Ein ganz „netter deutscher Trampel“

Der 29-jährige Berliner Schriftsteller Tobias Hülswitt über Kairo, Religion, Selbstkritik und Ironie in Ägypten

taz: Als Stadtschreiber in Kairo – hatten Sie eine bestimmte Vorstellung, was Sie erwartet?

Tobias Hülswitt: Aufgrund meiner Reise in den Iran vor zwei Jahren habe ich geahnt, dass es auch in Ägypten viele Dinge geben würde, die einem Europäer vertraut sind. Allerdings war ich erstaunt, wie religiös auch die Mehrheit der jungen Leute des Bürgertums und der höheren Schichten ist. Das Gespräch kommt immer wieder auf die Themen Glaube, Gott und Koran.

Von Berlin nach Kairo in eine 16-Millionen-Stadt – ein Kulturschock?

Am Anfang hatte ich Angst vor den Taxifahrern, die einen über den Tisch ziehen wollen. Angst vor dem Lärm und dem Verkehr. Angst, mich allein in ein Café zu setzten. Dadurch, dass in Kairo nicht alles so schnell geht, wie ich es von Deutschland gewohnt war, konnte ich auch meine Arbeit nicht so durchziehen. Ich wurde praktisch zwangsentspannt – und liebte es. Plötzlich fiel eine Menge sozialer Druck von mir ab, der mich zu Hause belastete. Lebensstandard, Arbeitspensum, der ganze Kram war auf einmal nicht mehr so wichtig. Das war eine sehr gute Erfahrung. Am Ende habe ich mich beinahe gefreut, mich morgens in den brutalen Verkehr zu stürzen.

Was ist für Ägypten besonders charakteristisch?

Es gibt dort, neben großer Gastfreundlichkeit und Humor, eine Sensibilität, was Aussagen von Ausländern über das Land angeht. Vielleicht empfinden viele Ägypter Kritik an ihrem Land als eine Fortsetzung des Kolonialismus – auf gedanklicher Ebene.

Wie schreibt man über ein fremdes Land?

Ich habe meinen Aufenthalt als Selbstversuch definiert: Man nehme einen Ausländer, stecke ihn in eine fremde große Stadt, mache den Deckel drauf und schaue, wie die beiden Substanzen aufeinander reagieren. Ich schreibe über Ägypten, so wie ich auch über zu Hause schreiben würde – als etwas ganz Normales.

Wie kamen Ihre Lesungen beim Publikum an?

Das ägyptische Publikum fühlte sich von mir zum Teil sehr angegriffen, da es das Gefühl hatte, dass ich nur Negatives über das Land berichte. Das erstaunte mich sehr, weil ich dieses Gefühl nicht hatte. Das deutsche Publikum übrigens auch nicht. Ich kam zu dem Schluss, dass die Ironie und Selbstironie der Texte dem ägyptischen Publikum nicht verständlich wurde. Deshalb wies ich vor den Lesungen auf den Ironiegehalt meiner Texte hin und erklärte, dass ich als Deutscher eine größere Distanz zu meinem Land habe und dass ich über Ägypten genauso wie über mein eigenes Land schreiben wolle. Tatsächlich verliefen die Diskussionen nach diesen Lesungen viel entspannter. Da saß dann eben ein deutscher Trampel, aber im Grunde war er vielleicht doch ganz nett.