Beim Schreiben ein Genießer

Endlich hat’s geklappt: Die Ehrung für Le Clézio versetzt Paris in einen Taumel aus Jubel und Selbstbeweihräucherung

AUS PARIS DOROTHEA HAHN

Am Morgen des Tages, an dem er den Literaturnobelpreis tatsächlich bekommen soll, es aber noch nicht weiß, sitzt Jean-Marie Gustave Le Clézio morgens in Paris in einem Studio des Radiosenders France Inter. Mit 68 Jahren sieht er immer noch aus wie ein amerikanischer Schauspieler. Typ: eleganter Cowboy. Gerade gehaltener, drahtiger Körper. Ein unter dem zugeknöpften blauen Polohemd sichtbares weißes T-Shirt. Keine Krawatte. Kurze blonde Haare. Unaufdringliches, manchmal verschämt wirkendes Lächeln aus blauen Augen. Selbstbewusst spricht er über seinen „Genuss beim Schreiben“. Über Probleme von jungen Autoren, sich Gehör in der Pariser Verlagslandschaft zu verschaffen. Und über Parallelen zwischen der internationalen Lage in den 30er-Jahren und heute. Zugleich relativiert er sich selbst. „Langfristig sind wir alle tot. Mittelfristig haben wir alle Probleme“, sagt er. Typisch Le Clézio.

Drei Stunden später formuliert die Akademie in Schweden, warum sie ihn in diesem Jahr ausgewählt hat. Er ist „Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase. Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation.“ Le Clézio zeigt in einer ersten Reaktion seine „aufrichtige Freude“. Und Paris verfällt in einen Taumel von Jubel und Selbstbeweihräucherung. In Paris gilt Le Clézio schon lange als „nobelisierbar“. Jedes Jahr im Herbst nennen ihn die Literaturexperten aufs Neue als einen der bestplatzierten Kandidaten. Nachdem es dieses Mal geklappt hat, haben es alle schon längst gewusst. Im Glückwunschschreiben aus dem Élysée-Palast, versucht sich der Staatspräsident an einer Hymne an den 14. französischen Literaturnobelpreisträger. Nicolas Sarkozy nennt den Schriftsteller ein „Kind von Nizza und Nigeria“, einen „Weltbürger“ und „Sohn aller Kontinente und Kulturen“. Le Clézio ist von allem etwas. Und zugleich Lichtjahre von dem literarischen und politischen Paris entfernt, das ihn jetzt zu vereinnahmen sucht. Er kam im Frühjahr 1940 in Nizza zur Welt. In einer bretonischen Familie, die vor dem Terror der Französischen Revolution bis nach Mauritius, östlich von Afrika, geflohen war. In seinem eigenen Leben ist er ein Nomade geblieben. Literarisch und wohnsitzmäßig. Seine Romane spielen in ihrer großen Mehrheit fernab von Paris und oft auch weit von Frankreich und Europa entfernt. Er selbst hat in Afrika und Lateinamerika gelebt. Hat lange Zeiten mit Berbern im Süden Marokkos, mit Indianern in Panama und auf der Südseeinsel Vanuatu verbracht. Hat als junger Mann an englischen Universitäten Literatur gelehrt. Und wohnt seit mehreren Jahren mit Frau und zwei Töchtern im Süden der USA. Angeblich hört er dort weder Radio, noch liest er Zeitung. Doch er ist kein Frankreichflüchtling. Er schreibt auf Französisch. Er besucht das Land seiner Vorfahren oft. Und seine Bücher sind nie weit von den großen französischen und europäischen Themen entfernt.

Schon sein erster Roman, „Das Protokoll“ (Le Procès-Verbal), hat dem 23-jährigen Le Clézio 1963 einen Literaturpreis (Renaudot) verschafft. In den seither vergangenen 45 Jahren hat er ebenso viele Bücher veröffentlicht und zahlreiche französische und internationale Literaturpreise erhalten. Immer wieder geht es Le Clézio um universelle Themen wie die Suche nach den eigenen Wurzeln und der Identität. Oder um die Zeit, die vergeht. Und immer wieder verbindet er sie mit aktuellen Themen. Und mit starkem moralischem, manchmal auch politischem Engagement. Oft benutzt er Begegnungen von Menschen und Geschichten von Lebenswegen, die sich ähneln, auch wenn sie zeitlich und räumlich weit voneinander entfernt liegen.

In „L’Étoile errante“ (1992) kreuzen sich Ende der 40er-Jahre die Wege von zwei jungen Frauen auf jenem Territorium, auf dem später der Staat Israel proklamiert werden soll. Die eine ist Jüdin; hinter ihr liegt die Verfolgung in Europa. Die andere ist Palästinenserin. Sie flieht vor den Neuankömmlingen in eine ungewisse Zukunft. In „Le „Désert“ (1987) siedelt Le Clézio eine um 60 Jahre versetzte Begegnung in der südlichen Sahara an. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führt ein Berberstamm einen „heiligen Krieg“. Jahrzehnte später kehrt die junge Marokkanerin Lalla, die eine internationale Karriere als Mannequin begonnen hat, zu den Orten ihrer Vorfahren zurück.

Le Clézio ist oft ein „Zivilisationsflüchtling“ genannt worden. Ein „Nomade“. Und ein „Abenteurer“. Er selbst mag keine dieser Einstufungen. Am wenigsten mag er die letzte, die auch in der Begründung der schwedischen Akademie auftaucht. 2006 erklärt Le Clézio in einem Interview mit der Zeitung Libération: „Ich glaube nicht, dass das Abenteuer heute existiert.“

Le Clézio, der oft umzieht und der seine Themen und Geschichten aus allen Kontinenten des Planeten und vielen verschiedenen Kulturen und Sprachen bezieht, sagt von sich selbst, dass er Romane schreibt, weil er „unfähig“ sei, „Memoiren zu schreiben. Ich schaffe es nicht, mein eigenes Leben zu betrachten und zu meinen, es wäre interessant.“

Tatsächlich taucht sein eigenes Leben und das seiner Vorfahren, die aus Europa fliehen, um Generationen später zurück nach Europa zu kommen, immer wieder in Le Clézios Romanen auf. Genau wie die Epoche, während deren seine Familie in Übersee war: der Kolonialismus. Als vor wenigen Monaten die französische Rechte – angeführt von dem jetzigen Staatspräsidenten – versuchte, die „positiven Beiträge der Kolonisierung“ im Schulunterricht zu würdigen, vertritt Le Clézio die Gegenthese. Sagt: Der Kolonialismus hat nichts Positives. Relativierend und aus der Vita seiner eigenen Familie, fügt der Schriftsteller hinzu: „Ich habe keinen Anteil am Kolonialismus. Aber ich gehöre zu dieser Geschichte.“