Ein Bett für zwei Wochen

Martina B. hat Probleme, die ihr über den Kopf zu wachsen drohen. Eins davon: eine Unterkunft zu finden. Martina B. ist ALG-I-Bezieherin, vorbestraft und sie wird substituiert. Geld ist nicht Martina B.s größtes Problem. Szenen aus einer Frauenberatungsstelle

Der Ort: Ein schmuckloser Zweckbau an sechs Spuren Straße – erste Anlaufstelle für Frauen, die in Stuttgart ihre Wohnung verloren haben.

Die Personen: Martina B.*, 46, auf der Suche nach einem Schlafplatz; Iris Brüning, 39, Sozialarbeiterin.

Im Treppenhaus und in den Fluren liegt graues Linoleum auf dem Boden. Die Wände sind kahl, auf den Fensterbänken hocken Topfpflanzen. Iris Brüning kommt ins Sekretariat, sie trägt Jeans und rote Turnschuhe. Sie ist groß und schlank. Sie greift nach der Thermoskanne, nach der Tasse, schenkt Kaffee ein und stellt sich suchend vor den Aktenschrank mit den Hängeordnern. Trotz ihrer Größe muss sie sich strecken, damit sie den Ordner ganz oben in der ersten Reihe herausziehen kann. 390 Hängeordner: 390 Frauen, die pro Jahr in die Zentrale Frauenberatung kommen, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen können und ihre Wohnung verloren haben, weil sie sich von ihrem Mann getrennt haben oder vor ihm geflüchtet sind, weil sie arbeitslos oder überschuldet sind. Neben Iris Brüning gibt es weitere drei Sozialarbeiterinnen und zwei Pädagoginnen, die Unterkünfte vermitteln und Hilfe suchende Frauen an psychologische Beratungsstellen, Suchtpraxen und Sozialdienste vermitteln. Gibt es keine passenden Angebote, sind Iris Brüning und ihre Kolleginnen oft für viele Monate, manchmal für Jahre, die einzigen Bezugspersonen.

Iris Brüning greift nach dem Ordner von Martina B. Sie hat noch nie mit ihr gesprochen. Sie liest in der Akte. Eine Kollegin hat notiert, dass Martina B. in der vergangenen Woche zum ersten Mal da war. Sie hat eine Haftstrafe verbüßt, ist drogenabhängig und wird substituiert. Sie wartet auf einen Platz in einer betreuten Wohngemeinschaft für drogenabhängige Frauen. Mit dem Ordner geht Iris Brüning in ihr Büro. Wieder Topfpflanzen auf der Fensterbank, an den Wänden Plakate von Ausstellungen der Kunsthalle Tübingen: Feininger, Wölfi, Kandinsky. An der Pinnwand Flyer von Hilfseinrichtungen.

Martina B. betritt den Raum, ihr Gesicht und ihre Augen sind rot, als komme sie gerade aus dem Schwimmbad. Sie hat frisch gewaschene, blond gefärbte Haare, trägt eine Brille, Jeans und Sweatshirt wie gebügelt.

Iris Brüning: Hallo. Setzen Sie sich doch (eine warme, selbstbewusste Stimme, die einer Frau gehört, die sicher ist, dass sie helfen kann).

Martina B.: Hallo (die Stimme kratzt ein wenig).

Iris Brüning: Wenn ich das richtig verstehe, haben Sie vorübergehend bei Bekannten gewohnt …

Martina B.: Nein, ich habe bei einem Exlebensgefährten von mir gewohnt. Das ging auch gut, bis ihm die Zuschüsse verweigert wurden. Die unterstellen, dass eine eheähnliche Beziehung besteht. Das zwingt ihn zu sagen: Martina, du musst gehen.

Iris Brüning: Und Sie würden gerne in ein betreutes Wohnprojekt für Frauen?

Martina B.: Wenn die Möglichkeit besteht. Wäre besser als eine gemischte Unterkunft für Männer und Frauen.

Iris Brüning: Aber das muss erst einmal genehmigt werden. Das heißt, Sie brauchen eine Übergangslösung, bis das durch ist (überlegt). Es sei denn, die machen das dort als Notübernachtung. Ich muss mal sehen, ob ich in dem Wohnprojekt jemanden erreiche (nimmt den Telefonhörer und wählt). Ja, Brüning von der Frauenberatung, hallo. Ich rufe an wegen Martina B. Wie aktuell ist das mit den Zimmern bei euch, geht das auch als Notübernachtung? Aha, mhm (sie hört zu, nickt). Aha, das heißt also im Moment: nichts. (Martina B. schluckt.) Wir melden uns wieder (legt auf). Also irgendwie sind zwar zwei Zimmer gerade zu besetzen, aber da sind schon Leute, die sich vor Ihnen gemeldet haben. Waren Sie schon mal in der Frauenpension?

Martina B.: Die im Veilbrunnenweg? Nee, aber ich kenne sie.

Iris Brüning: Dann wäre das eine Möglichkeit oder die gemischte Unterkunft. Gut (wählt die Nummer der sozialen Fachstelle, bei der alle Pensions- und Zimmerangebote für Wohnungslose eingehen). Hmm, bei denen geht niemand ran, mal kurz warten. Wovon leben Sie im Moment?

Martina B.: Ich bekomme Arbeitslosengeld I. 570 Euro.

Iris Brüning: Das heißt, Sie sind Selbstzahlerin. Je nachdem, wie hoch die Unterkunftskosten sind, können Sie eine Aufstockung beantragen.

Martina B.: Ja, das wollten wir ja alles vermeiden, dadurch, dass wir da zusammen gewohnt haben. Wir hatten auch vor, was Größeres zusammen zu nehmen und dann … Ich habe ihm ja die Hälfte der Miete und Nebenkosten gezahlt, das war ja nicht das Problem, aber ich zahl ja nicht seinen Lebensunterhalt, bloß weil er mir die Möglichkeit gibt, bei ihm zu wohnen. Ich mein, das ist ein Witz! Jetzt zahlen sie seine komplette Miete, seinen kompletten Lebensunterhalt, und bei mir müssen sie dann vielleicht auch noch zahlen. Tschuldigung, aber ich frage mich … (schüttelt verständnislos den Kopf, hat jetzt auch rote Flecken am Hals)

Iris Brüning: Ja, das ist manchmal nicht ganz einsichtig. Haben Sie denn Mehrbedarf?

Martina B.: Ja, ich habe Hepatitis, chronische Hepatitis C.

Iris Brüning: Wie hoch ist denn bei Ihnen der Mehrbedarf, wissen Sie das?

Martina B.: Zwischen 50 und 70 Euro, weil ich bestimmte Ernährung brauche wegen meiner Leber.

Iris Brüning: Also, dann haben Sie zwischen 250 und 320 zum Leben.

Martina B.: Ja, und dreihundert hätte ich dann übrig für Miete.

Iris Brüning: Das müssten Sie dann wahrscheinlich alles für eine Unterkunft aufwenden. Also, wenn ich in der Fachstelle jetzt nicht gleich jemanden erreiche, rufe ich in der Frauenpension und der gemischten Unterkunft direkt an. Was wäre Ihnen denn lieber?

Martina B.: Frauenpension …

Iris Brüning (wählt): Hallo? Iris hier. Wie sieht es mit euren Zimmern aus? Ich hab’s schon bei der Anne versucht, aber da komm ich jetzt nicht durch. Ja ich weiß, die Warteliste hat nur die Fachstelle im Blick, aber das eine Zimmer, das jetzt gerade frei ist, erwartet ihr da heute noch einen Einzug? Gut, dann werde ich in der Fachstelle dieses Zimmer ansprechen. Gut, danke. Tschüss. (Wählt) Huch, wer ist da bitte? Oh, da habe ich mich verwählt (lacht und legt auf). Tiefbauamt, da wollen wir nicht hin. (Wählt noch mal.) Ach, Mann! (Es ist wieder besetzt, sie drückt auf die Gabel. Das Handy von Martina B. klingelt.)

Martina B.: Tschuldigung. (Ihr Gesicht wird noch röter, flüstert ins Handy.) Hannes, ich bin gerade auf’m Amt, rufst mich … Alles klar, bis nachher. Ciao.

Iris Brüning: Wir sind hier aber kein Amt (lacht), das Sozialamt ist zwar auch in diesem Gebäude, aber wir sind unabhängig. Übrigens gibt es noch eine weitere Einrichtung nur für wohnungslose Frauen in Stuttgart …

Martina B.: Kenn ich, aber da würde ich nicht noch mal hingehen. Also da würde ich lieber draußen bleiben.

Iris Brüning: Warum?

Martina B.: Weil ich keinen Schlüssel kriege, nicht rauskann, wann ich will.

Iris Brüning: Einen Zimmerschlüssel kriegen sie aber …

Martina B.: Aber nach 24 Uhr kommt man unten nicht mehr rein und nicht mehr raus. Ich hab zu viel Haft hinter mir, als dass ich so etwas mitmache. Ich kann nicht mehr.

Iris Brüning: Ja, aber diese Pforte ist auch ein Schutz. In der Frauenpension sind am Wochenende und nachts keine Sozialarbeiterinnen im Haus. Für manche ist das beängstigend. (Wählt wieder, diesmal die Nummer von der gemischten Unterkunft.) Ja, Brüning, Frauenberatung. Ist bei euch was frei, für eine Frau? Erst mal Notübernachtung, sie wartet auf einen Platz im betreuten Wohnen. Aha, übers Wochenende wäre was möglich. Können Sie sich den Namen aufschreiben für den Fall, dass ich nichts kriege? Frauenpension wäre ihr eigentlich lieber. Ich melde mich noch mal, danke, tschüss (legt auf).

Martina B.: Nur fürs Wochenende? Da kann ich ja gleich meine Tasche nehmen und mich bei irgendjemand auf die Couch legen …

Iris Brüning: Im Moment ist es überall ziemlich dicht. Nehmen Sie doch draußen noch einmal Platz. (Martina B. geht vor die Tür. Iris Brüning wählt wieder die Fachstelle an. Diesmal kommt sie durch) Ja, Iris hier, hallo. Ich habe erfahren, dass es in der Frauenpension ein freies Zimmer gibt. Gibt es eine Warteliste? Äh, Martina B., nein, Arbeitslosengeld I, 570 Euro. Also, du meldest dich, gut. (Sie wartet, bis das Telefon klingelt). Hm, gut, okay, na ja, sie ist Selbstzahlerin, kriegt 570 Euro. Gut, okay. Also, tschüss. (Die Tür geht auf, Martina B. fragt, ob sie wieder reinkommen kann.)

Iris Brüning (nickt): Das Zimmer in der Frauenpension ist frei. (Martina B. atmet auf.) Ich muss nur noch regeln, was Sie pro Tag für das Zimmer zahlen müssen. (In den Hotels teilt sich eine ganze Etage WC und Küche, trotzdem kostet ein Zimmer um die 450 Euro. Die Frauenpension ist noch teurer, weil dort Betreuungskosten auf alle Bewohnerinnen umgerechnet werden.) Ich kläre jetzt den Tagessatz.

Martina B.: Das verstehe ich jetzt nicht. Moment.

Iris Brüning: Sowohl für die Unterkunftskosten als auch für die Betreuungskosten müssen Sie Ihr Einkommen einbringen.

Martina B. (Auf ihrer Stirn zieht sich eine Falte lang. Ihre Stimme zittert): Ich werd verrückt, vielleicht suche ich selbst, schlafe auf der Straße. Ich muss doch meine Raten weiterzahlen, oder soll ich das Risiko eingehen, dass ich wieder in Haft lande, weil ich meine Raten nicht zahlen kann? Ich muss für eine Schwarzfahrt zahlen und an die Staatsanwaltschaft. Hundert Euro allein in diesem Monat.

Iris Brüning: Sie wollen auf die Straße? Aber wenn Sie auf der Straße leben, wird aus Ihrer Substitution nichts, das geht nicht.

Martina B.: Ich muss die Raten zahlen, sonst komme ich in Haft (ihre rot unterlaufenen Augen tränen).

Iris Brüning (Wählt noch einmal die Nummer der Fachstelle. Ihre Stimme klingt fordernd und bestimmt): Martina B. braucht ein Bett für zwei Wochen, so billig wie möglich, damit sie ihre Raten bezahlen kann. Sie ist substituiert, lebt seit zwölf Jahren in Stuttgart (wartet). Okay (legt auf). Im Jägerhaus in Zuffenhausen gibt es ein kleines Zimmer für unter 200 Euro für zwei Wochen. Es ist ein einfaches Gasthaus, ohne Betreuung. Nur können die da gerade niemanden erreichen. Geben Sie mir Ihre Handynummer, dann rufe ich Sie an, wenn ich jemand erreiche. (Martina B. nickt, nennt eine Reihe Zahlen, steht auf und geht. Das Telefon klingelt wieder.)

Iris Brüning: Ja? Das Zimmer ist frei, okay, ich rufe sie an. Wenigstens können wir ihr mehr bieten als einen Schlafsack …

* Name von der Redaktion geändert