Kunsttips der Woche: Gegen das Grau

John McAllsiter visualisiert Täler, Klára Hosnedlová das Jeschkengebirge. Esteban Jefferson zeichnet Spuren des Kolonialismus im Museum Petit Palais.

Ein Ölgemälde des Künsters John McAllister, das in bunten Farben einen See und Bäume zeigt

John McAllister, „much adrift seemed serenest sea“, 2020, 183 x 427 cm, Öl auf Leinwand Foto: Matthias Kolb; Courtesy the artist and Wentrup, Berlin

Was für eine hervorragende Idee der Galerie Wentrup ist es, die leuchtend bunte Malerei von John McAllister im grauen November zu zeigen. Dieses Orange, dieses Pink, dieses Violett, dieses Gelb! Tatsächlich ziehen die leuchtend bunten Arbeiten, die schon durch die Fensterscheiben zu sehen sind, die Passant*innen auf der Knesebeckstraße geradezu magisch in die Galerie. Beeinflusst sind diese von kalifornischer Vegetation, japanischen Drucken, zweifellos aber auch von französischen Meisterwerken des Pointilismus, Fauvismus und vor allem Impressionismus.

Anders aber als etwa bei Claude Monet gibt es für McAllisters paradiesische Wälder, Seen und Täler keine direkten Vorbilder in der Natur, ihm geht es nicht um das Einfangen eines realen Moments in der Betrachtung von Landschaft, sondern eher um die Visualisierung eines Gefühls von Landschaft und zwar eines ziemlich intensiven, enthusiastischen.

Klára Hosnedlová, deren erste Einzelausstellung bei Kraupa Tuskany Zeidler momentan läuft, ist mir im vergangenen Jahr auf der Basler Kunstmesse Liste schon aufgefallen. Allein schon aufgrund der ungewöhnlichen Technik, mit der sie arbeitet. Hosnedlová stickt nämlich elegant komponierte fotografische Motive nach. Von Hand.

Wentrup, Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 5. Dezember, Knesebeckstr. 95.

Kraupa Tuskany Zeidler, Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 16. Januar 2021, Kohlfurter Str. 41/43.

Tanya Leighton, Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 18. Dezember, Kurfürstenstr. 156

Formal ist das fantastisch, wunderschön und konzeptuell, also als Zugang zur Fotografie, ziemlich interessant: Dem schnellen Klick auf den Auslöser, der unbegrenzten Reproduzierbarkeit der digitalen Fotografie, setzt sie den langsamen Prozess der Bildwerdung mittels Nadel und Faden und die Einmaligkeit der textilen Handarbeit entgegen.

„Nest“ heißt die Schau, die in der Kreuzberger Galerie zu sehen ist, in der die Stickbilder Erweiterung in Wandobjekten und Skulpturen finden. Ausgangspunkt ist wie schon in früheren Projekten der Künstlerin ein Beispiel moderner Architektur. Beschäftigt hat sich die Künstlerin mit dem Fernsehturm Ještěd, der zwischen 1963 und 1973 auf den Gipfel des gleichnamigen Berges im tschechischen Jeschkengebirge gebaut wurde. Was Hosnedlová nachzuspüren versucht, sind die Ideen von Fortschritt, Technologie und Sicherheit, wie sie in dem Bau eingeschrieben sind.

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Koloniale Spuren im Museum

Ebenfalls die erste Einzelausstellung in der Galerie ist es im Falle von Esteban Jefferson, der gerade bei Tanya Leighton ausstellt und auch bei ihm steht die (Innen-) Architektur eines bestimmten Gebäudes im Fokus. Es handelt sich um das Museum Petit Palais in Paris. Genauer gesagt beschäftigt er sich mit den Büsten eines Afrikaners und einer Afrikanerin, wie sie dort in der Rotonde beim Ticketschalter ihr Dasein fristen – ohne als Kunstwerke ausgezeichnet zu werden, ohne dass die Abgebildeten benannt würden. Auf Jeffersons Gemälden treten die Büsten als kolonialistisch Hinterlassenschaften vergangener Epochen fotorealistisch hervor, während die geschäftige Umgebung drum herum als Zeichnung verblasst.

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Redakteurin für Berlin Kultur, freie Kulturjournalistin und Autorin. Für die taz schreibt sie vor allem über zeitgenössische Kunst, Musik und Mode. Für den taz Plan beobachtet sie als Kunstkolumnistin das Geschehen in den Berliner Galerien und Projekträumen.

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