Ungemütlicher Tag

VON JAN FEDDERSEN

Das erste Wort, das ein Kind zu sprechen sucht, ist eine Bündelung von Klagen. Die doppelte Lautbildung einer einzigen Silbe, die Unbehagen artikuliert, verknüpft sich nach einigen Monaten zu einem Begriff: Mama. So sagt es der amerikanische Kinderforscher Thomas Berry Brazelton. Spricht ein Säugling das Wort aus, ist es für seine Mutter das Signal, sie und keine andere werde als Beschützende wiedererkannt. Als jene Person, die – erfahrungsgemäß – den Grund der Klage behebt.

Mama – das ist sprachlich der erste Ausdruck, dass die Wochen und Monate nach der Stunde null einer Geburt gelungen scheinen. Brazelton glaubt nach jahrzehntelangen Beobachtungen, Mama sei ein vom Kind geübter, aber spontaner Laut.

Das sei doch ganz natürlich? So sei es üblich? In Deutschland ist die Titulierung der Mutter als Mama erst seit 1945 wieder erwünscht – die Naziideologie selbst hielt, darauf weist die Frankfurter Soziologin Sigrid Chamberlain hin, diese Namen für unschicklich, ja aus der Perspektive des Dritten Reichs unzeitgemäß: Manche Kinder, die unter dem NS-Regime geboren wurden, so Chamberlain, „wünschten sich sogar, Mama oder wenigstens Mutti sagen zu dürfen. Das wurde ihnen aber verboten. Mutter müsse es heißen, alles andere sei zu sentimental, weichlich, affig und außerdem nicht deutsch genug.“

Chamberlain hat über den Mutterkult eine erhellende Arbeit geschrieben. „Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ (Edition Psychosozial, Gießen 2003) heißt sie, die hauptsächlich eine Analyse zweier NS-Erziehungsbücher ist. Ihre Arbeit ist insofern besonders verdienstvoll, als sie das Bild der Frau unter und im Nationalsozialismus nicht eingeengt verstanden wissen will als Führergläubige, BDM-Mädel oder Kriegerwitwe, die ihre bis dahin gültigen Lebensromane notgedrungen mit dem 8. Mai 1945 beenden mussten. Der Blick der Autorin eröffnet vor allem eine Perspektive auf das, was heute – beispielsweise neulich in einem Journal der Zeit – so lapidar wie falsch als Stunde null gilt, vor allem aber auf die Jahre danach.

Denn von Kindererziehung, der Art und Weise, wie man sich ein Leben mit einem Kind vorstellt, wie man es hütet und ins Leben bringt, ist in den Debatten angelegentlich des sechzigsten Jahrestages der Niederlage Nazideutschlands nicht die Rede. Wobei gerade doch ein Blick auf das Familiäre einen knappen Satz des Kasseler Psychoanalytikers Hartmut Radebold erst gründlich begreifbar macht: „Mit dem Ende des Krieges war der Krieg nicht zu Ende.“

Radebold, einer der Protagonisten und Interpret jener Menschen, die Anfang April in Frankfurt am Main zu einem „Kriegskinderkongress“ zusammenkamen, hat in seinem Buch „Die dunklen Schatten der Vergangenheit“ (Klett-Cotta, Stuttgart 2005) neuerlich darauf aufmerksam gemacht, dass das Ende des Zweiten Weltkriegs für die Überlebenden nur – und immerhin, möchte man zugleich gegen ihn einwenden – ein Weiterleben möglich machte: Die Moral des Nationalsozialismus behielt jedoch Geltung.

Und dies gilt – Chamberlains materialreiche Studie belegt dies deprimierend mächtig – ganz besonders für die Erziehung, für den Umgang mit den eigenen Kindern. Die Nationalsozialisten haben keineswegs den Muttertag, meist der zweite Sonntag im Mai, erfunden, ihn aber für ihre Zwecke adaptiert. Überliefert ist, dass für reichliche Kinderproduktion Mutterkreuze verliehen wurden, als Stimulans, weiter zu gebären. Notiert ist auch, dass „Mein Kampf“ programmatisch alles barg, was mörderische Realität wurde. Und sichtbar war, glaubhaft wie zuletzt im Film „Der Untergang“, wie Magda Goebbels ihre Kinder mit Gift ermordete.

Die Frau des Reichspropagandaministers schien freilich ein wenig wie ein Alien zu wirken: Eine Frau, die Kinder zur Welt gebracht hat – wie kann sie die nur kalt und kalkuliert umbringen? Chamberlains Arbeit macht erklärbar, dass Magda Goebbels kein besonders gefühlloses Wesen war – sie handelte tatsächlich so, wie sich Menschen in Deutschland das Leben ohne den Nationalsozialismus vorstellten: leblos. Ausgegraben hat Sigrid Chamberlain die Schriften Johanna Haarers, einer 1900 geborenen, verheirateten Mutter von fünf Kindern, die 1934 einen Ratgeber veröffentlichte. Titel: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ – kein Zufall, dass von Vätern, anteilnehmenden, fühlenden, hegenden, nie die Rede ist beziehungsweise sein soll.

Das Buch war erfolgreich; bis Kriegsende wurde es in einer Auflage von 690.000 Exemplaren gedruckt. In ihm finden sich eine Fülle von Hinweisen, wie man mit dem Neugeborenen umzugehen habe. Es ist eine, gemessen an dem, was man heutzutage über Kinder, Frauen und Männer weiß, fast obszöne Ratgeberliteratur – eine mit dem Gestus des Vernünftigen, Modernen formulierte Anleitung zur Kaltherzigkeit und zur Beziehungsarmut.

Ein Horrorstück aus dem Giftschrank deutscher Kinderpädagogik? Delikat nur, dass sich in allen Ratschlägen – jedenfalls für alle, die in den Fünfzigern und Sechzigern Kind waren – auch die Nachkriegszeit spiegelt. Kinder sollen nicht verwöhnt werden; sie sollen schreien, das kräftige ihre Lungen; sie mögen die ersten 24 Stunden abseits der Mutter aufbewahrt werden; in der Frage des Stillens blieb Haarer ambivalent – allzu starke Nähe zur nährenden Brust galt als verweichlichend, zu krasse Ferne als gesundheitsbedenklich; stetes Streicheln, Sprechen mit dem Säugling, Kontaktaufnahme, überhaupt Hautberührung waren unerwünscht; im Hinblick auf die Körperlichkeit der Kinder sollten sie so rasch wie möglich zur Sauberkeit angehalten werden – mit dem Essen zu spielen musste dringend, darauf legte Haarer Wert, abgewöhnt werden, nötigenfalls, indem die Ärmchen in eine Art Zwinggriff genommen werden; die beliebte Kindererklärerin der Nationalsozialisten legte auch nahe, dass Kinder schlecht riechen könnten – Chamberlain spekuliert fein mit der Idee, dass Johanna Haarer wohl selbst ein Problem mit dem Geruch ihrer Kinder gehabt haben könnte. An Kindern zu schnuppern, sich unbewusst so auch ihrer selbst als wohlriechend zu vergewissern, kam Haarer selbstverständlich nicht in den Sinn. Ihr stand nur danach, dem Regime zu Diensten zu sein, und das funktionierte nach der „Verhaltenslehre der Kälte“ (so ist sprechend die Arbeit des Soziologen Helmut Lethen zum Thema betitelt, erschienen 1994 bei Suhrkamp). Ein Modus, der sich bereits in der Weimarer Republik in konservativen und völkischen Milieus herauskristallisierte. Der Mensch als hilflos seinen Begierden und Lüsten ausgeliefertes Wesen, das nur mit Drill und dem Credo von Sachlichkeit überleben kann. Mit Kindern, so Haarer, müsse vernünftig geredet werden – bloß nicht in deren Sprache, in Lautmalereien.

Und wer erinnert ihn nicht, den Dialog aus den Fünfzigern: „ ‚Warum soll ich das tun?‘ – ‚Damit du gehorchen lernst.‘ “ Gehorchen ohne Widerspruch – das hat noch lange die Nachkriegszeit in Erziehungsvorstellungen überlebt und tut es häufig noch. Die Kinder gerieten, das war das Resultat, zu Menschen, die man selten lobte. Und das Lob sollte lauten: artig, tapfer, reinlich, brav.

Irre nur, dass die meisten Frauen, Mütter, in Deutschland brav die Haarer’schen Vorschläge angenommen haben: Es waren wirklich Frauen, die sich Mutter nennen ließen und eine Mama nicht sein wollten. Frauen, die ihre Kinder schlugen, zunächst mit einem Klaps, wie Haarer empfahl, später gern mit den Worten: „Na, lass mal deinen Vater nach Hause kommen.“ Der Nachhall war noch Ende der Neunziger zu spüren, als ein Verbot der Züchtigung von Kindern Gesetz werden sollte: Es war keine selbstverständliche Idee. Wie viele Erwachsene auch der Kriegskindergeneration – geboren zwischen 1933 und 1945 – hört man sagen: „Die Tracht Prügel hat mir nicht geschadet!“

Kinder unter dem Nationalsozialismus waren Zuchtobjekte, zu bändigende, viel zu anspruchsvolle Monster … Ein Wissen, das sich lange hielt – sonst wäre die Wut Anfang der Siebziger kaum verständlich, als unter Jugendlichen die Bücher Alexander S. Neills („Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“, Rowohlt 1969) populär wurden. Dieser Hass auf eine Erziehung, die kein Drill war, sondern sogar erlaubte, dass Kinder, ohne sich vor dem Essen die Hände zu waschen, am Tisch sitzen und nicht auf der Eltern Worterteilung warten müssen: Er ist fast verschwunden.

Der Muttertag des Nationalsozialismus war eine Veranstaltung der Dankbarkeit dieser Leistung gegenüber: die eigenen Kinder zu unnahbaren, funktionstüchtigen Figuren eines sachlichen Systems gemacht zu haben. Kinder waren der Dank an den Führer, Kader einer neuen Zeit. Der 1940 geborene Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann schrieb in „Rom, Blicke“: „Das ist unsere Generation, eine Gerümpel-Generation, hastig und mit Angst vor dem Krieg zusammengefickt – ein verworrenes Motiv: ehe der Mann in den Krieg zieht, macht er der Frau noch ein Kind – ‚ich bin nur da, weil es einen Krieg gab‘ – und was ist dann Kindheit und Jugend? Nichts als eine einzige Entschuldigung, dass man überhaupt da ist, ‚entschuldigen Sie, dass ich geboren bin‘.“

Die Frauen der Nachkriegszeit – das waren auch die Trümmerfrauen, das waren auch jene Mütter, die endlich nur deshalb ein Kind bekommen konnten, weil sie Lust auf ein neues Leben hatten, nicht eines für den Führer. Es waren die Jahre des Wiederaufbaus – und man wollte keine Zeit für pädagogische Vorstellungen, die mit jenen der Johanna Haarer brechen. Und doch haben auch Nachkriegseltern oft versucht, ihre Sache besser zu machen. Der mütterliche Verzicht der Kinder wegen, ihre Rede von „Wenn du man hast“, wenn sie ihre Kinder also direkt verpflichten, weil man ja zurückgetreten ist: Auch das ist Teil jedes Muttertags. Ein Akt der Dankbarkeit, die einzufordern möglicherweise in der Idee der Mutter (und der des Vaterseins?) eingewoben ist.

Muttertag, einerlei ob mit oder ohne Blumen – das ist in Deutschland ein ungemütlicher Tag, zumal so viele von den Kindern, die im Sinne Johanna Haarers noch betreut worden sind, leben. Die Stunde null nach dem Zweiten Weltkrieg hat es jedenfalls, familiär gesehen, was den Blick auf Kinder angeht, nur zu selten gegeben. Das Leben ging weiter und wurde erst allmählich auch familienfriedlicher. Gewalt als Erziehungsmittel ist verpönt und dokumentiert nur Hilflosigkeit, jede und jeder weiß das. Der Muttertag ist nach wie vor, Umfragen zeigen dies, populär. In Schulen wird gebastelt, das floristische Gewerbe profitiert.

Kommenden Mittwoch, nach den Gedenkfeiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs, geht es geschichtspolitisch um Anderes. Um den Nachkrieg, um das Prekäre einer liberal gewordenen Bundesrepublik – und wie das gelingen konnte. Der Mutterkult müsste ebenfalls begriffen werden. Der in Wirklichkeit ein kindermissbrauchender Kult war – und der mit der Idee von dem, was Säuglinge in dem Wort Mama bündeln, nichts zu tun hat.

Dankbarkeit Müttern gegenüber? Müsste kein bleiernes Gewicht haben: Es genügte herauszufinden, was Frauen, die auf die Anrede Mutter bestanden, sich selbst, ihren Männern und – ihren Kindern angetan haben. Dann wird klarer, ob die Frauen der Fünfziger kalte Figuren waren – oder nur, unerkannt, an Depressionen litten: eines falschen Lebens im Falschen wegen.

JAN FEDDERSEN, 47, ist taz.mag-Redakteur