Einsatz für „white nigger“

Wenn die Männer vom Technischen Hilfswerk in Krisenregionen Aufbauhilfe leisten, braucht es keinen Kabinettsbeschluss wie bei der Bundeswehr. Unterwegs mit einem THW-Team in Sierra Leone

Sieben Uhr, Frank Meissner rollt aus dem Feldbett, brummt und verschwindet im Duschcontainer. Nach fünf Minuten ist er wach: nach Duschgel duftend, die Lippen zu einem Grinsen auseinander gezogen. Zum Frühstück gibt’s in Milch schwimmende Cornflakes – halb im Sitzen gelöffelt, halb stehend –, bevor Meissner in seinen schweren, schwarzen Schnürstiefeln Richtung Werkstatt stapft, ein ölverschmiertes T-Shirt auf dem Leib. Meissner nimmt in Afrika Motoren auseinander, schraubt sie wieder zusammen, schmiert Getriebe und hält Dampfstrahler in verschmutzte Tanks, um sie zu säubern.

Zehn Jahre Bürgerkrieg in Sierra Leone sind vorbei, die Rebellen besiegt, zehntausend Kindersoldaten befreit. Drei Jahre schon ist das her. Doch noch immer hungert in Sierra Leone jedes dritte Kind unter fünf Jahren, jedes fünfte stirbt. Achthundert Organisationen haben tausende von Entwicklungshelfern in das kleine westafrikanische Land geschickt, um den fünfeinhalb Millionen Menschen zu helfen. Siebzehntausend UN-Soldaten sollen den Frieden sichern. Und das Technische Hilfswerk (THW) soll dafür Strom bereitstellen. Denn die Soldaten brauchen Licht, Telefon und Kühltruhen, in denen Putenbrüste, Steaks, und was ein Blauhelm sonst noch so zum Leben braucht, lagern können.

Den Strom dafür produzieren vierhundert Generatoren. „Wenn es irgendwo einen Kurzschluss gibt oder jemand statt Sprit Wasser in den Tank gekippt hat, klingelt bei uns das Telefon“, sagt Frank Meissner. Er gehört zum mobilen Einsatzkommando des Technischen Hilfswerks, das die UN für die Wartung der Stromerzeuger angeheuert hat. Jeden Tag zehn Stunden, auch sonntags, vorbei an streunenden Hunden und mit Malaria- und Aidskranken gefüllten Slums. Egal, der THWler ist gut drauf. Nicht, wie er versichert, weil ihm das alles „am Arsch vorbeigeht“, sondern weil das, was er tut, sinnvoll ist.

Meissner ist kein typischer THWler, hat nie mit einem Sandsack in den Händen an einem von Hochwasser bedrohten Deich gestanden wie die Jungs, die vor zwei Jahren als Sommerlochhelden in Lauenburg und Dresden bejubelt wurden. THWler wurde er mit fünfzehn. „War die Idee meiner Mutter, damit ich keine Scheiße bau.“ Seitdem lässt ihn der Verein nicht mehr in Ruhe, schickt Einladungen zu Ortsgruppentreffen, Waldbränden oder eben nach Sierra Leone, einem der ärmsten Länder dieser Welt. Die Menschen hausen in feuchten Lehmhütten und mit Plastikplanen abgedeckten Ruinen, leben von einer Schale Reis am Tag. Das hat ihn gereizt, den 25-jährigen arbeitslosen Schlosser, der mit Schweißgeräten und Schlagbohrern umgehen kann und bis vor einem halben Jahr noch als Türsteher in einer Kölner Disco arbeitete. Seine Abenteuerlust befriedigte er damals noch, indem er regelmäßig mit dem Pitbull seines Freundes Gassi ging. „Irgendwann“, sagt er, „hatte ich einfach keinen Bock mehr auf Deutschland.“

Am Generator in Masjaka, im UN-Hauptquartier der Kenianer, ist das Zündschloss kaputt. Die ganze Nacht hat es geregnet, und es will auch jetzt nicht aufhören. Der Regen spült den fliegenden Händlern, die mit ihren bunten Schirmen und Plastiktüten vor dem UN-Camp hocken, den roten Lehmboden unter den Füßen weg. Überall Bambushütten und Häuserruinen, verziert mit handgemalten Coca-Cola-Schriftzügen, Warnungen vor Lassafieber und dem Aufruf: „Be a patriot. Report a corrupt practice now.“ Am Straßenrand schlafen unter den Verkaufsständen aus rostigen Wellblechen Kinder in zerrissenen, nach Schweiß und Urin stinkenden T-Shirts, während ihre in bunte Tücher gewickelten Mütter gegrillte Maiskolben und Zigaretten verkaufen.

„In Afrika ist alles anders“, sagt Meissner, während sein kräftiger Daumen mit dem schwarzen Rand unter dem Nagel einen Moskito gegen die Windschutzscheibe quetscht, bis es einen dicken Blutfleck gibt. „Hier musst du Lariam gegen Malaria schlucken, Immodium gegen Durchfall, und dein ganzer Körper ist von Moskitostichen zerfressen.“ Auf der Straße steht eine ausgemergelte Ziege und weiß nicht, wohin; daneben ein zerzaustes gackerndes Huhn, das Frank Meissner von der Straße hupt. Er hockt am Steuer des weißen UN-Toyotas, eine Marlboro klemmt zwischen seinen Lippen, um seinen ausrasierten Nacken mit der kleinen Speckfalte hängt eine Kette aus Barrakudaknochen, die ihm „irgendein Einheimischer“ geschenkt hat: „Ich finde die Leute toll hier. Die haben zehn Jahre Krieg hinter sich und können noch lachen. Ich wäre schön blöd, wenn ich nach Deutschland zurückginge.“

Schlaglöcher quälen die Stoßdämpfer, roter Schlamm spritzt, läuft satt und langsam an den Scheiben herunter. Frank Meissner stemmt seinen schweren Stiefel gegen die Bremse. Zwei nigerianische Soldaten hüpfen mitten auf der Fahrbahn in feinen Lederschuhen und langen Baumwollgewändern durch die Pfützen, fuchteln mit ihren Händen Hilfe suchend durch den strömenden Regen. Eine Patronenhülse steckt im Hinterrad ihres Wagens, die Luft ist raus. Frank wirft sich die knallrote THW-Gummijacke über, fragt nach dem Radkreuz unter der Rückbank, doch da sitzen die Frauen der Nigerianer drauf. Und die dürfen nicht aussteigen, weil sie Musliminnen sind: „Dann soll’n sie doch hier hocken bleiben mit ihren Weibern.“ Frank Meissner grinst, wühlt in seinem Wagen nach Werkzeug, robbt unter den Wagen, wechselt das Rad und lacht dann in die Kamera der Nigerianer. „Ich werde hier zehnmal am Tag abgelichtet. Die sammeln Schwarzweißbilder.“

Auf diesem verslumten Stück Erde bringt Frank Meissner einen zum Lachen. Mit ihm redet man nicht über den Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe und UN-Einsätzen. Er ist einfach da, lässt sich von den Leuten „white nigger“ nennen, reagiert mit einem Grinsen und einem Schulterklopfen, als verpasse ihm jemand einen verdammt guten Spitznamen.

Alte, in UN-Weiß getünchte russische Panzer stehen auf dem Gelände des kenianischen Hauptquartiers. Soldaten patrouillieren mit G3-Gewehren unter den auf Bambusmasten hängenden Stromkabeln. Frank Meissner packt seinen Ghettoblaster aus, setzt ihn auf den Generator. In Altölsuppe stehend, fängt er an zu schrauben. Der Kenianer Siles Bangura stellt sich unter einem bunten Regenschirm in Sandalen neben ihn. Er ist für die Generatoren zuständig, hält sie am Laufen, solange nichts kaputtgeht. Ansonsten lässt er das THW-Telefon in Hastings klingeln und bittet Frank Meissner um Hilfe: „Natürlich bastelt einer wie Siles auch mal selbst an den Generatoren rum, zieht irgendwelche Schrauben fest oder haut mit dem Hammer drauf. Wir müssen dann kilometerweit fahren, um den Schaden zu reparieren.“ Als der Generator wieder brummt, drückt Meissner dem Kenianer eine Flasche Bremsenreiniger in die Hand: „So vergisst er nicht, den Generator zu reinigen, und ich habe wieder einen Freund mehr.“

Klaus Buchmüller leitet den Einsatz der THWler in Sierra Leone, er hat einen Blick für Typen wie Meissner. Er selbst hat nur knapp seinen Schulabschluss geschafft und sich von Lehrern immer wieder anhören müssen, dass er froh sein könne, wenn man ihn bei der Müllabfuhr nähme. Buchmüller greift nach einem Geschirrhandtuch, wischt sich die Teighände ab. Das Tuch klemmt er zwischen Hosenbund und Bauch, einen Bauch, der aussieht, als gehöre er einem sofaliebenden Genussmenschen, sei aber nach neun Jahren Einsatzleitung auf dem Balkan gewachsen.

Klaus Buchmüller hält nichts von Intellektuellen, die ewig und drei Tage davon reden, wie entsetzlich der Anblick einer zerbombten Stadt sei, aber im Dickicht ihrer grauen Theorie „den Arsch nicht hochkriegen, um etwas daran zu ändern“. Er lobt seine bodenständigen Männer, die mit schweißverklebten Haaren und ölverschmierten Wurstfingern, Cola und Beck’s-Bier trinkend, auf seine Thunfisch- und Gemüsepizza warten. Sieben Uhr abends. Zwölf Männer hocken im THW-Container und lauschen Frank Meissner, der von irgendeiner Antilope mit Hörnern erzählt, die ihm bei einem Einsatz im Camp der Bangladescher serviert wurde: „Mit Lariam gibt das ’ne feine Mischung, mal sehen, wann die Kotzerei losgeht.“

Michael Plohmann suppt die Cola vor lauter Lachen aus dem Mund. Der ehemalige Oberbootsmann hat in Kiel an der Fachhochschule Maschinenbau studiert und wartet normalerweise beim Eichamt in Schleswig-Holstein Tarierwaagen. Nebenbei hat er in Kossau bei Plön einen Bauernhof mit zwölf Hühnern, zwei Söhnen und einer Tochter. Für Sierra Leone ließ er sich drei Monate freistellen, „weil alles, was Maschine ist, mein Ding ist. Maschinen haben ein Herz wie Frauen, und in Afrika gibt es viele Maschinen.“ Viel mehr Sinn braucht es zum Helfen scheinbar nicht. Manchmal reicht eine Säge. „1989“, erzählt Plohmann, „wurde vor meiner Tür ein Baum gefällt, von THWlern. Ihre Säge ging kaputt, also habe ich ihnen meine geliehen – und schon hieß es: Leute wie dich brauchen wir.“

Das THW ist nicht die freiwillige Feuerwehr, nicht jedes Kind kann die blauen Männer einordnen, die immer wieder Keller auspumpen, Bäume fällen oder zerbombte Häuser aufbauen. Dabei hat es mit 60.000 Ehrenamtlern so viele Mitglieder wie eine mittelgroße, deutsche Kleinstadt Einwohner. Etwa achthundert davon hat Klaus Buchmüller in den vergangenen neun Jahren auf Auslandseinsätzen begleitet: in Kroatien, Bosnien, Serbien, im Kosovo und in Afghanistan. Aber es gibt immer wieder zweifelnde Politiker, die Geld einsparen und die THWler durch Soldaten ersetzen wollen. „Dabei können wir viel schneller helfen“, wirbt Buchmüller für seine Truppe. „Wir brauchen keinen Kabinettsbeschluss, bevor wir ins Ausland dürfen.“

Anders als die Bundeswehr mit ihrem Auftrag zur Friedenssicherung und Verteidigung, ist das THW als eine dem Innenministerium zugeordnete Bundesanstalt für technische und humanitäre Hilfe im In- und Ausland zuständig. Bevor das Ministerium einen Einsatz genehmigt, arbeitet Klaus Buchmüller Vorschläge aus, fährt in Krisengebiete und stellt entsprechende Anträge.

Die Pizza ist verschlungen, die Satellitenschüssel empfängt ZDF. Ein bisschen Heimat, ein bisschen Rosamunde Pilcher: Die deutsche Karrierefrau kann sich nicht entscheiden – soll sie ihr Kind behalten oder nicht? Ein spöttisches Grinsen, Frank Meissner dreht seinen in Diesel getünchten Körper wieder Richtung Ausgang und stapft zur Tür. Für die Kinder, die mit bunten Schirmen und Plastiktüten zwischen den Müllbergen hinterm Nato-Draht hocken, bauen er und die anderen blauen Männer in ihrer freien Zeit eine Schule.