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Mit Greta, aber radikaler

Auch in Berlin schließen sich Hunderte der „Extinction Rebellion“ an. Mit Blockaden kämpfen sie für mehr Klimaschutz – und wollen dauerhaft Widerstand leisten, wenn nötig. Allein auf die Politik zu hoffen reicht ihnen nicht aus

Blockade auf der Oberbaumbrücke in Berlin Foto: Christian Mang

Aus Berlin Andrew Müller

Montag, fünf nach zwölf: Ein schwarzer Sarg wird auf eine improvisierte Bühne vor dem Bundestag getragen. Die Träger*innen singen „Sag mir, wo die Wälder sind, was ist geschehen? Wann wird man je verstehen?“ Es herrscht eine andächtige, fast gespenstische Stille.

Inzwischen haben sich gut 300 Leute versammelt. Schließlich tritt Hannah Elshorst ans Mikrofon und verkündet die „Extinction Rebellion“. Die Menge jubelt, schwenkt Banner, auf denen „Aufstand oder Aussterben“ steht, und hält Schilder mit einem an eine Sanduhr erinnerndes Symbol in die Höhe. Das Logo wirkt etwas „old school, irgendwie 80er Jahre anarchomäßig“, wie Tadzio Müller es ausdrückt. In Deutschland gibt es die Bewegung seit wenigen Monaten, sie ist dezentral und vor allem online entstanden: Im Internet haben sich die Anhänger*innen vernetzt, nun gehen sie gemeinsam auf die Straße.

In der Menge stehen auch Robbie Morrison, Antoine Pothon und Pia Wagner. Sie sind in verschiedenen der rund 30 deutschen Ortsgruppen aktiv und kannten sich bisher nur online. Sie tauschten sich in Chats über ihre Sorge um das Klima und die Zukunft des Planeten aus. Nun klatschen sie sich gemeinsam warm für die anstehenden Aktionen des Tages.

„‚Extinction Rebellion‘ ist besonders, weil es eine sehr offene Bewegung ist, jeder ist hier willkommen“, sagt Wagner. Junge Menschen sind dabei, aber auch viele ältere. „Viele waren vorher noch nicht politisiert“, sagt Friederike Schmitz von der Berliner Ortsgruppe von „Extinction Rebellion“. Sie hat zum ersten Mal einen politischen Protest mitorganisiert: „Zwar stützen wir uns ganz explizit auf harte wissenschaftliche Erkenntnisse, wollen aber auch Gefühle zulassen und Raum für Persönliches geben.“ Das sei ein wichtiger Aspekt, der viele Leute anspreche – sie merken, dass sie mit ihrer Hilflosigkeit nicht allein sind. Eines der zehn Prinzipien, denen sich die „Extinction Rebellion“ verschrieben hat, ist die sogenannte regenerative Kultur: nicht nur über Organisatorisches reden, sondern aufeinander achtgeben. Man will gewaltfrei und demokratisch vorgehen, niemand muss bei den Aktionen ein Risiko eingehen. Dass ziviler Ungehorsam nicht nur in Ordnung, sondern gar nötig ist, bezweifelt aber niemand. Viele der Aktivist*innen haben vor der ökologischen Krise mehr Angst als vor staatlichen Repressionen – sie gehen notfalls auch ins Gefängnis für ihre Blockaden.

Die Bewegung hat drei Forderungen: politische Transparenz über die „tödliche Bedrohung durch die ökologische Krise“, eine Senkung des Ausstoßes der Treibhausgase auf null bis 2025 und die Einrichtung eines Bürger*innenrates zur unabhängigen Kontrolle entsprechender umweltschützender staatlicher Handlungen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen und das Massenaussterben zu beenden.

Dass man sich um 5 nach 12 getroffen hat, ist hoch symbolisch. „Ein ökologischer Kollaps liegt außerhalb unserer Vorstellungskraft, dabei hat die Ka­ta­strophe längst begonnen!“, schallt es von der Bühne. Aber trotz schwarzer Särge geht es nicht ums Aufgeben – im Gegenteil. Die Rebellierenden wollen die Situation so darstellen, wie sie ist, betonen sie. Hannah Elshorst beendet ihre Rede mit einem Mut machenden Zitat von Greta Thunberg: „Sobald wir aktiv werden, wird sich Hoffnung überall verbreiten.“ Das Beharren auf unaufschiebbare Dringlichkeit sei keine Schwarzmalerei, sondern notwendige Rationalität, betont auch Annemarie Botzki, eine der Hauptorganisatorinnen: „Wir handeln im Namen des Lebens.“ „Es geht uns nicht darum, realpolitisch machbare Ziele zu formulieren, sondern zu sagen, was wir brauchen“, sagt sie. „Und das ist eine tiefe Umstrukturierung nicht nur des Energiesektors, sondern auch von Bereichen wie Mode, Konsum, Landwirtschaft – letztlich der ganzen Gesellschaft, des ganzen Systems.“

In ihrer Organisationsform ähnelt „Extinction Rebellion“ Umweltprotesten wie „Ende Gelände“ und den „Fridays for Future“ – und unterstützt diese. Pia Wagner schließt sich nach der Kundgebung einer Demo an, die zur Jannowitzbrücke zieht. Von dort aus wird es an strategische Orte in der Stadt gehen, vor allem Brücken, um den Verkehr lahmzulegen. „Anders als bei großen Umweltorganisationen können wir unsere Energie hier direkt in die Aktionen stecken“, sagt Wagner. Über 300 Leute haben am Montagabend dann tatsächlich die Oberbaumbrücke, eine wichtige Verkehrsstraße in Berlin, besetzt.

Mitarbeit: Malte Kreutzfeldt