatte oder nicht. Andererseits ist diese Form von Dokumentationstheater nie weit von einem besseren Diavortrag oder, wir sind ja doch schon im 21. Jahrhundert, vom Science-Slam mit Power-Präsentation und lebenden Figuren entfernt.

Außerdem stellt Kuba tatsächlich eine Projektionsfläche für linke europäische Sehnsüchte dar. Die Performance auf der Bühne wurde so immer dann schwierig, wenn das Pu­bli­kum eingebunden werden sollte (ein Baseballschlag bringt das Böse dieser Welt eben nicht zum Verschwinden) oder auf andere Weise direkt angesprochen wurde.

Die Klischees über Kuba, von denen es ja zahlreiche gibt, laufen da immer gleich mit – ihnen gänzlich auszuweichen fiel schwer, sowohl denen im Saal wie denen auf der Bühne. Sei es, dass die kubanische Revolution als die sympathische Version des Sozialismus gilt (im Gegensatz zur paranoid-stalinistischen des Warschauer Pakts); sei es, dass die Insel vor der Küste Floridas als das gallische Dorf im Kampf gegen das böse Amerika behauptet wird; sei es, dass die Revolutionäre von damals – ausnahmslos Männer – Sexsymbole waren. Und dann all die schönen Autos, die schönen Häuser und Farben aus den Fünfzigern! Kuba, ein Fest der Revolutionsromantik.

Den vieren auf der Bühne gelingt es in den besten Momenten dieses Abends, von den Widersprüchen und den Rändern der Geschichte zu erzählen: von den Lügen und der Korruption, von den fremdgehenden Männern und den zu Hause bleibenden Frauen; von den Kriegen, die Kuba mit und wegen seiner Verbündeten in Angola führen musste; von General Ochoa, der später wegen Korruption und Drogenhandel hingerichtet wurde; und sogar von Syrien, auf dessen Seite Kuba gegen Israel in den Krieg zog (Jom-Kippur-Krieg, Oktober 1973). Und schließlich vom immer schwelenden, real existierenden Rassismus: Die Revolution ist noch lange nicht vorbei, die Revolution hat im Gegenteil noch sehr viel zu tun.

Interessant ist auch der Generationskonflikt, der hier eine Generation überspringt. Die Großmütter und Großväter stellten, so scheint es, viel weniger infrage als die skeptischen, ihnen dennoch gewogenen Enkelinnen und Enkel. Der Staub der Geschichte jedoch sitzt immer noch tief auf dem inneren und äußeren Mobiliar, auch wenn der Kalte Krieg schon lange vorbei ist. Denn auch der kubanische Sozialismus befindet sich im Wandel; wie viel von ihm nach der Öffnung zum Westen hin überhaupt noch übrig bleibt, werden die vier auf der Bühne dereinst wohl mit ihren Enkeln klären müssen.

Granma – Posaunen aus Havanna: Gorki, Samstag, 17 und 21 Uhr. Dann erst wieder in der nächsten Spielzeit ab 12. Oktober